Erotische Massage

Doch kein Bordell: Stadt Essen unterliegt Tantra-Masseurin

Durchkneten, das machen andere. Bei der Tantra-Massage, die etwa die Essener Praxis „Samara“ anbietet, geht es um „sinnliche Berührungskunst“. Wo hier die Grenze zur sexuellen Dienstleistung verläuft, beschäftigte jetzt das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

Durchkneten, das machen andere. Bei der Tantra-Massage, die etwa die Essener Praxis „Samara“ anbietet, geht es um „sinnliche Berührungskunst“. Wo hier die Grenze zur sexuellen Dienstleistung verläuft, beschäftigte jetzt das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

Foto: Nestor Bachmann / dpa

Essen.  Wieviel Bordellcharakter steckt in einem Rüttenscheider Tantra-Massagesalon? Zu wenig, um ihn nicht zu genehmigen, fand das Verwaltungsgericht.

Zwei Stunden „Ritual der Sinnlichkeit deluxe“ für 420 Euro, Berührungs-Workshops für Paare, und Massagen, die die Unterhosen-Zone nicht kunstvoll umkreisen, sondern stimulieren – gern auch ein halbes Stündchen oder länger. Vielleicht waren das die empfindlichen Druckstellen, an denen im Essener Bauordnungsamt die Entscheidung fiel: Nichts soll es werden mit der Genehmigung für die Tantra-Massagepraxis „Samara“ an der Rüttenscheider Kunigundastraße, denn dort handle es sich ja wohl doch eher um einen „bordellartigen Betrieb“, der im Wohngebiet nun mal nicht erlaubt ist. Am Verwaltungsgericht Gelsenkirchen sah man das gänzlich anders – ein Streit aus der Intimzone des Baugesetzbuches.

Denn wo fängt die Lust an, und wo hört der ordnungsrechtliche Spaß auf? Im Deutschlandhaus, dort wo Jahr für Jahr unzählige Bauanträge geprüft und am Ende beschieden werden, müssen sie sich auch mit solcherlei Fragen befassen. Erst recht, wenn man es mit Reizbegriffen wie „Tantra“, der „erotischen Massage“, zu tun hat, die Amara Allelein in Rüttenscheid von einem Team geschulter Masseure anbieten lässt.

Sex? Nein: Nur berührt werden und die „Seele fliegen lassen“

Angela und Eva, Kordula und Naomi, Guido, Oliver und all die anderen darf man sich dabei weniger als Physiotherapeuten vorstellen, die verspannte Alltagsrücken der Essener Kundschaft mal so richtig durchkneten. Im geschmackvoll umgestalteten 1. Stockwerk des Hauses, einem ehemaligen zahntechnischen Labor, geht es vielmehr um „ganzheitliche Massagen“: Wo die Berührungskünste einfühlsamer Hände, zum „Klang verträumter und heilsamer Musik (...) Deinen Körper erwecken und Deine Seele fliegen lassen“. So haucht man auf der Internetseite der Praxis.

Im Deutschlandhaus, wo es sonst um Bruttogeschossflächen, Abstandsregeln und Nutzungsänderungen geht, wirken derlei esoterische Wortgebilde dann doch eher wie Fremdkörper: Bei Tantra-Massagen, das sei doch „herrschende Rechtsmeinung“, hieß es hier achselzuckend, würden auch Behandlungen angeboten, „die auf die sexuelle Stimulation der Kunden abzielen“. Sexuelle Dienstleistungen also, ein Kennzeichen des Prostitutionsgewerbes oder umgangssprachlich: so eine Art Bordell. Man weiß sich da einig mit Behörden andernorts in Deutschland.

Beim Ortstermin fanden die Richter: Ein Bordell sieht anders aus

Dass seine beantragte Baugenehmigung nicht mehr einbringen sollte als einen Gebührenbescheid über 185 Euro, wollte der Vermieter der Massage-Praxis „Samara“ nicht auf sich sitzen lassen: Denn erstens gehe es dort gerade nicht darum, möglichst viele Kunden durchzuschleusen. Zweitens sei eine Berührung des Massierenden durch die Kunden nicht zulässig. Und drittens würde die Massage schon gleich gar nicht auf Geschlechtsverkehr hinauslaufen. Also klagte er vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen.

Dessen 5. Kammer machte sich, was keineswegs unüblich ist, persönlich ein Bild davon, wie man sich so eine Praxis vorzustellen habe, in der Venuslippen-Massagen ebenso üblich sind wie die des „Lingam“ (Sanskrit für „Lichtsäule“, das männliche Glied). Die Erkenntnis: Von einem bordellartigen Betrieb könne man wohl kaum sprechen. Zu nüchtern, zu „clean“.

Das Urteil für Essen – ein „wichtiges Signal für andere Behörden“

„Zwar umfassen einige der angebotenen Massagen (...) unstreitig auch den Intimbereich der Kunden und können somit der sexuellen Stimulation der Kunden dienen.“ Der sexuelle Lustgewinn stehe aber nicht im Vordergrund. Und auch die ganze Anmutung – von den Räumlichkeiten über die Präsentation im Internet bis zu den Bemühungen um fachliche Fortbildung – atme eher das Ambiente eines Wellness-Massagestudios als das einer Einrichtung im Rotlicht-Milieu.

Das Ende vom Lied: Die Verwaltungsrichter stellten sich auf die Seite der Masseurin und ihres Vermieters, die Baugenehmigung ist inzwischen erteilt. Und der Tantramassage-Verband (TMV)? Feiert das Urteil als „wichtiges Signal für andere Behörden in Deutschland“. „Wir bieten einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem der gesamte Körper auf selbstverständliche und natürliche Art berührt wird“, sagt der Vorsitzende des Berufsverbandes Olaf Göbel.

Und „Tantra“ ist ja nicht alles: Am 22. Dezember ist im „Samara“ wieder „Kuschelabend“ für 35 Euro je Teilnehmer. „Intimzonen und erogene Zonen werden nicht berührt“, heißt es in der Einladung. Und die Klamotten? Bleiben am Leib.

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