Theaterpremiere

Der Teufel am Tresen: Jubel für moderne „Ruhrfaust“-Fassung

Ihre Interpretation von Goethes Faust fällt aus dem Rahmen: Das Ensemble mit Angelo Enghausen-Micaela, Raphael Batzig, Aless Wiesemann und Gina Brand.

Ihre Interpretation von Goethes Faust fällt aus dem Rahmen: Das Ensemble mit Angelo Enghausen-Micaela, Raphael Batzig, Aless Wiesemann und Gina Brand.

Foto: Theater Freudenhaus

Essen.  Gordon Strahls Bearbeitung des Goethe-Stücks begeistert im Theater Freudenhaus: „Ruhrfaust“ mit Lokalkolorit zwischen Zollverein und RWE-Stadion.

Darauf muss man erst einmal kommen: Goethes berühmten Faust nach Essen-Eiberg zu verlegen, mit jeder Menge Lokalkolorit zu verfeinern und dann auch noch Mephistopheles Verführungskünste an der Ruhrgebietsmentalität scheitern zu lassen! Doch genau das hat der Autor Gordon Strahl in seiner modernen Faust-Fassung getan, der jetzt als „Ruhrfaust“ eine umjubelte Premiere im Theater Freudenhaus feierte.

Schon der Einstieg verspricht für die nächsten zwei Stunden mehr Vergnügen als klassische Tragik: Wenn Mephis Topheles (Angelo Enghausen-Micaela) zum Rolling Stones-Titel „Sympathy for the Devil“ seine diabolischen Spielzüge erläutert, um dann im schnellen Wechsel mit Grönemeyers „Tief im Westen“ die Tradition des Ruhrpotts zu karikieren, hat er bereits die ersten „Seelen“ im Publikum auf seine Seite gezogen.

Doch zunächst kurz die Handlung: Seit Generationen führt die Familie Faust in Eiberg die Kneipe „Zum kernigen Pudel“. Nun ist der alte Faust gestorben und sein Sohn Henry Faust (Raphael Batzig), ein abgebrochener Student und Verlierertyp, weiß nicht so recht, ob er die tief verschuldete und heruntergerockte Kneipe übernehmen soll. Der „ewige“ Stammgast Mephis Topheles, der sein Leben am Tresen verbracht hat, ist ihm da keine große Hilfe: Er hält lieber an den guten, alten Zeiten des Ruhrpotts fest und setzt all seine teuflischen Mittel ein, um den jungen Faust für seine Zwecke zu manipulieren und eine Schließung zu verhindern.

Statt in Auerbachs Keller geht es in den Hexenkeller des RWE-Stadions

Da betritt Immobilienentwicklerin Grete Gützel (Aless Wiesemann) die Kneipe, die mit Hilfe von Gastronomin Marthe Majowski (Gina Brand) aus der Opa-Kneipe einen Hipster-Schuppen machen will. Mephis Topheles setzt weiter auf seine diabolischen Kräfte und schlägt, wie in Goethes Faust, eine Wette vor, um ans Ziel zu kommen: Statt trinkend in Auerbachs Keller, wie beim Klassiker, landen alle vier allerdings unter Tage auf Zeche Zollverein, im Hexenkessel des RWE-Stadions und schließlich beim klassischen Mantateller in einer Pommesbude.

Ein Höhepunkt des Abends: Günnis „Containersong“

Um die Ruhrgebietsromantik auf die Spitze zu treiben gibt’s viel „Hömma“ und „Machma“, Pilsken und Korn, Fußball-Fangesänge und, als Höhepunkt, Günnis „Containersong“. Wie Gordon Strahl die weltberühmten Zitate und Szenen radikal modernisiert, verfremdet, an- und umdeutet oder anderen in den Mund legt, ist wunderbar gelungen. Schon bei der ersten Begegnung zwischen Grete und Mephis Topheles lässt sie sich nicht mit „Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen…“ um den Finger wickeln, sondern droht ihm mit einem Tritt in empfindliche Regionen. Hier will Mephis Topheles dem schüchternen Henry mal zeigen, wie man mit Frauen richtig umgeht – und beißt sich nicht zum ersten Mal die Zähne an der schlagfertigen Grete aus.

Und nicht Medizin, Juristerei und Theologie, sondern Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaften hat der „arme Tor“ studiert – und abgebrochen. Zwischendurch wünscht sich Grete auch mal: „Jetzt soll mal Schluss sein mit dem Gereime“, oder fragt Faust beeindruckt: „Ist das von Dir?“. Antwort: „Nee, von Goethe.“ Das alles funktioniert nur dank des Ensembles, das mit viel Witz, Esprit und Spielfreude die Figuren mit Leben füllt: Allen voran Angelo Enghausen-Micaela als exaltierter, von sich selbst eingenommener Verführer. An seiner Seite Gina Brand (Marthe), eine temperamentvolle Ruhrgebietspflanze, die es mindestens so faustdick hinter den Ohren hat, wie der Teufel persönlich. Ob sich da etwa was anbahnt...? Um es mit Goethe zu sagen: „Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.“ Was, wird hier aber nicht verraten.

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