Matinée am Sonntag

Von Geweihen, Radwegen und Nachbarschaften

Warum gibt es die Nachbarschaften?“ Unter diesem Titel stand die VIII. Matinée der Stadt Schwelm am Sonntag im Haus Martfeld. Bernd Oesterling, ehemaliger Redaktionsleiter der Westfälischen Rundschau in Schwelm, hielt dazu einen Vortrag. Unser Bild zeigt den Pensionär mit der Dacho-Vorsitzenden Christiane Sartor.

Warum gibt es die Nachbarschaften?“ Unter diesem Titel stand die VIII. Matinée der Stadt Schwelm am Sonntag im Haus Martfeld. Bernd Oesterling, ehemaliger Redaktionsleiter der Westfälischen Rundschau in Schwelm, hielt dazu einen Vortrag. Unser Bild zeigt den Pensionär mit der Dacho-Vorsitzenden Christiane Sartor.

Foto: Lilo Ingenglath-Gegic

Schwelm.   Die achte Veranstaltung der Reihe „Matinée am Sonntag“ setzte den Themenschwerpunkt auf die Schwelmer Nachbarschaften und das Heimatfest.

Die achte Veranstaltung der Reihe „Matinée am Sonntag“ setzte den Themenschwerpunkt auf die Schwelmer Nachbarschaften und das Heimatfest. Dr. Klaus Koch war es gelungen, alle seit 1935 erschienen Heimatfestplakate im Haus Martfeld auszustellen.

Bürgermeisterin Gabriele Grollmann begrüßte das überaus zahlreich erschienene Publikum und gab als erstes bekannt, dass das Vorhaben, Schwelm an die umliegenden Fahrradtrassen (Nordbahntrasse, Schwarzbachtrasse und Balkantrasse) anzuschließen, auf einem sehr guten Weg sei. Mit Hilfe der aktuell gut gefüllten Fördertöpfe müsste ein solcher Anschluss bald möglich sein, zumal der Regierungspräsident Vogel solchen Plänen sehr wohlwollend gegenüber stehe.

Die Stadt der Nachbarschaften

Anschließend berichtete Dr. Bärbel Jäger, Kuratorin des Hauses Martfeld, sehr anschaulich darüber wie die auf dem Dachboden des Hauses gefundenen Geweihe „in gute Hände“ abgegeben werden konnten (wir berichteten). Bei dem großen Konvolut von Geweihen handelte es sich tatsächlich um die verschollene Sammlung des Freiherrn Balduin von Hövel, der im Dienst Kaiser Wilhelms II. gestanden hatte. Während des zweiten Weltkriegs hatte die Familie von Hövel die Geweihe im Haus Martfeld eingelagert. Später, als die Familie 1954 das Anwesen Martfeld mit Kapelle und Ländereien an die Stadt Schwelm übertrug, hatte man die Geweihe offenbar vergessen. Nun bekommt der wertvolle Fund als Dauerleihgabe einen angemessenen Platz im Museum im Jagdschloss Schorfheide in Brandenburg. Die Schorfheide, die sich heute über Teile der Landkreise Barnim, Oberhavel und Uckermark erstreckt, galt als das bevorzugte Jagdrevier der preußischen Könige.

Schwerpunkt der Matinée waren die Fragen „Warum gibt es die Schwelmer Nachbarschaften und seit wann?“. Bernd Oesterling, vielen noch als Lokalchef der Westfälischen Rundschau bekannt, beantwortete beide Fragen äußerst informativ, humorvoll und teilweise sogar auf Schwelmer Platt. Mühelos konnte er an das vorhergehende Thema „Jagd“ anschließen, denn als Journalist habe er sich als Jäger und Sammler gesehen. So sei man in seiner Redaktion auch den Fragen rund um Nachbarschaften und Heimatfest nachgegangen und alljährlich zum Heimatfest veröffentlichte die Zeitung eine Heimatfestbeilage von bis zu 36 Seiten. Kollegen wie Gerd Kleinhempel waren unermüdliche Forscher auf diesem Gebiet.

Da die Schwelmer Nachbarschaften 1935/36 gegründet wurden - die erste war die Gesellschaft Oberstadt 1935, drei weitere Nachbarschaftsgründungen folgten schon 1936 - nahm Oesterling an, dass die Nazis damals die Hände im Spiel gehabt haben könnten. Walter Utermann, Bäcker in der Oberstadt, klärte Oesterling in den 80er Jahren auf: „Das war ganz anders. Mit den Nazis hew wer nix zum daun“. Als 1933 die Arbeitersportvereine verboten wurden, versammelten sich die Oberstädter im „Humorverein“ und in der „Gesellschaft Oberstadt“. Man traf sich zum „Pöhlken schmieten“, war so für die Nazis unverdächtig.

Der Verkehrsverein Schwelm veranstaltete eine Kirmes auf dem Altmarkt, die später zum Brunnen umzog. Als man 1935 eine noch größere Kirmes „inmitten der Stadt“ ausrichten wollte, wurde als Werbemaßnahme ein Festzug organisiert, um mehr Menschen anzulocken. Die Oberstädter sollen damals mit einer Persiflage auf ein nicht vorhandenes Schwimmbad den ersten Preis gemacht haben.

Der Nachbarschaftsgedanke war früher vor allem vom sozialen Miteinander bestimmt. Die „Pflege des nachbarschaftlichen Zusammenrückens“ stand an erster Stelle. Besonders in der Nachkriegszeit war das zu spüren, als die Mitglieder einander aktiv unterstützen. Der Festzug, der nach dem Krieg 100 000 Zuschauer anlockte, rückte später bei den Nachbarschaften immer mehr in den Mittelpunkt.

Bei seinen Recherchen war Bernd Oesterling auf eine interessante Untersuchung gestoßen: 1968 hatte eine Schwelmerin an der Universität Tübingen eine wissenschaftliche Arbeit auch über die Schwelmer Nachbarschaften geschrieben. Oesterling hatte die 89-jährige Frau Nelken, die heute in der Schweiz lebt, telefonisch erreicht und war autorisiert aus ihrem Buch zu zitieren. Ihr 85-jähriger Bruder war in der Matinée anwesend und nahm Oesterlings Dank und Grüße entgegen.

Abschließend meinte Oesterling: „Vandage ist viel von der Solidarität der Nachbarschaften verloren gegangen“, und er bedauerte das allmähliche Verschwinden des Schwelmer Platt, einer „Mundart, die etwas Versöhnliches hat“.

Im Anschluss stellte Christiane Sartor, 1. Vorsitzende der Dacho, die Nachbarschaften im Wandel der Zeit vor. Große Beteiligung zeigte das Publikum beim „Embleme-Raten“, bei dem Sartor die Erkennungszeichen aller 13 Nachbarschaften zeigte und das Publikum die dazugehörige Nachbarschaft raten ließ.

Mit der Einleitung „Nach dem Heimatfest ist vor dem Heimatfest“ gab sie Einblicke in die Arbeit der Nachbarschaften und vor allem der 1954 gegründeten „Dachorganisation der Schwelmer Nachbarschaften e.V.“, kurz: DACHO. So beginnt die Suche nach einem neuen Heimatfestmotto bereits im Dezember, die Vorschläge durchlaufen verschiedene Gremien, bis im März die 13 Nachbarschaften auf der Jahreshauptversammlung über das Motto entscheiden.

Christiane Sartor berichtete aber auch, wie verstärkte Sicherheitsbestimmungen heute die Durchführung des Heimatfestzuges erschweren und dass alle Fahrzeuge und Aufbauten vor dem Heimatfestzug vom TÜV abgenommen werden müssen. Der TÜV-Ingenieur Detlef Gehrmann erweist sich dabei als durchaus hilfreich und gibt den Nachbarn auch gute Tipps für die Sicherheit der Aufbauten.

INFO:

Die Sammlung der Heimatfestplakate von 1935 bis heute sind auf www.heimatkunde-schwelm.de zu finden. Dort hat Dr. Klaus Koch auch Karten mit den geplanten Anbindungen an die Fahrradtrassen eingestellt.

Im „Werbeblock“ wies die Dacho-Vorsitzende Christiane Sartor auf die Heimatfestzeitschrift hin, die ab 10. August in den Verkauf geht. Sie warb für den Heimatfestabend, der am 24. August „mit viel Platt, Dönekes und viel Show“ stattfinden wird und für den Stadtrundgang mit Obernachtwächter, der am 17. August um 18 Uhr beginnt. Vor allem machte Sartor auf den Ökumenischen Gottesdienst zum Heimatfest aufmerksam, der ihr besonders am Herzen liegt.

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