Große Liebe

Traumhochzeit: Für todkranke Frau wird letzter Wunsch wahr

Trotz Krebskrankheit feiern die beiden ihre Liebe und heiraten: Tamara Reichenbach und Dominik Recknagel im Helios-Klinikum. Im Vordergrund ist die Flaschenpost zu sehen, die für jeden Gast eine persönliche Nachricht beinhaltet.

Foto: Carmen Thomaschewski

Trotz Krebskrankheit feiern die beiden ihre Liebe und heiraten: Tamara Reichenbach und Dominik Recknagel im Helios-Klinikum. Im Vordergrund ist die Flaschenpost zu sehen, die für jeden Gast eine persönliche Nachricht beinhaltet. Foto: Carmen Thomaschewski

Schwelm.   Tamara Reichenbach hat Krebs im Endstadium. Jetzt heiratet die 24-Jährige ihren Traummann Dominik Recknagel. Ihnen bleibt nicht mehr viel Zeit.

Es soll der schönste Tag ihres Lebens werden. Tamara Reichenbach geht mit ihrer großen Liebe Dominik Recknagel den Bund für die Ewigkeit ein. Eine Traumhochzeit im Haus Martfeld, umgeben von ihrer Familie und den Menschen, die sie liebt.

„Wir wollen das Leben feiern“, sagt sie und weiß, dass sie ihren ersten Hochzeitstag vielleicht nicht mehr erleben wird. Die Braut ist 24 Jahre alt und hat Krebs im Endstadium.

Krebskranke Frau aus Schwelm heiratet die Liebe ihres Lebens

Etwa ein Jahr haben ihr die Ärzte noch gegeben. Das war am 18. April. „Ich habe mich einfach getraut und den Ärzten die böse Frage nach dem wie lange noch gestellt“, sagt Tamara Reichenbach. Die Antwort hat alles verändert.

Die Hochzeit wäre eigentlich in vier Monaten gewesen. Doch Zeit ist etwas, das die beiden nicht mehr haben. „Ich weiß nicht, wie es mir in ein paar Wochen geht“, sagt die junge Frau. Schon jetzt gebe es Tage, da möchte sie einfach nur schlafen. Wenn die Schmerzen schlimmer sind, neue gesundheitliche Probleme dazu kommen. So wie jetzt.

Freunde übernehmen Organisation

Tamara Reichenbach zeigt auf die Thrombosestrümpfe, spricht von den neuen Medikamenten, und dass sie seit Tagen kaum etwas essen durfte. „Ich habe einfach nur Hunger“, sagt sie und zwickt ihrem Freund in die Seite. Gleich wird er losfahren und etwas Leckeres für sie holen. Endlich.

Noch liegt die zukünftige Braut in einem Bett im Helios-Klinikum, wenige hundert Meter von dem Ort entfernt, an dem sie am Freitag ihren Dominik heiraten will. Währenddessen planen ihre Freunde den großen Tag.

Traum von der Hochzeit wird trotz schwerer Krankheit wahr

Sie hätten die Sache einfach in die Hand genommen und innerhalb von fünf Wochen die Hochzeit auf die Beine gestellt, die sich Tamara Reichenbach immer erträumt hat. „Ich kann es gar nicht fassen.“ Ihre Stimme wird leiser als sie von dem Novembertag 2012 erzählt. Sie erfuhr von ihrer Krankheit und begrub die Träume von einer Hochzeit. „Man hat mir damals schon gesagt, dass der Krebs unheilbar ist, und ich daran sterben werde. Doch wenn man dann gesagt bekommt, dass man austherapiert sei, dass die Behandlung nicht mehr anschlägt, das ist etwas ganz anderes.“ Darauf sei sie nicht vorbereitet gewesen.

Eine andere, noch aggressivere Behandlungsmethode schlug sie aus. „Das hätte mir vielleicht weitere drei Monate gebracht. Doch ich hätte zu viel Lebensqualität verloren.“ Kraft, die für die schönen Dinge fehlt, die sie mit ihrem zukünftigen Ehemann noch erleben will. Während die junge Frau das sagt, umschließen ihre Finger seine Hand.

Geschenke für die Hochzeitsgäste

Tamara Reichenbach und Dominik Recknagel sind gerade dabei, die Geschenke für die Hochzeitsgäste zu basteln. Farbiger Sand in kleinen Flaschen, die auf der Essensablage des Krankenhausschränkchens aneinander gereiht stehen. Darin eingerollt sind Botschaften der beiden, ganz persönliche Zeilen an jeden einzelnen. Als Erinnerung an ein Fest, das für viele auch ein Abschied sein wird.

Das Brautpaar ist überwältigt von der Anteilnahme. Dank der riesigen Unterstützung wird aus einer Trauung im kleinsten Kreis eine Traumhochzeit, wie sie sich vor ihrer Diagnose sie nicht schöner hätte vorstellen können und die beiden sich nie hätten leisten können. „Wir hatten 1000 Euro Budget“, sagt der 22-jährige Schwelmer.

Doch jetzt werde es ein riesiges Fest mit mehr als 80 Gästen. Statt in einem Gartenhaus, wird in der Schlossfabrik in Solingen gefeiert. Ein Fotograf und ein Kameramann werden diesen Tag für alle Ewigkeit festhalten, ohne etwas dafür zu verlangen.

Hochzeitswagen plus Fahrer

Ein Autohaus stellt kostenlos einen Hochzeitswagen und sogar einen Fahrer zur Verfügung. „Mein Mädchentraum wird wahr“, sagt sie und schaut den Mann, mit dem sie den Rest ihres viel zu kurzen Lebens verbringen will, verliebt an. Er weicht nicht von ihrer Seite und streicht zärtlich über ihr Bein.

Diese Traumhochzeit möglich gemacht haben ihre Freunde. Sie sammelten im Internet Spenden, machten auf das Schicksal des jungen Paares aufmerksam und haben sich zur Aufgabe gemacht, diesen Tag zu etwas Unvergesslichem werden zu lassen. „Wir sind völlig überwältigt“, sagt Dominik Recknagel. Niemals hätten sie mit so viel Hilfe und Mitgefühl gerechnet, sogar von völlig fremden Menschen. Sie sind dankbar und unendlich glücklich.

Und abgelenkt.

Dieser ganze Trubel tue ihr gut, sagt Tamara Reichenbach. Er drängt den Krebs in den Hintergrund, gibt ihr Kraft. „Doch was ist in den Wochen nach der Hochzeit?“, fragt sie und Tränen steigen in ihre Augen. „Ich habe Angst, dass ich dann in ein Loch falle.“ Angst davor, dass die Realität wieder die Überhand gewinnt und dass ihr wieder bewusst wird, dass ihr gemeinsames Glück wohl von begrenzter Dauer ist.

Hochzeitsreise als Überraschung

Vor zwei Jahren haben sie sich auf einer Party kennen gelernt. Bei Dominik Recknagel funkte es sofort, sie blieb auf Abstand. „Ich will keine Beziehung, das bringt doch eh nichts“, habe sie sich damals gedacht. Er ließ sich nicht abschütteln und sie erzählte ihm ihre Geschichte. Über den Krebs und was er mit ihr machen wird, wie es enden wird. Der 22-Jährige hörte zu und blieb. „Ich will mit ihr zusammen sein, egal was ist“, sagt er. Er habe sich sofort verliebt – in die schöne Frau mit dem Haarband und dem Kleid aus den 50er Jahren. „Ich dachte, sie ist mindestens 28.“ Die kurzen Haare hätten sie älter aussehen lassen, sagt sie. „Die Folgen der Chemo.“

„Ich hatte keine Angst“, sagt er – ihm sei immer bewusst gewesen, was ihre Krankheit bedeutet. Für ihn war nur eins wichtig: „Diese Frau lasse ich nicht mehr los.“ Das habe er wirklich nicht, sagt sie und lacht. Dabei habe sie alles versucht, ihn loszuwerden. Um ihn zu schützen.

Jeden Moment genießen

Dann stand er einfach vor der Tür und zog bei ihr ein. Mittlerweile haben sie sich in Schwelm eine gemeinsame Wohnung genommen. Näher an seiner Arbeit, näher am Krankenhaus. Vor etwa einem Jahr machte er ihr den Antrag. Dafür hatte Dominik Recknagel alles genau geplant. Aus ihrer Schmuckschatulle nahm er einen Ring als Vorlage, damit der Verlobungsring auch ja passt. „Er war trotzdem zu groß“, sagt sie. Weil sie leider innerhalb sehr kurzer Zeit sehr viel abgenommen hatte. Aber das spielt alles keine Rolle. Die beiden müssen lachen, als sie ihre Geschichte erzählen.

„Ich habe ihn noch nie nervös erlebt“, aber an diesem Tag schon. Sie sind richtig gut essen gegangen, ganz romantisch. „Da habe ich mich aber nicht getraut“, sagt er. Beim anschließenden Spaziergang habe er nach mehreren Anläufen endlich den Mut gefasst und sei vor ihr auf die Knie gegangen. Wieder war sie es, in der Zweifel aufkamen. Nicht wegen ihrer Gefühle, sondern vor Sorge, was er mit ihr erleben werde. „Ich fragte, ob er sicher sei, was er sich da antut.“

Der 22-Jährige drückt Tamara fester an sich, als er sagt, dass er ihr zeigen wolle, dass er immer an ihrer Seite bleibe. Ein Versprechen, das er heute besiegeln wird. Er möchte einfach jeden Moment, der ihnen noch bleibt, mit ihr genießen.

Ja-Wort im Haus Martfeld

Die Hochzeitsreise hat ihre Mutter organisiert. Noch eine Überraschung, auf die sich die beiden freuen. Über den Ablauf ihrer Hochzeit wissen sie nur, dass sie sich heute (Freitag) ab 12 Uhr im Standesamt im Haus Martfeld ihr Ja-Wort geben. Samstag gibt es eine freie Trauung, danach wird gefeiert. Etwas weiß Tamara Reichenbach aber ganz genau: „Ich werde nicht im Krankenhaus sein, wenn ich heirate. Ich gehe hier vorher raus, egal wie.“

Dass das Kleid zwei Tage vor der Hochzeit noch immer bei der Schneiderin hängt, das sei eben eines der vielen Dinge, die man nicht ändern könne. Eine Freundin holt es für sie ab. „Es muss eben auch ohne Anprobe gehen.“ Und wenn es nicht richtig passt, „dann ist das halt so“. Freitag gehe es um Wichtigeres: „Alle, die wir lieb haben, sind dann bei uns“, sagen sie. „Damit wir gemeinsam einfach nur das Leben und die Liebe feiern können.“

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