Gleichberechtigung

Androgyn-Model Veit Alex: „Wir brauchen mehr Unisex“

Ist privat „gerne maskulin“ und beruflich als weibliches Model erfolgreich: Veit Alexander aus Essen.

Ist privat „gerne maskulin“ und beruflich als weibliches Model erfolgreich: Veit Alexander aus Essen.

Foto: Fabian Strauch

Ehemaliges Mobbing-Opfer, heute erfolgreiches Androgyn-Model: Wie sich der Essener Veit Alex für mehr Geschlechter-Gerechtigkeit einsetzt.

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Veit Alex ist eine Erscheinung: Lange blonde Haare, an den Seiten rasiert, Beine bis zum Himmel. Als Androgyn-Model ist der Essener bundesweit gefragt, lief auf der Berlin Fashion Week 2016 an der Seite von Rebecca Mir, Olivia Jones und Britta Steffen für das Label Riani. Aktuell bereitet er eine TV-Produktion für das kommende Jahr vor, im November starten die Dreharbeiten. Auch als Stylist und Coach ist der 24-Jährige gefragt, war kürzlich Juror bei einem Wettbewerb für kurvige Models in Düsseldorf.

Noch vor einigen Jahren war Veit Alex’ Geschichte eine andere. Das heute so selbst- und modebewusste Model war ein zurückhaltender Junge mit blauen Flecken. Er war Mobbing-Opfer, traute sich teils tagelang nicht, in die Schule zu gehen. „Ich hatte in der Zeit jeden Morgen Bauchschmerzen, war unglaublich traurig und habe mich selbst als Person nicht mehr wahrgenommen“, sagt Veit Alex heute. Vor allem aber habe er sich allein gefühlt: „Ich wurde auf ADHS getestet, war in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, nahm Medikamente – all das war aber sinnlos. Keiner hat mir richtig zugehört oder mich ernst genommen“, sagt der 24-Jährige heute.

Wendepunkt kam im Israel-Urlaubbeim Schwimmen mit Delfinen

Mit seiner Happy-End-Geschichte will er Mut machen, plant für das nächste Jahr Projekte gegen Mobbing an Schulen in der Region. „Ich weiß wie dreckig es mir ging und wie sehr ich mir gewünscht habe, dass jemand für mich da ist. Dieser jemand möchte ich gerne für Menschen werden, denen es heute ähnlich geht wie mir damals“, begründet Veit Alex seine Pläne.

Für ihn selbst kam der Wendepunkt in einem Israel-Urlaub. Seine Eltern hatten ihm das Schwimmen mit Delfinen im offenen Meer ermöglicht. Eine deutsche Touristin bekam mit, in welcher Lebenslage der damals 13-Jährige war und empfahl ein Internat, das ihr Sohn besucht habe. Tatsächlich wechselt er wenig später auf das Internat im Münsterland, wo ihm seine Kunstlehrerin die Augen öffnet: „Sie fragte mich damals: ,Wenn du dich selbst nicht magst, wie sollen dich dann andere mögen?’“, sagt Veit Alex heute.

essener veit alex macht als frau karriere auf dem laufstegDaraufhin wird er selbstbewusster und beginnt, sich für Mode zu interessieren. „Das war im Grunde meine Therapie. Ich wurde extrovertierter und habe mich mehr getraut“, sagt Veit Alex. Wenig später wird er von einem Modefotografen im Centro in Oberhausen entdeckt und gebucht. Sein erstes Casting kurz darauf gewinnt er am gleichen Tag, an dem Travestiekünstler Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewinnt: für Veit Alex ist der Künstler aus Österreich bis heute ein Vorbild.

Schließlich sei es auch Conchita Wurst zu verdanken, dass die strengen Geschlechter-Stereotypen immer mehr aufweichen. Veit Alex ist als Privatperson ein ungeschminkter junger Mann, als Model eine top gestylte Frau mit markanten Zügen, die das Spiel mit der Kamera perfekt beherrscht. „Ich würde privat nie ein Kleid tragen und rasiere mir bis heute nicht die Beine: Ich bin gerne maskulin“, betont Veit Alex. Gleichzeitig genieße er es, wenn ihm in seinem Modeljob die Türen offen gehalten oder die Koffer getragen werden. „Das passiert mir als Mann nicht“, sagt Veit Alex und lacht.

Geht es nach ihm, müsste es noch „vielmehr Unisex-Toiletten und -Klamotten“ geben, „das würde vieles erleichtern“. Bis zur echten Gleichbehandlung der Geschlechter ist es aus seiner Sicht noch ein weiter Weg, „ein Stück davon hat unsere Gesellschaft aber schon geschafft“, sagt Veit Alex.

Er erzählt gern die Geschichte eines Paares, das ihn nach seinem Auftritt bei Radio-Talker Domian kontaktierte – unabhängig voneinander: „Während er mir sagte, dass er gerne Frauensachen trägt und ihm das vor seiner Frau peinlich ist, erzählte sie mir, dass sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. Ich habe den beiden dann empfohlen, einfach mal miteinander zu reden. Das hat geholfen und mittlerweile gehen sie beide als Frau gestylt auf Partys.“

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