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Schwelmer Muslim: „Ich wurde in der Uni als Terrorist beschimpft“

Sprechen in der Moschee in Schwelm oft über ihren Glauben: (von links) Kadir, Burak, Kerim, Imam Levent Cihangir, Osman Yilmaz, Hilal und Elif.

Sprechen in der Moschee in Schwelm oft über ihren Glauben: (von links) Kadir, Burak, Kerim, Imam Levent Cihangir, Osman Yilmaz, Hilal und Elif.

Foto: Veronika Gregull

Schwelm.  Junge Muslime aus Schwelm sprechen über ihren Glauben, Diskriminierung und sagen, was sie vom Burkini-Verbot halten.

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In der Uni-Bücherei als Terrorist beschimpft werden, Job- Absage wegen des Kopftuchs – junge Muslime aus Schwelm sprechen mit dieser Zeitung über Diskriminierung und Vorurteile. „Es gibt so viel Islamphobie im Moment, wir wollen zeigen, dass wir friedlich sind“, sagt Osman Yilmaz. Auch Dogan Tekdemir ist besorgt: „Wir müssen uns nach Anschlägen rechtfertigen für Sachen, die wir gar nicht gemacht habe. Ein wahrer Muslim kann gar kein Terrorist sein.“

Die Jugendlichen der Schwelmer Gemeinde verraten, was ihnen ihr Glaube bedeutet und wie schwer es ist, ohne Gebetsraum auch an der Uni fünfmal am Tag zu beten.

Glaube

Hilal (18): „Mir bedeutet Glaube alles. Mein ganzes Leben besteht aus Glaube, und ich richtige alle meine Handlungen danach aus. Seit Kurzem trage ich ein Kopftuch. Außerdem versuche ich, niemanden zu verletzten, auch Empathie ist ganz wichtig.“

Elif (20): „Das sehe ich auch so. Mein Glaube gibt mir Halt und Kraft in schwierigen Situationen. Wenn ich verzweifelt bin, gibt mir Gott den Halt, nicht aufzugeben.“

Kerim (22): „Ich sehe Glaube auch als eine Art Unterwerfung und Liebe zum Schöpfer zugleich. Ich versuche immer, mehr über meinen Glauben zu erfahren, denn es ist mir wichtig zu wissen, an was ich da eigentlich glaube. Das stärkt den Glauben.“

Kadir (22): „Es gibt einfach so viele Momente, in denen ich denke: „Wow! Ja das ist es.“ Der Glaube gibt mir Hoffnung und Liebe. Und es gibt viele positive Aspekte. Als Moslem sollst du dich auch um deine Nachbarn kümmern, man glaubt also nicht nur für sich, sondern für alle Menschen.“

Burak (23): „Der Glaube macht uns zu besseren Menschen. Durch die Ethik, die die Religion vermittelt, können wir eine friedliche Gesellschaft etablieren.“

Alltag

Kerim: „Ich versuche, mich auch im Alltag an die Gesetze zu halten. Ich bin Student an der Ruhr-Universität Bochum. Dort haben wir ebenfalls die Möglichkeit, zu beten.“

Kadir: „An der TU-Dortmund gibt es keinen Gebetsraum mehr. Darum gehen wir zum Beten in einen abgelegenen Raum unten in der Bibliothek. Wir wollen ja auch nicht so auffallen. Das ist auch ok so, nur die rituelle Waschung vor dem Gebet ist etwas komplizierter. “

Elif: „Mich fragen auch viele Mitstudenten nach meinem Glauben, zum Beispiel, wenn ich faste.“

Hilal: „Genau das kenne ich auch. Wir fasten ja, damit wir sehen, wie es armen Menschen geht. Das ist eine der fünf Säulen des Islam.“

Kadir: „Das ist auch etwas, das ich gut finde: Man versetzt sich in andere Menschen hinein. Wir sollten auch einmal im Jahr Geld spenden an ärmere Mitmenschen.“

Elif: „Ich war vor vier Jahren zum ersten Mal in Mekka, das war beeindruckend. Das war eine ganz andere Welt. So viele Menschen auf einem Haufen, das war eine besondere Atmosphäre. Danach habe ich mich auch noch mehr für meinen Glauben interessiert.“

Burkini

Kerim: „Das Burka- beziehungsweise Burkini-Verbot ist doch nur symbolisch. Ich finde es ein wenig schwachsinnig, weil es nur sehr wenige Frauen gibt, die eine Burka tragen.Man bekommt langsam das Gefühl, als würde eine Propaganda-Aktion gestartet gegen Muslime, wie damals traurigerweise gegen die Juden.“

Kadir: „Ich finde das diskriminierend. Es gibt auch Nicht-Muslime, die am Strand lange Kleidung tragen, weil es besser für die Haut ist.“

Vorurteile

Elif: „Ich habe schon öfter gemerkt, dass Menschen mich wegen meines Kopftuchs komisch angucken. Einmal habe ich mitbekommen wie eine Frau zu einer muslimischen Verkäuferin in der Bäckerei gesagt hat: „Ach, ist da doch Gehirn unterm Kopftuch.“ Außerdem denken viele, dass ich kein Deutsch sprechen kann, nur weil ich ein Kopftuch trage. Auch eine Bewerbung von mir wurde deshalb schon abgelehnt. Trotzdem trage ich das Kopftuch weiter.“

Kerim: „Auch meine Mutter hat wegen ihres Kopftuchs schon einiges zu hören bekommen. Ich selbst habe auch Erfahrung mit Diskriminierung machen müssen. Ich saß mit mehreren Freunden in der Bücherei an der Ruhr-Universität. Einer hatte einen etwas längeren Bart, was eine Frau anscheinend als Aufforderung ansah, aufstand und rief: „Diese Isis-Mitglieder sollten man verjagen und umbringen.“ Und das wiederholte sie mehrere Male.

Im ersten Moment habe ich gelacht, weil ich diesen Satz nicht ernst nehmen konnte und gar nicht wusste, wie ich in dem Moment damit umgehen sollte, weil diese Frau uns lautstark vor so vielen Menschen als Terroristen abgestempelt hat. Diese Situation hat sich immerhin schnell wieder gelegt, aber es ist schon sehr verletzend, öffentlich so unter Generalverdacht gestellt zu werden. Nur weil ich Moslem bin, bin ich nicht gleich auch ein Terrorist.

Der ganze Terror hat mit dem eigentlichen Islam nichts zu tun, man sollte Islam und Terror klar trennen. Ich frage mich, wo das alles noch hinführen soll.“

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