Nachbarschaft

Corona: Von Einsamkeit und Fürsorge in Essener Hochhäusern

Kleine Geschenke als Mutmacher: Bernd Niesmann vom ASB-Treffpunkt „Zum Glück“ in Steele übergibt die Präsente an Marlies Licharz in der Hochhaussiedlung im Isinger Feld in Essen.

Kleine Geschenke als Mutmacher: Bernd Niesmann vom ASB-Treffpunkt „Zum Glück“ in Steele übergibt die Präsente an Marlies Licharz in der Hochhaussiedlung im Isinger Feld in Essen.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen-Leithe.  Wo Bingo-Club und Umarmung fehlen: Bewohner aus dem Isinger Feld erzählen, wie sie die Krise erleben und was sie in die Hochhaussiedlung führte.

Mit den Einschränkungen wegen Corona kam der Brief von oben: „Die Nachbarn aus der zweiten Etage haben uns sofort Hilfe angeboten“, sagt Marlies Licharz (74) aus dem Erdgeschoss. Am 1. Oktober werden es 53 Jahre sein, die sie im Isinger Feld in ihrer Wohnung lebt. Da sie diese nun kaum noch verlässt, bedeutet ihr Balkon Glück, das Vogelgezwitscher Freude. „Das Selbstverständliche ist zu etwas Besonderem geworden“, sagt sie. So wie ihr geht es in der Hochhaussiedlung manchem älteren Bewohner, der den Bingo-Club vermisst, die gemeinsame Einkaufsfahrt am Freitag - und vor allem Umarmungen.

Dass Marlies Licharz überhaupt ins Isinger Feld zog, ist wohl ihrer Hartnäckigkeit wie dem Mitleid des städtischen Mitarbeiters zu verdanken. „Wir wohnten mit zwei Kindern in anderthalb Zimmern“, beschreibt sie ihre Situation zuvor in Essen-Süd. Das war 1966. Und die Wohnungsknappheit hielt die frühere Gemeindeamtsleiterin für Heisingen mitnichten davon ab, sich samt Kinderwagen auf den Weg zum Wohnungsamt am Kennedyplatz zu machen.

Dreieinhalb Raum galten als purer Luxus

Das Resultat dieses Besuches waren „dreieinhalb Raum und damit ein purer Luxus für die damalige Zeit“, beschreibt sie ihre Freude über das neue Zuhause, den Grüngürtel und die Natur drumherum. Bis heute genießt sie genau das mit ihrem Mann, derzeit eben meistens vom Balkon aus. Einmal sei ihre jüngere Tochter gekommen, mit Maske zu Ostern. Muttertag haben sie die ältere Tochter im Garten gesehen, mit Abstand.

Diese Regeln, die sie seit Corona beachten, nimmt Marlies Licharz schon deshalb sehr ernst, weil sie im Vorjahr schwer krank gewesen ist. Ein Schicksalsschlag, den sie heute mit anderen Augen sieht, da ihr Mann sich wochenlang im Krankenhaus einquartieren konnte, um an ihrer Seite zu sein. „Wäre das jetzt passiert, ich hätte das nicht überstanden“, sagt sie allein zu der Vorstellung, ihre Familie hätte nicht an ihrem Bett sein dürfen. Nun wisse sie nicht nur das Leben mehr zu schätzen, sondern halte weiterhin durch, bis Nähe in der Familie wieder möglich sein wird.

Bingo-Club war ein Höhepunkt in der Woche für die Nachbarn

Dann werden sich auch die Nachbarn endlich wieder zum Bingo-Club sehen, ein wöchentlicher Treff in der Siedlung, eine Gruppe aus 14 Nachbarn, die meisten über 80 Jahre alt, „für viele ist dieser Termin der Höhepunkt in der Woche“, sagt Marlies Licharz. Von der ersten Stunde an zählt Hetty Nowak zum Club, den das Wohnungsunternehmen Allbau anbietet. Die beiden Frauen haben sich angefreundet und wohnten lange in einem Haus – heute können sie sich vom Laubengang aus zuwinken, da Hetty Nowak vor fünf Jahren eine barrierefreie Wohnung gegenüber erhielt.

„Aus dem Fenster sehe ich mein altes Zuhause“, erzählt die 83-Jährige, die 1967 aus Schonnebeck nach Leithe kam. Sie haben umziehen müssen, denn die Decke sei ihnen buchstäblich auf den Kopf gefallen („früher war das so in alten Wohnungen“). So zog die Mutter ihre Kinder im „Isinger“ groß, wie sie ihre Siedlung nennt. Ihr Mann sei vor 30 Jahren gestorben, inzwischen leben auch zwei Söhne nicht mehr. Wenn ihre Tochter kommt, verzichten auch sie darauf, sich in den Arm zu nehmen. Das ist schon deshalb so wichtig, „weil mein Enkel Leukämie hatte“, erzählt die Großmutter.

Acht Etagen, 48 Parteien, dreieinhalb Zimmer

Ihre neue Nachbarschaft beschreibt sie als eher anonym. Acht Etagen, 48 Parteien, zweieinhalb Zimmer barrierefrei und ein Aufzug brachte der Umzug mit sich, der war schon wegen des Rollators notwendig geworden, den sie nicht jedes Mal in den Keller schleppen konnte. Die Wohnung verlässt Hetty Nowak derzeit lediglich für eine kleine Runde, „viel kann ich ja ohnehin nicht unternehmen.“ Dabei reiste sie früher gern, 20 Jahre lang steuerte sie mit ihrem Mann immer den gleichen Ort nahe Kitzbühel an. Jetzt kann sie es kaum erwarten, sich mit den Bingo-Freunden zu treffen. Wenn es wärmer wird, vielleicht draußen mit Abstand, „dann legen wir die Karten auf den Rollator“, hofft sie.

Als mindestens ebenso gesellig wie den Bingo-Club beschreibt Brigitte Müller die Einkaufsfahrten, die Mitarbeiter des Julius-Leber-Hauses immer freitags organisierten. „Sechs Frauen in einem Bus, Sie können sich vorstellen, was da los war“, erzählt die 69-Jährige lachend von dem, was ihr jetzt so fehlt. Vor allem aber sind das die Umarmungen, wenn etwa die Tochter mit den Enkelkindern kommt. Immerhin hätten sie die Beschränkungen, die sie sich zunächst ganz streng auferlegt hatten, inzwischen gelockert, so dass sie sich mit Abstand sehen. Doch sie müssten manchmal aufpassen, damit sie sich nicht vergessen und doch in den Armen liegen, gesteht die fünffache Mutter.

Die Wohnung verlässt sie seit Wochen kaum

„Das ist schon schwer“, sagt Brigitte Müller, die vor zwei Jahren aus Kray-Süd ins Isinger Feld kam. Barrierefreiheit war auch der Grund für ihre neue Wohnung, die sie nun seit sechs Wochen kaum noch verlässt. Es sei denn, sie dreht eine kleine Runde mit Bonny, ihrer kleinen Hündin, die ihr ebenso gegen die Einsamkeit hilft wie die Tagesstruktur, die sich die 69-Jährige geschaffen hat. Plaudern mit der Nachbarin aus sicherer Entfernung, Mundschutz fürs Pflegeheim fertigen oder Kopfkissen auf dem Balkon nähen. Ihre Nachbarschaft sei hilfsbereit, im Haus habe sie eine Freundin gefunden. „Ganz ohne diese Kontakte würde ich diese Zeit nicht ertragen.“

Von den früheren Nachbarn, mit denen Marlies Licharz lange unter einem Dach lebten, sind nicht mehr viele geblieben. Was sich aber entwickelt habe, sei mehr Rücksicht unter den Menschen. „Hoffentlich bleibt das nach Corona so“, nennt sie einen Wunsch. Ein weiterer: den 80. Geburtstag ihres Mannes richtig feiern zu können, so dass die Familie ihr Christkind am 25. Dezember drücken dürfe. „Wir planen nicht, aber wir hoffen“, sagt sie und schickt bei der Gelegenheit herzliche Grüße und viel Dankbarkeit nach oben. Aus der Parterrewohnung ins zweite Geschoss – immer noch gerührt darüber, „dass die jungen Menschen an uns ältere gedacht haben.“

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