Regionalplan

Schwelmer wollen sich gegen neue Gewerbefläche wehren

Ein Blick in besorgte Gesichter: Gerd Löber informiert die Menschen über den Regionalplan und über seine Bedeutung für die Zukunft in Schwelm.

Ein Blick in besorgte Gesichter: Gerd Löber informiert die Menschen über den Regionalplan und über seine Bedeutung für die Zukunft in Schwelm.

Schwelm.   Etwa 200 Menschen kommen zur Informationsveranstaltung im Gemeindehaus Linderhausen. Viele fühlen sich von Stadt und Politik übergangen.

Die Seitenstreifen der Gevelsberger Straße waren am Montagabend auf hunderten Metern dicht zugeparkt. Mehr als 200 Menschen strömten aus dem Dunkeln ins Gemeindehaus Linderhausen – getrieben von der Sorge um ihre Zukunft. Sie haben Fragen, sie fühlen sich übergangen, sie wollen sich wehren – gegen die Ausweisung einer gigantischen Industrie- und Gewerbefläche direkt vor ihrer Nase.

Beschluss für die nächsten 20 Jahre

Gerd Löber vom Bürgerverein Linderhausen, der ins Gemeindehaus eingeladen hatte, bringt die Menschen erstmal auf den Stand. Regionalplan? Ganz wichtig! Der Plan gibt den Rahmen vor, was die Kommunen wie und wo machen können. Ob Gewerbe, Siedlungsraum oder schützenswerte Landschaft. Was im Regionalplan steht, hat für die nächsten 20 Jahre oder mehr Gültigkeit.

Schützen. Es ist das Stichwort für den Bürgerverein. Der Schwelmer Norden ist regionaler Grünzug. „Der fängt an bei Korthausen, geht über Oberberge bis hoch nach Gangelshausen und zieht sich nördlich ums Schwelmer Stadtgebiet“, erklärt Gerd Löber.

Grünzüge sind schützenswerte Frischluftschneisen. Sie sind wichtig für das Klima in der Region. Löber projiziert Karten an die Wand. Sie zeigen das Geflecht solcher Schneisen durch die Ruhr-Region. Es sind weniger Schneisen als gedacht. Daher seien sie ja so wichtig, betont er.

„Jahrzehntelang ist da niemand dran gegangen. Jetzt soll dort eine riesiges Industrie- und Gewerbefläche hin“, erläutert Gerd Löber. 103 Hektar, die der Regionalverband in seinen Regionalplan-Entwurf eingezeichnet hat, plus 37 Hektar Gewerbefläche, die die Stadt Schwelm gemeinsam mit Sprockhövel weiter nördlich im Bereich Gangelshausen zusätzlich ausweisen möchte (wir berichteten). „Es kann ja sein, dass dann irgendwo anders eine Ersatzfläche hin kommt. Aber hier oben bei uns gibt es die nicht“, sagt Löber. Der Grünzug und die Frischluftschneise seien dann für immer zerstört. „Wie kann es sein, dass eine Gemeinde dann einfach sagen kann, wir wollen dort eine Gewerbefläche haben, ohne dass der Aspekt des Schutzraums vorher diskutiert wurde“, hat Gerd Löber kein Verständnis für das Verfahren, aber auch für das Vorgehen von Stadt und Politik.

Für Betriebe ab acht Hektar Größe

Die Gewerbeflächen, um die es geht, nennen sich Regionale Kooperationsstandorte. Das ist Planer-Deutsch und bedeutet: Städte können die Flächen gemeinsam erschließen (und sich die Erträge später teilen). Der Unterschied zu einem interkommunalen Gewerbegebieten aber ist: Regionale Kooperationsstandorte werden nicht auf die vorhandenen Gewerbeflächenkontingente angerechnet, sondern kommen noch oben drauf. Schwelms Gewerbegebiet in Linderhausen besteht also weiterhin (auch wenn es bis heute nicht realisiert wurde).

In Kooperationsflächen dürfen nur Betriebe ab acht Hektar, erläuterte Dr. Ilona Kryl vom Bürgerverein. Also keine kleinen Handwerksbetriebe, sondern Unternehmen, die eher riesige Kästen in die Landschaft setzen. „Und es sind dort Gewerbe und Industrie gestattet“, betonte Dr. Kryl. „Das bedeutet Lärm und Gestank.“

Auch für Michael Treimer von der Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz Schwelm darf das nicht wahr werden. Er kündigte eine gemeinsame Stellungnahme der AGU und aller Naturschutzverbände im Ennepe-Ruhr-Kreis gegen die Pläne an.

Direkt betroffen wäre Landwirt Hinnerk Simon. Sein Hof Oberberge liegt mitten im Planungsgebiet. „Unser Betrieb kann auch mitten in einem Gewerbegebiet existieren. Das ist aber nicht die Landwirtschaft, die wir wollen.“ Auch der Landwirtschaftliche Kreisverband werde eine Stellungnahme gegen die Flächenausweisung abgeben.

Dr. Monika Steinrücke meldete sich zu Wort. Die Wissenschaftlerin setzt sich mit den konkreten Folgen der Gewerbeansiedlung für Linderhausen auseinander. Sie sei gerade dabei, ein Kaltluft-Gutachten zu erstellen. „Ich habe schon angefangen zu rechnen.“ Im besten Falle würde die Ausarbeitung schon zur Ratssitzung am Donnerstag, 14. Februar, vorliegen, erzählt sie nach der Versammlung im Gespräch.

„Warum hat uns keiner informiert? Warum wurden wir nicht gefragt?“ heißt es immer wieder im Laufe des Abend. Und auch: „Was kann man tun?“ Der Bürgerverein rät, aktiv zu werden, Stadt und Politiker anzusprechen, am Donnerstag in die Ratssitzung zu kommen und auch Fragen zu stellen.

Der Bürgerverein hat am Dienstag ein Protest-Schreiben an die Politik verschickt. Aus der Versammlung heraus wurde eine Online-Petition beschlossen. Der Regionalverband nimmt noch bis zum 1. März Stellungnahmen entgegen, die Verbandsversammlung entscheidet dann endgültig in ein paar Monaten. Den Menschen im Saal ist klar, dass die Zeit knapp ist. Viele wollen sie aber nutzen. Der Protest gegen die Gewerbefläche hat gerade erst begonnen.

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