Kirche

Corona: Wie die ersten Gottesdienste in Essen ablaufen

In den großen Kircheninnenraum der Werdener Basilika St. Ludgerus dürfen gerade einmal 52 Gläubige hinein.

In den großen Kircheninnenraum der Werdener Basilika St. Ludgerus dürfen gerade einmal 52 Gläubige hinein.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Zahl der Gläubigen ist begrenzt, Gesang und Weihwasser fehlen: Langsam nimmt das kirchliche Leben wieder Fahrt auf. Das reicht nicht jedem.

Auf die Heilige Messe müssen die Essener Katholiken in Corona-Zeiten weiter verzichten. Das Austeilen der Kommunion findet wegen der besonderen Sicherheitsmaßnahmen noch nicht statt. Aber vielen Kirchgängern genügte es, am Samstag und Sonntag erstmals seit Wochen das Wort Gottes wieder live in ihrer Kirche zu erleben. Von Werden über Bredeney bis nach Rüttenscheid kamen Gläubige aller Generationen zum gemeinsamen Beten – unter besonderen Auflagen.

Im offiziellen Kirchenkalender ist der sechste Sonntag nach Ostern bei den Katholiken eigentlich kein besonderer. An diesem Wochenende schon: Mit Blöcken stehen Daniela Weibels und Andrea Harbers auf dem gepflasterten Hof der Basilika St. Ludgerus an der Brückstraße in Werden. Zum Kirchenneustart spendiert Petrus Bilderbuchwetter. „Möchten Sie am Gottesdienst teilnehmen?“, fragt Harbers und zückt den Stift. Nur wer Namen und Anschrift hinterlässt, darf die letzten Meter bis zur mächtigen Pforte des Werdener Doms zurücklegen. Alle Kirchgang-Hygieneregeln sind auf der Klapptafel zwischen den beiden Mundschutz tragenden Damen zu lesen. Ein junger Mann kommt ohne Maske und muss draußen bleiben.

In Werdener Basilika dürfen maximal 52 Menschen hinein

Aus der Tür zur Sakristei wirft Propst Jürgen Schmidt um kurz nach 10 Uhr einen Blick auf die ersten Besucher. Noch 20 Minuten bis zum Beginn. Bisher bot die Basilika unter dem Schutz des heiligen Luidger mehreren hundert Gläubigen Platz. Jetzt dürfen maximal 52 Menschen hinein. Gegen 10.30 Uhr sind etwa 30 Plätze belegt. Mit „sehr gemischter Stimmung, angespannt und dankbar zugleich“ freut sich der Geistliche auf den Neustart nach dem wochenlangen Lockdown. „Die Wortgottesdienste sind Probeläufe.“ Priester und Gemeinden hoffen auf ein Pfingstfest mit regulären Gottesdiensten.

„Ohne Hostien und Gesänge ist das nichts“, meint Claus Ewe. Der Werdener Katholik hatte eine Heilige Messe erwartet und dreht vor der Kirche um. Ein Wortgottesdienst reicht ihm nicht. „Eine Eucharistiefeier wäre mir auch lieber“, sagt Margret Burgmann. Diesen Kirchenbesuch hat sich die Seniorin lang herbeigesehnt. Nach einigen TV-Messen will sie wieder in der Kirche beten. Wie Adelheit Kröger. Die 88-Jährige trägt eine Stoffmaske nach Vorschrift.

Das Weihwasserbecken bleibt leer

Einzeln und mit 1,50 Meter Abstand betreten die Freundinnen den halbdunklen Kirchenraum und greifen zum Weihwasserbecken. Doch das ist nach wie vor leer. Die neue Normalität will anderes: Eine Ordnerin mit Mund-Nasen-Schutz und Handschuhen teilt Desinfektionsmittel zum Händereinigen aus. Pfeile auf dem Boden weisen den Gläubigen den Weg zu den altbekannten Eichenbänken. Bevor das Virus die kirchliche Routine veränderte, haben die meisten Besucher hier unzählige Male gesungen und Messe gefeiert.

Abstand ist auch beim gemeinsamen Gebet der neue Anstand. Ehepaare werden nicht getrennt, andere schon. Wo sonst die Gesangbücher liegen, markieren grüne Schilder die wenigen Sitzplätze. Ausgemessen per Zollstock. Mit einem klangvollen Orgelspiel startet Andreas Kempin für rund 30 Leute diesen so besonderen Gottesdienst. Keiner singt zur Musik. Corona lässt die Gemeinden verstummen, wegen der Tröpfcheninfektion. Obwohl sie ihn abnehmen dürften, lassen viele ihren Mund-Nasen-Schutz vorsichtshalber auf.

Erste Schritte in ungewohnte Liturgie auch in Rüttenscheid

„Die Welt wird eine andere sein, auch die Kirche“, verkündet Propst Schmitt. Er ist allein im weitläufigen Altarraum, wo zu Hochfesten gut 20 Messdiener stehen. „Keiner kann heute sagen, wie es morgen wird.“ Er weckt Gedanken an Bilder, die global verbreitet wurden: Papst Franziskus auf dem menschenleeren Petersplatz, das Ringen um Intensivbetten. Dann macht er Mut und lobt die „vielfach gewachsene Solidarität“. Die größte Erkenntnis in der Corona-Krise sei vielleicht diese: „Wir alle sind Menschen, zerbrechliche Geschöpfe Gottes.“

Ein paar Kilometer weiter haben die Gemeinden St. Markus in Bredeney und die Pfarrei St. Lambertus erste Schritte in eine ungewohnte Liturgie unter vielen Auflagen gewagt. Andachten ohne Hostien gab es vor dem Virus, etwa im Mai zur Verehrung der Gottesmutter Maria. Auch Laien durften die weniger feierlichen „Ersatzmessen“ abhalten, die bei den Katholiken nur Ausnahmen sein sollen. Doch Corona fordert Opfer. Seit 1992 ist Michael Niekämper aus St. Markus Priester. „So eine Situation gab es noch nicht.“ Wie vielen Gläubigen fehlt ihm neben der Eucharistie das Beisammensein nach der Messe. Wie und wann das wieder möglich sei, wisse leider keiner.

Viele Menschen haben handfeste, dringliche Fragen

Aus St. Ludgerus und Martin am Wehmenkamp in Rüttenscheid meldet sich Pastor Oliver Scherges nach seinem ersten Wortgottesdienst seit Mitte März. „In dieser außergewöhnlichen Zeit haben viele Menschen handfeste, dringliche Fragen“, weiß er. Nicht nur Virologen wüssten Antwort. Derzeit zeige sich deutlich, wer wessen Geist sei: „solidarisch und hilfsbereit oder Klopapier bunkernd verstrickt in Egoismen.“ Auch er hoffe zu Pfingsten, dem Hochfest des Heiligen Geistes, auf mehr Normalität - heilige Messen mit Kommunion.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben