Gericht

Totschlagsprozess: Angeklagter hat zwei Gesichter

Foto: Volker Hartmann

Gevelsberg.  43-jährige Gevelsbergerin und ihr Sohn (10) sagen im Totschlagsprozess gegen ihren ehemaligen Lebensgefährten aus. Anklageschrift bestätigt.

Nächste Runde im Totschlagsprozess gegen einen 44-jährigen Obdachlosen. Die Gevelsbergerin, die er versucht haben soll umzubringen, und ihr Sohn, der alles beobachtet haben soll, haben nun vor dem Hagener Landgericht ausgesagt. Sie haben den schrecklichen Vorfall, der sich im vergangenen Oktober ereignet haben soll, so geschildert, wie ihn die Staatsanwaltschaft in Anklage vorgebracht hatte.

Plötzlich Messer ergriffen

Eigentlich sollte der 43-jährigen Frau eine längere Aussage erspart werden. Ihr mittlerweile zehnjähriger Sohn sollte gar nicht erst aussagen müssen. Aber die Hagener Richter beschlossen nach der gegensätzlichen Einlassung des Angeklagten, die beiden doch ausgiebig zu vernehmen.

Der Angeklagte hatte die Tat vom 16. Oktober zwar weitgehend zugegeben, den Vorfall aber an entscheidenden Stellen anders geschildert. So will er die Frau nicht bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt haben. Er verneinte auch, sie bedroht zu haben mit den Worten: „Ich stech dich ab! Auf diese Gelegenheit habe ich lange gewartet!“

Vor dem Hagener Landgericht wiederholte die Frau ihre Aussage, die sie auch bei der Polizei gemacht hatte. Dem Ausraster, bei dem der 44-Jährige sie mit einem Messer bedroht und mit der anderen Hand fest gewürgt haben soll, ging ein Streit voraus. Die Katze hatte das Bett des Sohnes verunreinigt. Während der Angeklagte nur das Betttuch heruntergezogen haben soll, sei sie wütend geworden, erzählte die Zeugin. „Ich sagte zu ihm, dass er so doch nicht meinen Sohn schlafen lassen kann!“

Klinge bricht bei Gerangel ab

Als sie später – nachdem sie das Bett frisch bezogen hatte – in die Küche kam, saß da ihr Freund. Die Gevelsbergerin erinnerte sich: „Er war ganz ruhig. Und auf einmal greift er in die Schublade, holt ein Messer raus. Er schrie: ‚Ich stech dich ab! Darauf habe ich lange gewartet!‘ Er hielt das Messer von oben mit der Klinge auf mich runter. Mit der linken Hand hat er mich dann gewürgt.“ Sie habe noch geröchelt: „Du bringst mich um“, worauf der Angeklagte meinte: „Das war mein Plan“, so berichtete die Zeugin weiter.

Danach habe sie das Bewusstsein verloren. Wahrscheinlich nur kurz. Neben dem Küchenstuhl sei sie wieder zu sich gekommen. Daran, wie sie dem Angeklagten das Messer entwand, erinnerte sie sich lediglich schemenhaft. Es wurde später von der Spurensicherung mit abgebrochener Klinge im Hausmüll der Gevelsbergerin gefunden. „Ich weiß nur, dass ich ihm das Messer weggenommen habe. Ich habe in der Nacht nicht geschlafen. Ich war wie gelähmt.“ Auch heute noch habe sie mit Schlafstörungen zu kämpfen, sagte sie.

Der Sohn der Gevelsbergerin, ein aufgewecktes, zehnjähriges Kind, wollte aussagen. Durch den Tumult aufgeschreckt, war er an der Küchentür aufgetaucht. Er hatte schließlich Hilfe bei einer Nachbarin geholt, die die Polizei rief. „Ich konnte in die Küche gucken. Er hatte ein Messer und seine Hand war an Mamas Hals. Mama hat gesagt: ‚Hol Hilfe!‘“

Mutter und Sohn erzählten den Hagener Richtern von schönen und schlechten Zeiten mit dem Mann, der nun auf der Anklagebank sitzt. „Ich hab ihn gemocht. Er konnte gut Fußball spielen. Aber manchmal stritten sie sich“, erzählte der Junge.

Erst liebevoll, dann aggressiv

Seine Mutter beschrieb den Angeklagten als einen Menschen mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite liebevoll und freundlich, dann aggressiv und wütend. „Es war wie ein Schalter, der umgelegt wurde. Auf der einen Seite trug er einen auf Händen, dann plötzlich flogen die Fäuste“, sagte die Zeugin nachdenklich.

Immer wieder kam es nach einer guten Phase zu heftigen Streits. „Dann gab es Schläge und ein paar Wochen Psychoterror. Ich bin trotzdem wieder zu ihm zurück, weil man ja auch das andere Gesicht kennt.“


INFOBOX

Der 44-jährige Mann, der zuletzt ohne festen Wohnsitz lebte, ist bereits wegen Körperverletzung verurteilt worden.

2014 hatte er der Gevelsbergerin mit der flachen Hand drei Mal ins Gesicht geschlagen.

Für den nächsten Gerichtstermin am 23. Mai wollen die Hagener Richter die Plädoyers entgegennehmen. Auch mit dem Urteil ist zu rechnen.

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