Jugendförderung

In der Kfz-Werkstatt „Alte Schmiede“ schraubt die erste Frau

Kfz-Meister und Ausbilder Thomas Handke erklärt der Auszubildenden Lisa Stacks ein Fahrwerkteil. Sie ist die erste weibliche Auszubildende in der Kfz-Werkstatt „Alte Schmiede“ in Essen-Borbeck.

Kfz-Meister und Ausbilder Thomas Handke erklärt der Auszubildenden Lisa Stacks ein Fahrwerkteil. Sie ist die erste weibliche Auszubildende in der Kfz-Werkstatt „Alte Schmiede“ in Essen-Borbeck.

Foto: Katrin Simoneit/ FUNKE Foto Services / FFS

Essen-Borbeck.  Ausbildung für benachteiligte Jugendliche: In der „Alten Schmiede“ hofft Lisa Stacks auf ihre Chance im ersten Arbeitsmarkt – in ihrem Traumjob.

Autos zu reparieren hat sich Lisa Stacks schon lange gewünscht. Bereits als Kind, erzählt sie, wollte sie Kfz-Mechanikerin werden. Seit September ist sie diesem Traum ein ganzes Stück nähergekommen. In der „Alten Schmiede“ an der Hülsmannstraße in Borbeck hat sie nach einem erfolgreichen Praktikum im Sommer mit der dreieinhalbjährigen Ausbildung begonnen. Die Kfz-Werkstatt bildet Jugendliche aus, die sonst schlechte Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt hätten. Läuft für Lisa Stacks alles gut, darf sie nach der Probezeit weiterschrauben.

Im Blaumann mit ölverschmierten Fingern steht die junge Frau aus Katernberg in der großen Halle. Mit Kfz-Meister Thomas Handke überprüft sie gerade an der Hebebühne das Fahrwerk eines Kundenautos. Robert Bosch, Geschäftsführer der gemeinnützigen Kfz-Werkstatt, ist zufrieden. Die 22-jährige ehemalige Förderschülerin stellt sich geschickt an und hat sich gut im Team eingelebt. Derzeit nimmt sie an einer Einstiegsqualifizierung (EQJ) für Jugendliche teil. „Dass wir bisher keine weiblichen Azubis hatten, liegt an der Nachfrage.“ Frauen sind in Kfz-Betrieben immer noch deutlich in der Minderheit. Umso mehr freuen sich die beiden Meister, Thomas Handke und Anselm Quaas jetzt über ihre erste „Azubine.“

Regelmäßige Ehemaligentreffen mit den Lehrlingen

Mit frauenfeindlichen Sprüchen, die sie sich ab und zu von den männlichen Kollegen anhören müsse, könne sie gut umgehen. „Ich kann auch austeilen.“ Ernst nehme sie die blöden Kommentare ohnehin nicht. Das müsse sie auch nicht, stimmt Bosch ihr zu. Die drei anderen Auszubildenden seien ganz sicher keine Macho-Typen und wollten sie einfach nur necken. Die Neue lässt sich die Freude an der Arbeit nicht nehmen: „Es macht einen Mega-Spaß hier“, sagt sie.

Bei regelmäßigen Ehemaligentreffen erfährt das Werkstatt-Team, was aus den bislang 15 Lehrlingen seit 2003 geworden ist. „Die meisten haben anschließend eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden. Viele arbeiten weiter als Kfz-Mechaniker“, freut Bosch der gute Erfolg der gemeinnützigen Einrichtung. Der 45-Jährige ist Sozial-Pädagoge. Vorher war er Schornsteinfeger und machte im Jahr 2000 seinen Meister. „Ich weiß, wie man praktisch arbeitet“, unterstreicht er. Das schätze auch die Belegschaft der „Alten Schmiede“. Für die sei er als Ex-Handwerker eben nicht bloß der „Sozial-Fuzzi“. Was alle Bewerber auszeichnet: Sie sind in irgendeiner Weise benachteiligt, haben keinen oder einen schlechten Schulabschluss, psychische Probleme, eine chronische Krankheit, eine Behinderung oder eine schlimme Biografie. „Keiner dieser Jugendlichen hätte in einem normalen Betrieb eine Chance, genommen zu werden“, fasst Bosch zusammen.

Motor der Werkstatt ist Nächstenliebe

Motor für die Werkstatt sei die christliche Nächstenliebe. Wo früher – nicht nur dem Namen nach – tatsächlich noch ein echter Schmied sein Handwerk ausübte, dürfen junge Leute nicht nur an Autos, sondern auch an ihrem Glück schrauben. Gestartet wurde einst mit zwei Meistern und zwei Werkzeugkisten. „Wir hatten Zweifel, ob wir überhaupt das erste halbe Jahr überleben würden.“ Der Verein „Zug um Zug“, die „Gefährdetenhilfe Borbeck“ und das „Weigle-Haus“ gaben die Anschubfinanzierung. Damals wie heute stand der Fahrtzeug-Technik-Ingenieur Hans-Heinrich Beilharz als ehrenamtlicher Geschäftsführer an Boschs Seite. „Wir gehören der Essener Innung an und arbeiten an echten Fahrzeugen, wie jede andere Kfz-Werkstatt. Vielleicht sind wir sogar besser.“ Denn in der „Alten Schmiede“ werde jeder Auszubildende die ganze Zeit über von einem Meister betreut. „Gesellen haben wir nicht.“

Die Preise für Reparaturen an Autos aller Fabrikate sind marktgerecht. Finanziert wird die Werkstatt durch Spenden. Neben lokalen Firmen leisten auch Privatleute Unterstützung. Wie vor Kurzem: Da hatten die Angehörigen eines verstorbenen Lehrers aus Borbeck anstelle von Grabkränzen um Geld für die „Alte Schmiede“ gebeten. Bosch: „Dabei sind 1200 Euro zusammengekommen.“ Der Betrag wurde gleich in einen neuen Druckluftkessel investiert. „Den alten hatte der TÜV bemängelt.“

Hauptschulabschluss am Ende der Lehre

Was den Meistern bisweilen Sorgen bereitet, sind die schulischen Leistungen ihrer Schützlinge. „Denn in der Berufsschule haben unsere Azubis oft Defizite, weil sie schon vorher keine guten Schüler waren“, weiß Bosch. Aber auch hier dürfen die Jugendlichen auf Hilfe hoffen, sofern sie beim Lernen guten Willen beweisen. Wer fleißig ist, bekommt unter Umständen auch Nachhilfe. Lisa Stacks strengt sich für ihren Traumberuf jedenfalls nach Kräften an. Mit dem Abschluss der dreieinhalbjährigen Lehre würde sie auch den Hauptschulabschluss erwerben. „Das ist ein Riesen-Anreiz für mich“, sagt sie.

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