Kultur

Wenn die Flirt-Niete in Schwelm einen auf Macho macht

Marc Neumeister schlüpft auf der Bühne in die Rolle von insgesamt elf Figuren.  Mit denen erzählt er die Geschichte von Daniel und seiner türkischen Freundin.

Marc Neumeister schlüpft auf der Bühne in die Rolle von insgesamt elf Figuren. Mit denen erzählt er die Geschichte von Daniel und seiner türkischen Freundin.

Foto: LEO Theater

Schwelm.   Neues Stück des Leo-Theaters technisch aufwändig inszeniert wie noch nie. Publikum ist von der Premiere im Ibach-Haus begeistert.

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Die letzte Premiere der Spielzeit 2017/2018 brachte der künstlerische Leiter des Leo-Theaters, Marc Neumeister, selbst auf die Bühne und wurde mit lang anhaltenden Standing Ovations für seine grandiose Leistung belohnt. Die siebte Premiere war ein echter Neumeister. Mit seinem zweiten Solo-Stück nach „Hi Dad! Hilfe. Endlich Papa“ brillierte er in „Macho Man“. Inhaltlich betrachtet eher eine Episode, die im Leben vor dem Vaterwerden steht.

Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Roman des Grimme-Preis-Trägers Moritz Netenjakob. Die Bühnenfassung stammt von Gunnar Dreßler. Abgesehen von kleinen lokalen Anpassungen hatte Neumeister sich an den Originaltext gehalten. In der Regiearbeit stand André Bornhöft ihm zur Seite, der am Abend ebenfalls für die aufwendige Technik verantwortlich zeichnete.

Unter den kritischen Augen des Publikums, darunter auch Ensemble- und mitzitternde Familienmitglieder, konnten sie begeistern. Corinna Freyth aus Sprockhövel, die zum ersten Mal im Leo-Theater war, „hatte das gar nicht gedacht, einer alleine auf der Bühne... - ich bin angenehm überrascht.“

Der eine alleine auf der Bühne verkörperte elf weitere Personen, mit denen er gemeinsam die Geschichte von Daniel und seiner türkischen Freundin Aylin erzählte, die er in einem Türkeiurlaub kennenlernt. Die in Schwelm geborene Türkin arbeitet dort als Animateurin. Dabei wandelte sich die Flirt-Niete Daniel, der beim Urlaubsflirt mit der Stewardess höchstens etwas zu trinken angeboten bekommt, zum Macho Man. Dieses wird durch einen eindrucksvollen Kostümwechsel dokumentiert. Da werden die kurzen Hosen mit den weißen Socken in den Sandalen, den lustigen Boxershorts gegen einen figurbetonten engen lila Anzug mit Gel in den Haaren gewechselt. Auch wenn dem Publikum, dieser Marc Neumeister erheblich besser gefällt, so stellt seine Figur Daniel Hardenberger doch fest, dass er kein Macho Man sei. Neumeister sagt als seine Freundin Aylin: „Wenn ich einen Macho will, hole ich mir ein türkisches Original. Ich brauche keine deutsche Kopie.“ Mit dieser Einsicht ist ein Happy End schlussendlich – insbesondere gestärkt durch das liebevoll vorgetragene Lied der Schlümpfe vorprogrammiert.

In dieser Szene erhält Neumeister zum ersten Mal von einer fremden Stimme Unterstützung – Stefanie Bornhöft wird als Aylin aus dem Off von ihrem Mann André Bornhöft eingespielt. Es sei die bisher technisch aufwendigste Inszenierung. Allein 46 Tonaufnahmen müssen punktgenau abgespielt werden. Das minimalistische Bühnenbild wird durch die unterschiedlichen Lichteffekte gekonnt zum Leben erweckt. Der Co-Regisseur Bornhöft schmunzelt, „während sich das Stück langsam in die Köpfe einarbeitet, bin ich in der Technik bereits am wirbeln.“

Mit der Wandlung von Daniel geht einher, dass die leisen nachdenklichen tiefsinnigen Pointen und Wortwitze jetzt auch Platz für oberflächliche effekthascherische Gags lassen, die ohne Umweg durch das Gehirn die Lachmuskeln erreichen. Die Dialoge, die eigentlich ein konzentrierter Monolog von Neumeister sind, werden durch gekonnte Parodien (Udo Lindenberg, Otto Walkes, etc.) aufgelockert. Neumeister spielt mit vollem Körpereinsatz – von den Augen bis hin zu den Zehen. Dies tut dem Stück und dem Publikum sehr gut, denn nicht nur der Schauspieler ist gefordert, sondern die Zuschauer ebenfalls. Man kann sich nicht mal eben seicht berieseln lassen und im Kopf die To Do’s für morgen durchgehen. Es ist kein gedankenloses „Schenkel-Klopf-Stück“. Es ist ein anspruchsvolles ernstzunehmendes Theaterstück. Wer den vollen Spaß des Abends erleben will, der muss sich voll und ganz auf den Mann auf der Bühne einlassen und sich von ihm gefangen nehmen.

Vereinzelt hieß es in der Pause, dass sie diese nun auch selbst benötigt würden. Bei den Diskussionen, die sich nicht nur um die hervorragende schauspielerische Leistung drehten, sondern auch um die Kultur der Türken und Deutschen, zeigten sich einige überrascht, was ihrem Gesprächspartner alles zusätzlich aufgefallen war.

Durch den Erzählstil von Neumeister und dem direkten Blick ins Publikum wurde immer wieder der rote Faden gehalten. Generell galt, wer zweideutig dachte, der hatte eindeutig mehr Spaß in der Vorstellung. Christiane Uies passte sich dem an „Ich bin auf die 2. Halbzeit gespannt – 2. Akt kann ich nicht sagen, das würde ihm in die Karten spielen.“ Zur ersten Spielzeit war ihr Fazit: „Fantastisch, wie lebendig er die unterschiedlichen Situationen alleine meistert.“ Die langjährige Abonnentin Marita Acker (81): „Der Mann ist gut, der leistet was. Er tropft sogar.“ Es ist ein Stück mit Tiefgang, das Schauspieler und Zuschauer vieles zu entdecken gibt.

Neumeister, als sein eigener schärfster Kritiker: „Da ist noch was drin. Es wird sich entwickeln. Ich habe jetzt schon wieder einige neue Ideen im Kopf.“ Im Kopf habe er auch bei den fliegenden schnellen Satz- und Gestikwechseln: „Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß als wer ich rede. Aber ich verarbeite dies auch die ganze Nacht.“

Obwohl es technisch betrachtet ein Monolog war, so trennte er akkurat die einzelnen fiktiven Personen voneinander ab. Er verzichtete überwiegend auf hilfreiche Requisiten zur Unterscheidung der Personen, sondern ließ sie allein durch seine Stimme, Gestik und Mimik unterschiedlich aufleben. Innerhalb von einem Lichtschnipps wechselte er im Monolog die Rollen, die Stimmung, die Ansichten. Auf höchstem Niveau zeigte er seine Wandelfähigkeit – jeden erfasste sofort die Spannung an dem Esstisch der zahlreichen deutschen und türkischen Familienangehörigen.

Das stilechte Döner-Buffett hatten er und die Zuschauer sich nach dieser unterhaltsamen Hochleistung redlich verdient.

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