NRZ-Bürgerbarometer

Die Stadt Essen investiert endlich in die Schulen

Lose hängende Lampen an der Decke des Gangs zu den Umkleiden der Gesamtschule Bockmühle: viele der Schulgebäude sind abrissreif.

Lose hängende Lampen an der Decke des Gangs zu den Umkleiden der Gesamtschule Bockmühle: viele der Schulgebäude sind abrissreif.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Die Hälfte der Befragten beim NRZ-Bürgerbarometer fordern Investitionen in die Schulen. Die Stadt Essen will tatsächlich 300 Millionen Euro in die Sanierung stecken.

Manchmal kommt das Wasser auch von unten: An der Gesamtschule Bockmühle ist in einigen Gebäuden selbst der Betonboden porös, immer wieder verwandelt sich der große Freizeitraum für die Fünft- und Sechstklässler in ein Feuchtbiotop. Das Grundwasser drückt so stark von unten nach, dass bereits vor fünf Jahren der große Saal für immer stillgelegt werden musste. Inzwischen kommt das Wasser auch von oben: Die Deckenverkleidung musste abgehängt werden.

Die Gesamtschule in Altendorf ist reif für die Abrissbirne: Wasserschäden, fehlende Decken, „blinde“ Fenster, in denen das Nass nicht nur den Blick trübt, die Außenfassade mit Löchern gespickt – am morgigen Mittwoch will der Stadtrat über die millionenschwere Zukunft der Schule entscheiden, mit Sanierung, Teilabriss und Neubau am Standort. Es wird Zeit. Die Bockmühle ist nur eines der augenfälligsten Beispiele, in welchem Maße die Stadt an ihren 174 Schulen von der Substanz gelebt hat.

Sogar ein Programm für die Schul-Toiletten

Doch damit soll es nun vorbei sein: Gestärkt durch Förderprogramme von Bund und Land wird die Stadt Essen in den kommenden fünf Jahren rund 300 Millionen Euro in die Sanierung, den Neubau oder die Erweiterung ihrer Schulen stecken. Über 80 Schulen dürften davon profitieren. Selbst für die zuletzt stark in die Kritik geratenen Schul-Toiletten gibt es ein Sonderprogramm. Diese Zahlen nannte jetzt Essens Baudezernentin Simone Raskob: „Wir werden die alten Beton-Bauten ersetzen und moderne Schulgebäude schaffen, die sich an den aktuellsten Lernanforderungen orientieren.“ Der Neubau der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Schonnebeck werde dafür das beste Beispiel: „Das wird ein Vorbild-Bau.“

Die Essener Bürger werden die Dezernentin beim Worte nehmen. Denn auf die Frage, „welche der Maßnahmen am ehesten umgesetzt werden müssten, damit das Leben in Essen auch in Zukunft attraktiv bleibt“, nannten 50 Prozent aller Bürger zweifelsfrei „Investitionen in die Schulen“. Übrigens mit weitem Abstand vor „mehr Kinderbetreuungsplätze“ (15 Prozent) und die „Entwicklung attraktiver Wohngebiete“ (15 Prozent). „Mehr Freizeitangebote für junge Familien“ landete mit neun Prozent nur knapp vor der Gruppe „Sonstiges“ (acht Prozent). Bei Frauen war das Schulthema deutlicher präsenter (55 Prozent) als bei Männern, im Süden stärker als im Norden, bei den mittleren Altersgruppen mit schulpflichtigen Kindern wurden Investitionen in die Schulen erwartungsgemäß ebenfalls häufiger genannt als bei Senioren oder bei jüngeren Bürgern.

Nur 15 Prozent waren 2012 für Investitionen in Schulen

Die Zahlen sind auch deshalb so erstaunlich, weil die Schulfrage vor sechs Jahren kaum eine Rolle spielte und gerade einmal bei 15 Prozent der Befragten die Gemüter bewegte. 2015 dann waren es schon 36 Prozent, die mehr Augenmerk auf die Schulen forderten. Genau umgekehrt verhält es sich mit dem Ruf nach der Entwicklung attraktiver Wohngebiete oder dem Ausbau der Kita-Plätze, obwohl der Stadt rund 2400 Plätze in Kitas und bei Tageseltern fehlen. Auch hier hat Essen ein enormes Tagesstätten-Ausbau-Programm aufgelegt, doch werden viele Einrichtungen erst verspätet fertig.

Bei den Schulen dürfte sich der Wettlauf gegen den Verfall zur Daueraufgabe entwickeln: „Auch wenn wir jetzt sehr viel Geld in die Hand nehmen, darf das nicht das Ende sein“, sagt Baudezernentin Simone Raskob. „Ich kann nur an Bund und Land appellieren, an der Förderung festzuhalten und sie zu verstetigen.“ Ohne die Hilfe aus Berlin und Düsseldorf sei die Schul-Sanierung für eine Kommune wie Essen jedenfalls nicht zu stemmen: „Wir können das alleine nicht schaffen.“

Eine angespannte Haushaltslage

Dieser Forderung schließt sich Andreas Kalipke, schulpolitischer Sprecher der CDU-Ratsfraktion an: „Wir konnten viele Jahre lang nicht die Mittel in die Schulen stecken, die wir eigentlich gebraucht hätten.“ Aber mehr sei bei der über viele Jahre angespannten städtischen Haushaltslage und bei den Auflagen der Bezirksregierung Düsseldorf als Aufsichtsbehörde nicht möglich gewesen, „einige Schulen sind in der Tat in einem beklagenswerten Zustand, wir haben zu lange von der Substanz leben müssen“. Auch mit wieder steigenden Schülerzahlen habe man lange Zeit nicht gerechnet: „Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es Überlegungen, jede dritte Grundschule zu schließen.“ Davon könne heute keine Rede mehr sein, so Kalipke: „Wir bauen aus, denn wir wollen nach wie vor wohnortnahe Schulen für die Kinder.“

Inzwischen habe die Stadt eine fachbereichsübergreifende „Task Force“ auf die Beine gestellt, die zeitnah und schnell mehr Schulraum schaffen soll. Essen, so scheint es, ist hier auf einem guten Weg.

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