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Zwischen Chakra, Mantra und Muskelkater - Yoga in Ennepetal

Kundalini-Yoga ist eine Yogatechnik aus Nordindien, die für Brahmanen, die höchste indische Kaste, vorbehalten war. Erst seit 1968 wurde sie durch den Sikh Yogi Bhajan offen für alle gelehrt.

Kundalini-Yoga ist eine Yogatechnik aus Nordindien, die für Brahmanen, die höchste indische Kaste, vorbehalten war. Erst seit 1968 wurde sie durch den Sikh Yogi Bhajan offen für alle gelehrt.

Foto:  Raminder Pal Singh

Ennepetal.   „Ong Namo Guru Dev Namo“ - mit diesen Worten startet die erste Kundalini-Yoga Stunde von Redakteurin Veronika Gregull. Guru was? Eine Reportage.

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„Ich verbinde mich mit der unendlichen göttlichen Schöpfungskraft, die mich aus der Dunkelheit zum Licht führt“, steht der erste Satz auf dem Zettel vor mir übersetzt.

Neben Yoga-Lehrerin sitzt ein Holz-Buddha

Schon jetzt wird klar, dass es hier um mehr geht, als nur Sport und Fitness. Links neben Yoga-Lehrerin Maren Flüshöh sitzt ein Holz-Buddha, rechts neben ihr ein weißer Engel. „Ich bin ein sehr spiritueller Mensch“, sagt sie. Mit ruhiger Stimme gibt sie mir und den anderen sechs Teilnehmerinnen, der „Quoten-Mann“ der Gruppe fehlt heute, die erste Anweisungen. In die Grundposition setzten, tief ein und ausatmen, die Augen schließen. Puh, das schaffe sogar ich noch mühelos.

Beim Einatmen „Sat“ denken und beim Ausatmen „Nam“. Sat nam bedeut wahre Identität, erklärt Maren Flüshöh. Wem das zu fremd ist, der könne es auch einfach durch „ich“ und „bin“ ersetzen. Soweit, so einfach. „Und jetzt abschalten und an nichts denken.“ Das wiederum ist gar nicht so einfach. Die Gedanken schwirren zurück ins Büro. Hab ich die letzte Mail noch beantwortet? Ich bewundere Gabi, die 70-jährige Sitznachbarin, die schon tiefenentspannt neben mir sitzt.

Den Egoaffen überwinden

Neben der Yoga-Matte strömt die Tasse mit Yogi-Tee den Duft nach Zimt aus. „Entspannung“ steht in Großbuchstaben auf dem Zettel, der aus dem heißen Wasser baumelt. Na, dann muss es doch klappen. „Der Tee gehört hier einfach dazu,“ sagt Sandra (35), die Sitznachbarin zur Linken. Ob es am Tee liegt oder nicht, nach weiteren fünf „Sat“ und „Nams“ gelingt es auch mir, ruhiger zu werden.

Dann geht es auch schon mit mehr Tempo weiter. Zu indisch klingender Musik „tanzen wir uns frei.“ Wenige Minuten später wedeln die Frauen mit dem linken Arm auf und ab. Sieht erstmal einfach aus, wird aber schnell anstrengend. „Das ist gut für die Lymphdrüsen und stärkt das Nervensystem im Alltag“, sagt Maren Flüshöh und ermutigt uns: „Haltet durch und überwindet den eigenen Egoaffen.“

Spirituelle Heimat

Und jetzt die Beine nach oben strecken, die Zehen wippen hin und her. Das geht ganz schön in die Beine und eine Minute kann plötzlich ziemlich lang sein. Wieder geht der anerkennende Blick zu Gabi. Scheinbar mühelos streckt die 70-Jährige ihre Beine in die Luft.

Überhaupt, wie 70 sieht sie nicht aus. Wenn spirituelles Yoga hilft, im Alter so fit und agil zu sein, scheint da ja was dran zu sein. „Yoga hält einfach jung“, sagt die 70-Jährige. Der spirituelle Aspekt bei dieser Form des Yoga gefällt ihr besonders gut: „Da geh' ich voll drauf ein. Mir gibt Spiritualität seit Jahren unwahrscheinlich viel, das verändert auch die Aura eines Menschen.“

Nach dem sportlichen Teil liest Lehrerin Maren Flüshöh ein Mantra vor, das wir gemeinsam „chanten“. „Gobinde Mukande Udhare Apare Hariang Kariang Nirname Akame“, sagt sie laut und immer wieder, bis sie die Wörter fast singt. Mehrere Minuten sind alle Frauen wie in Trance und sprechen das Mantra nach, bewegen die Arme zu den einzelnen Wörtern. „Da musste ich mich erst dran gewöhnen“, gesteht die 35-järige Sandra. Mittlerweile sei es für sie aber eine Art religiöses Erlebnis: „Wenn viele Menschen an das gleiche denken, können sie als Gruppe vielleicht schon etwas bewegen.“

Mit Spiritualität hatte Regina (58) vorher „nicht viel am Hut“, aber „man merkt einfach, wie sehr Maren dahintersteht. Und was nicht ist, kann ja noch werden.“ Durch den Raum tönt ein gemeinsames, langgezogenes „Ommm“, wir sollen auf unser Chakra, das dritte Auge, blicken. Kurz bin ich verwirrt, wohin ich schauen soll. „Das ist der Punkt zwischen unseren Augen“, erklärt die Yogalehrerin.

Eingemümmelt in eine kuschelige Decke, umgeben von exotischer Musik klingt diese besondere Erfahrung aus. Es ist eine ganz eigene Welt, in die Maren Flüshöh die Teilnehmer mitnimmt. „Entweder das schreckt einen sofort ab oder man liebt es“, sagt sie, „Ich habe im Kundalini-Yoga meine spirituelle Heimat gefunden.“ Und sie ist sich sicher: Eine 90-minütige Yogastunde in der Woche kann das Leben positiv verändern.

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