Nachbarschaft

Allbau in Essen klagt über wachsende Streitlust bei Mietern

Allbau-Prokurist Samuel Serifi (li.), Sprachvermittlerin Zahoura Abdou, und  Sozialmanager Michael Minuth kümmern sich um die Allbau-Siedlung am Nothofsbusch in Stoppenberg.

Allbau-Prokurist Samuel Serifi (li.), Sprachvermittlerin Zahoura Abdou, und Sozialmanager Michael Minuth kümmern sich um die Allbau-Siedlung am Nothofsbusch in Stoppenberg.

Foto: Foto: Julia Tillmann

Essen.  Die Gewalt in deutschen Wohnquartieren hat laut einer Studie zugenommen. Der Allbau hat dagegen eine Strategie entwickelt.

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„In deutschen Wohnquartieren nimmt die Gewalt zu.“ So stand es jüngst in diversen Medien zu lesen. Die alarmierende Nachricht ist das Ergebnis einer Studie des Forschungsinstituts Minor im Auftrag des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft. Teilgenommen hatten Wohnungsunternehmen mit einem Bestand von mindestens von 500 Wohnungen.

Mehr als die Hälfte der Befragten (54 %) gab an, dass aggressives Verhalten unter Mietern zugenommen hat. Fast jeder dritte Großvermieter hatte schon gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Mietern und Mitarbeitern erlebt. „Die Leute sind dünnhäutiger geworden. Die Konfliktbereitschaft hat zugenommen“ bestätigt Samuel Serifi, Prokurist beim Allbau. Auch Gewalt gegen einen Hausmeister habe es schon gegeben. „Aber das war ein Einzelfall.“

Die Siedlung am Nothofsbusch war ein Paradebeispiel für einen sozialen Brennpunkt

Für ein friedliches Miteinander hat der Allbau in einigen Quartieren ein Sozialmanagement installiert. Zum Beispiel am Nothofsbusch in Stoppenberg, einer Siedlung aus den 1970er Jahren: 350 Wohnungen, 15 Gebäude mit bis zu acht Etagen, 20 verschiedene Nationalitäten.

Noch zur Jahrtausendwende sei der Nothofsbusch „der Inbegriff eines sozialen Brennpunktes“ gewesen, erzählt Michael Minuth. Vandalismus war an der Tagesordnung, die Fluktuation groß, die Zahl an Beschwerden hoch. Der Allbau hat investiert in Balkone, Spielplätze, in Satellitenanlagen auf den Dächern, damit die vielen Schüsseln an den Balkonen verschwinden – und in seine Mitarbeiter.

Michael Minuth war Hausverwalter beim Allbau, bildete sich zum Sozialarbeiter fort, seit 2008 ist er Sozialmanager am Nothofsbusch. Dort habe er es mit „den Klassikern zu tun, erzählt der 52-Jährige. Mit Treppenhäusern, die nicht gewischt wurden. Mit Sperrmüll vor den Häusern. Mit falsch geparkten Autos… Mit Problemen, wie man sie aus vielen Quartieren kennt.

In 40 der 350 Wohnungen leben Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak

Michael Minuth sucht dann das Gespräch mit den Mietern. Er bemühe sich respektvoll, aber bestimmt aufzutreten. Seine Größe kommt ihm da entgegen. Mit 2,01 Metern ist Minuth eine Erscheinung. Immer den richtigen Ton zu treffen, dürfte nicht leicht sein angesichts der heterogenen Nachbarschaft.

Im Zuge der Flüchtlingskrise sind neue Mieter dazu gekommen. In 40 Wohnungen leben Flüchtlinge aus Syrien oder dem Irak. Sechsköpfige Familien teilen sich auch schon mal dreieinhalb Zimmer. Michael Minuth weiß um die kulturellen Unterschiede. So empfinde es ein muslimischer Gastgeber als unhöflich, wenn sein Gegenüber auf dem Sofa die Beine übereinanderschlägt und ihm seine Schuhsohle zeigt. Der Gast selbst denkt sich gar nichts dabei.

Nach einer Wahl in der Türkei hing eine kurdische Flagge am Balkon

Mit Zahoura Abdou steht Michael Minuth eine Sprachvermittlerin zur Seite. Auch sie stammt aus Syrien. Im Mietertreff gibt es Angebote für arabische Frauen, der Allbau kooperiert mit dem Jugendamt, mit der Diakonie und der Arbeiterwohlfahrt – und achtet darauf, wer wo einzieht. „Wenn irgendwo in der Welt ein Konflikt ausgetragen wird, achten wir darauf, dass wir nicht Angehörige verfeindeter Nationen in einem Haus unterbringen“, sagt Samuel Serifi. Als nach einer Wahl in der Türkei einer der Mieter eine kurdische Flagge über seinen Balkon hing, sei er aufgefordert worden, das Tuch zu entfernen. Die Flagge habe der dann auch umgehend wieder eingeholt.

Wenn nötig müsse man sich eben von Mietern trennen. Auch das sei schon vorgekommen, auch am Nothofsbusch. „Von einigen wenigen lassen wir uns die Nachbarschaft nicht kaputt machen“, betont Serifi. „Auch Parallelgesellschaften wollen wir nicht.“

So ist das Sozialmanagement ein ständiges Bemühen. Dass private Vermieter dazu nicht bereit sind – Serifi hat dafür Verständnis. Auch der Allbau müsste den Aufwand nicht betreiben. Der Wohnungsbestand ist praktisch vollständig vermietet. Und doch lässt sich die städtische Wohnungsgesellschaft das Sozialmanagement 350.000 Euro im Jahr kosten. Es sei gut investiertes Geld. Wer als Vermieter glaube, er müsse gar nichts tun und können die Dinge laufen lassen, liege falsch. Denn dann könnte es schnell vorbei sein mit dem sozialen Frieden in der Nachbarschaft.

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