Eltern

Baby will nicht warten – 26-Jährige gebärt im Auto

Die glückliche Familie: Widad Houd mit Baby Kenza und dem stolzen Vater Mohamede Chraibi, umrahmt von Dr. Yvonne Böger und Pfleger Bjarne Smuda.

Die glückliche Familie: Widad Houd mit Baby Kenza und dem stolzen Vater Mohamede Chraibi, umrahmt von Dr. Yvonne Böger und Pfleger Bjarne Smuda.

Foto: Foto: Vladimir WegeneR

Essen.  Die Geburt der kleinen Kenza verlief gar nicht wie geplant. Auf dem Weg ins Klinikum waren die Straßen dicht. Und dann ging alles ganz schnell.

Mohamede Chraibi sagt von sich selbst, er sei ein penibler Typ. Einer, der gerne mit Checklisten arbeitet, damit bloß nichts schief geht. Doch an diesem Tag läuft so gar nichts nach Plan. Dabei hatte der 45-jährige Doktor der Wirtschaftspolitologie alles so perfekt vorbereitet.

Seine Frau Widad Houd (26) ist hochschwanger, das Paar erwartet das zweite Kind. Der Geburtstermin ist für Freitag ausgerechnet. Doch das Baby könnte auch schon früher kommen, hat die Frauenärztin gesagt. So soll es dann auch sein.

Am Dienstagmorgen ist es soweit, die die Wehen setzen ein. „Es geht los“, sagt seine Frau. „Lass uns fahren.“ Es ist sechs Uhr früh.

Mohamede Chraibi hat vorgesorgt. Seit zwei Wochen fährt er einen Maxi Cosi im Auto mit sich herum. Im Kofferraum liegt ein gepackter Koffer mit allem, was nötig ist. In der Geburtsabteilung des Uniklinikums wissen sie Bescheid. Mohamede Chraibi hat seine Frau dort schon vor Tagen angemeldet.

Die Wehen kommen im gleichmäßigen Rhythmus, werden aber immer stärker

Das Paar macht sich auf den Weg von Kupferdreh nach Holsterhausen. Mohamede Chraibi ist aufgeregt. „Meine Frau war ganz locker“, erzählt er noch immer aufgewühlt von den Emotionen. Die Wehen kommen im gleichmäßigen Rhythmus, werden aber immer stärker. Das Baby will nicht länger warten. Aber die Straßen sind dicht, im Berufsverkehr geht es nur im Schritttempo voran. Der werdende Vater schaltet das Warnblinklicht an, hupt, aber niemand vor ihm macht Platz. „Warum auch?“, fragt er im Rückblick auf die Szene. „Die wussten ja nicht, was bei uns los ist.“ Verzweifelt hält Chraibi Ausschau nach einem Rettungswagen oder nach einem Streifenwagen der Polizei, der das Paar zum Krankenhaus geleiten könnte. Doch nirgendwo ist Hilfe in Sicht. Die Geburt nimmt da längst ihren natürlichen Verlauf. In Höhe der Tankstelle auf der Müller-Breslau-Straße ist das Köpfchen zusehen, wenig später die Schultern. In Höhe des Polizeipräsidiums bringt Widad Houd ihr Töchterchen zur Welt. „Dass ich schon Mutter war, hat mir sehr geholfen“, wird sie später dem Reporter erzählen. Reda, der Erstgeborene, ist 18 Monate jung.

Der Pfleger durchschneidet die Nabelschnur

Mohamede Chraibi blickt zufällig aufs Navigationsgerät seines Wagens. Es ist 7.19 Uhr. Bis zum Uni-Klinikum sind es nur noch wenige Hundert Meter. Chraibi stoppt seinen schwarzen Audi vor der Notfallambulanz, rennt los und ruft um Hilfe. „Das Kind war ganz blau, fast schwarz.“ Das Baby benötigt offenbar dringend Sauerstoff. Ärzte und Pfleger reagieren routiniert, bei aller Hektik, bringen Mutter und ihr Neugeborenes in den Schockraum, um sie dort zu versorgen. Pfleger Bjarne Smuda schneidet die Nabelschnur, für den 22-Jährigen ist es eine Premiere. Das Mädchen wiegt 3370 Gramm, ist 53 Zentimeter groß. Als Dr. Yvonne Böger, dem Vater mitteilt, Mutter und Kind seien wohlauf, will der es zunächst nicht glauben. Er habe mit dem Schlimmsten gerechnet“, erzählt Mohamede Chraibi. Erleichtert und glücklich fällt er der Notfallmedizinerin um den Hals.

Die Geburt seiner Tochter war filmreif. So etwas komme so gut wie nie vor, heißt es im Klinikum. Als Mohamede Chraibi das Erlebte wortreich schildert, fließen Tränen vor Glück. Dass sein Auto, auf das er so penibel acht gibt, eine Innenreinigung nötig hatte, war leicht zu verschmerzen. „Ich habe kurz überlegt, ob wir unsere Tochter Audi nennen sollen. Aber da hat meine Frau nicht mitgespielt“, scherzt der stolze Vater. Die Kleine heißt Kenza. Auf Deutsch bedeutet das Reichtum. Wenn sie die Geschichte ihrer eigenen Geburt hört, wird sie staunen.

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