Motorradclub

„Fliegende Engel“ aus Altendorf mit reichlich PS unterwegs

„Flying Angels“ nennt sich der Motorradclub der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Altendorf. Er trifft sich am Gemeindehaus an der Buddestraße.

„Flying Angels“ nennt sich der Motorradclub der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Altendorf. Er trifft sich am Gemeindehaus an der Buddestraße.

Foto: Socrates Tassos

Essen-Altendorf.   Als „Flying Angels“ trägt Motorradclub die christliche Botschaft in die Welt. 140 Mitglieder gehen auf Tour. Frauen fahren gleichberechtigt mit.

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Sie nennen sich „Flying Angels“, fliegende Engel. Ein passender Name für eine Artistentruppe am Trapez unter der Zirkuskuppel. Hinter den fliegenden Engeln aus Altendorf steckt allerdings ein Motorradclub. Nicht irgendeiner, sondern ein Teil der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde an der Haedenkampstraße.

Das Club-Logo zeigt zwei blaue Flügel, weiß abgesetzt, ein goldfarbenes Kreuz und darüber ein silbernes Motorrad. Spätestens bei dem Schriftzug „Jesus is Lord“ wird der christliche Hintergrund deutlich. Und noch etwas ist anders. Frauen – sie machen etwa ein Viertel der Mitglieder aus – gehören wie selbstverständlich dazu. „Mädels sind hier sowohl als Sozia als auch eigenständig unterwegs“, sagt Gunhild Klosters (49). „Ich habe mir vorher andere Clubs angesehen. Da waren die Frauen nur Deko“, sagt Gabriele Weßling-Plenz.

Die Bikerin mit den langen, blonden Haaren fährt eine BMW und ist seit sechs Jahren dabei. „Hier ist es einfach nett. Die Menschen gehen offen miteinander um“, erzählt die 58-Jährige, die erst seit 2011 den Motorradführerschein besitzt. Ein religiöser Hintergrund ist nicht Pflicht. „Wir sind offen für alle Biker, wir sehen nur den Menschen“, betont Hans-Jürgen Funke. Der 65-Jährige gründete 2002 den Club ist und seitdem auch sein „Präsi“.

Junge Wilde sucht man vergebens

Der Club ist offen für alle Biker – und alle Maschinen. Vom Motorroller über den Viertelliter-Chopper bis zum Sechszylinder. Auch ein leuchtend blaues Trike, ein Dreirad, gehört zum Fuhrpark, mit dem der Club auf Tour geht. Mal spontan, mal lange geplant. Mal sind es Tagesausflüge – maximal 350 Kilometer. Mal eine Motorrad-Freizeit auf Sardinien. Größere Gruppen werden bei den Touren aufgeteilt. Das habe nichts mit Geschwindigkeit zu tun, wie Funke betont. Die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung sei eine Selbstverständlichkeit. „Wir wollen doch alle gesund nach Hause kommen und Vorbild sein.“ Vielmehr würden die Gruppen nach Fahrstil und Erfahrung eingeteilt. Die, die noch nicht so viel Routine haben, nennen sie liebevoll „Blümchenpflücker“.

30 Mitglieder bilden den harten Kern

Der Verein hat 140 Mitglieder. Den harten Kern bilden etwa 30 – alle im gesetzteren Alter. „Junge Wilde“ sucht man vergebens. Hans-Jürgen Funke: „Junge Menschen können sich diese Maschinen nicht leisten. Und wenn, dann kaufen sie eher eine Rennmaschine. Denen sind wir zu langsam.“

Zur Grundidee des Vereins gehört soziales Engagement. „Schrottgeld“ nennen sie die kleinen Münzen, die sie sammeln und einmal im Jahr einem karitativen Zweck zukommen lassen. Und beim Frintroper Martinszug standen „Fliegende Engel“ in Warnwesten als Ordner am Rande der Strecke zum Donnerberg.

Lebensläufe in der Biker-Bibel

Zu den Aktivitäten der „Flying Angels“ gehört, von April bis Oktober einmal pro Monat zum Biker-Treff am Duisburger Zoo zu fahren. Mit im Gepäck haben sie Biker-Bibeln, die sie kostenlos verteilen. So mancher Motorradfan belächelt sie dort mitleidig. „Solche Reaktionen sind sie gewohnt“, sagt Hans-Jürgen Funke. Der Mittelteil der Biker-Bibel, eines Büchleins im Hosentaschenformat, enthält das Neue Testament. Auf den Seiten davor und dahinter sind Kurz-Biografien von Bikern zu lesen, die dank ihres Glaubens im Leben „die Kurve gekriegt haben“.

„Sinnloses und ausschweifendes Leben“

Der Lebenslauf des „Präsi“ Hans-Jürgen Funke würde gut in diese Reihe passen. Der gebürtige Essener hatte nach eigenen Worten als 16-Jähriger genug von Zuhause, wo ihn seine Mutter im christlichen Lebensstil erzog. Er meinte, seinen Weg auch sehr gut alleine gestalten zu können. „Dabei verlor ich mich fast 20 Jahre lang in einem sinnlosen und ausschweifenden Leben“, erinnert er sich. Partys, Frauen, Alkohol bestimmten den Alltag. Dicke Autos, teure Uhren und viel Geld waren die Statussymbole des Mannes, der im Münsterland die Diskothek „Holiday“ betrieb.

Bis zum bitteren Ende: Familie kaputt, Diskothek pleite, Schulden in sechsstelliger Höhe. „Das war der Zeitpunkt, sich daran zu erinnern, dass es einen Gott gibt, der die Menschen unendlich liebt“, erzählt der 65-Jährige. Die Predigt eines belgischen Missionars in Essen, die er bei einem Besuch bei seiner Mutter hörte, gab letztlich den Ausschlag.

Das war im Oktober 1986. „Seitdem habe ich meine Sichtweise und Prioritäten total geändert. Nicht mehr da, wo ich bin, ist vorne, sondern da, wo Jesus Christus ist“, sagt Hans-Jürgen Funke. Längst hat er wieder eine Familie, fünf Kinder und ein Haus.

„Und einen Traumjob“, sagt der Mann mit dem grauen Schnauzbart. Er ist Teilzeit-Hausmeister im Gemeindehaus der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde an der Haedenkampstraße.

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