Steckdosen

Schwelmer Genossenschaft verhindert Elektroautos für Mieter

„Eine Steckdose müsste doch heutzutage selbstverständlich sein“: Michael Behle vor der von ihm angemieteten Garage. Sein Vermieter, die Schwelmer und Soziale, will keine Einzellösung ermöglichen.

„Eine Steckdose müsste doch heutzutage selbstverständlich sein“: Michael Behle vor der von ihm angemieteten Garage. Sein Vermieter, die Schwelmer und Soziale, will keine Einzellösung ermöglichen.

Foto: Andreas Gruber

Schwelm.   Michael Behle will sich einen E-Wagen anschaffen. Schwelmer und Soziale erlaubt in der Garage keinen Stromanschluss, obwohl es eine Leitung gibt.

Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt daran. Kein Tag, an dem Politiker nicht beschwören, wie wichtig Umdenken ist. Doch wenn jemand ernsthaft seinen Verbrennungsmotor durch einen Elektroantrieb austauschen möchte, scheitert’s an der fehlenden Steckdose in der Garage. Das ist kein Witz. Es ist bittere Realität für den Schwelmer ­Michael Behle – und wahrscheinlich für viele andere auch.

Der gute Vorsatz

Wann die Entscheidung fiel, seinen gepflegten Benz durch ein E-Auto auszutauschen, daran kann sich der 51-Jährige nicht mehr erinnern. Wenn er davon spricht, klingt es nach einem längeren Prozess, in dem die Einsicht, dass die Verbrenner keine Zukunft haben und die Anschaffung eines E-Mobils auch dem eigenen Portemonnaie gut tun könnte, zu einem ernsthaften Vorhaben reiften. „Das war zu der Zeit, als überall nur von Dieselfahrverboten gesprochen wurde.“

Behle ist gelernter Berufskraftfahrer, arbeitet auswärts im Dachdeckereinkauf und fährt von verschiedenen Standorten in NRW, darunter Ruhrgebiets-Großstädte, täglich Lieferungen aus. „Da kommt einem schon der Gedanke, was machst Du, wenn Du im Wagen sitzt und nicht mehr weiterfahren darfst, weil da ein Verbotsschild steht.“ Ihm ging der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Er erinnert sich an die mahnenden Worte der Politiker und Wissenschaftler. Dass die Menschen umsteigen müssen. Dass der Wechsel zur E-Mobilität möglichst schnell gelingen müsse. Und er erinnert sich daran, dass es hieß, vom Staat gebe es Geld, wenn sich jemand ein Elektrofahrzeug kauft. Irgendwo an dieser Stelle fasste Behle für sich einen Entschluss: Der Benz wird durch ein CO2-freies Fahrzeug ersetzt.

„Ich hatte erfahren, dass von den in Aussicht gestellten Zuschüssen erst ein Bruchteil abgerufen wurden“, sagt Behle . Heute blickt er ernüchtert darauf zurück. „Wahrscheinlich wurde nur ein Bruchteil abgerufen, weil es so viele Hindernisse gibt.“

Das Dilemma

Das Hindernis, an dem es bei ihm scheiterte, ist eine ganz alltägliche Winzigkeit. Und genau darum kann Behle nicht glauben, dass sowas überhaupt noch möglich ist. Aber es ist wahr. Er kann sich kein E-Auto anschaffen, weil es in seiner Garage zwar Strom gibt, aber sein Vermieter den Einbau einer Steckdose nicht erlaubt.

Sein Fall stellt sich so dar: Michael Behle wohnt als Mieter der Schwelmer und Soziale Wohnungsgenossenschaft eG in einem Mehrfamilienhaus am Oberloh. Die Mietergaragen befinden sich im Souterrain. Als er vor Jahren eine dieser Garagen anmietete, bekam er keine in seinem Haus, sondern im Haus der Schwelmer und Soziale gleich nebenan. Das war auch überhaupt kein Problem.

Problematisch wurde es erst, als er Anfang Februar bei der Wohnungsgenossenschaft anklopfte. Er wolle eine Steckdose in seiner Garage haben, damit er über Nacht eine Lademöglichkeit hat, wenn er sich ein E-Auto anschafft. „Ich dachte an eine normale Steckdose mit 220 Volt. Das Aufladen dauert damit zwar länger als bei einem Schnellladegerät. Aber das hätte mir schon gereicht.“ Michael Behle hatte mit einem schnellen Ok gerechnet. Zumal durch seine Garage bereits eine Stromleitung führt, die zur Elektroinstallation des dahinterliegenden Kellerbereiches gehört. Doch statt des Einverständnis gab es eine Absage. Daran änderte sich auch nichts, als er es ein zweites Mal und drittes Mal versuchte und anbot, Abzweigung, Zähler und Steckdose auf eigene Kosten anbringen zu lassen. „Ich hatte schon mit einem Elektriker gesprochen. Das ist keine große Sache.“ Doch die Anfrage wurde immer wieder abgelehnt.

„Immer wieder wurde mir gesagt, dass es wegen des Ablesens nicht geht.“ Angeblich deswegen nicht, weil er im Haus nebenan wohnt und es im Haus, in dem er seine Garage hat, keinen Zähler für ihn gibt. Behle hat kein Verständnis dafür. „Wir leben im 21. Jahrhundert. Da ist es doch normal, dass es in der Garage eine Steckdose gibt.“

So sieht es der Vermieter

Die Nachfrage bei der Schwelmer und Soziale bestätigt, was Michael Behle von seinem Vermieter erfahren haben will. „Die Garage befindet sich nicht in dem Haus, in dem er wohnt. Das macht es schwieriger“, sagt der bei der Wohnungsgenossenschaft zuständige Technische Sachbearbeiter Dirk Möller. Würde er in dem Haus wohnen, gäbe es für ihn zumindest schon mal einen eigenen Zähler.

Das ist nur ein Teil der Begründung. Der andere: Die Schwelmer und Soziale will wegen eines einzigen Mieters nicht so viel Aufwand betreiben und die Elektroinstallation ändern. „Die Leitung bräuchte möglicherweise eine andere Absicherung, eine neue Abzweigung, einen Zähler und einen neuen Zählerschrank“, erklärt Möller. „Stellen Sie sich vor, wir machen das, und dann kommt der nächste Mieter. An solchen Insellösungen kann uns als Vermieter nicht gelegen sein.“ Wie seinen Aussagen zu entnehmen ist, wurde nicht einmal geprüft, ob die Leitung, die durch die Garage führt, für eine zusätzliche Steckdose überhaupt geeignet ist.

„Wir setzen uns mit dem Thema E-Mobilität auseinander“, sagt Dirk Möller. Vielmehr bräuchte es aber umfassendere Ansätze in Abstimmung mit dem Verband der Wohnungswirtschaft. Möller verweist darauf, dass die Umsetzung in Bestandsbauten schwieriger als bei Neubauten ist. Aktuell stünden bei der Schwelmer und Soziale nur Modernisierungen an. Allein in Schwelm unterhält die Genossenschaft knapp 300 Wohnungen.

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