Ein Wortkünstler auf Walfang

Herman Melvilles „Moby Dick“ ist für Literaten immer noch ein kapitaler Fang. Viel zu groß eigentlich für eine Lesung, kaum beherrschbar in seinen Ausmaßen und der Wucht seiner tiefgründigen Symbolik. Im Grillo-Theater sorgte der Schauspieler Ulrich Tukur nun für eine kluge wie packend-komprimierte Fassung dieses Jahrhundertromans.

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Herman Melvilles „Moby Dick“ ist für Literaten immer noch ein kapitaler Fang. Viel zu groß eigentlich für eine Lesung, kaum beherrschbar in seinen Ausmaßen und der Wucht seiner tiefgründigen Symbolik. Im Grillo-Theater sorgte der Schauspieler Ulrich Tukur nun für eine kluge wie packend-komprimierte Fassung dieses Jahrhundertromans.

Stimmungsbilder mit Musik

Tukur macht aus dem maritimen Abenteuer eine Exkursion tief hinein in Herz und Seele dieses weltberühmten Walfänger-Epos. In einer eigenen, auf der Bearbeitung von Wolfgang Knauer basierenden Version, formt er die Geschichte vom rachsüchtigen Kapitän Ahab und seiner rasenden Jagd auf den weißen Wal zum Gerüst eines musikalisch-literarischen Abends, an dem auch die Stimmungen und Zwischentöne dieses Meeres-Epos besondere Tiefe gewinnen.

Unterstützung bekommt Tukur an diesem Abend, an dem ursprünglich Klaus-Maria Brandauer im Grillo-Theater lesen sollte, von dem Pianisten Sebastian Knauer, der zu Melvilles Vorlage weit mehr beisteuert als musikalische Intermezzi. Mit Musik von Bernstein, Chopin und Liszt, aber vor allem mit Mussorskys „Bilder einer Ausstellung“ schafft er intensive Stimmungsskizzen, die Tukur sprachlich aufnimmt, verbindet. Eine dichte, eindringliche Tonmalerei, die nicht nur die Jagd auf den Wal zum mitreißend-schauerlichen Moment werden lässt.

Vielstimmig orchestriert Ulrich Tukur – dieser literarische Lotse im Ringelhemd – dazu seine Stimme. Er flucht und flüstert, er zischt und brüllt, zieht alle Register seines schauspielerischen Könnens und bleibt doch ganz und gar Diener der Figuren. Da bekommt nicht nur der legendäre Kapitän Ahab eindrucksvolle Präsenz, wenn er die Mannschaft auf die große Jagd einschwört und Mann und Schiff am Ende fast geschlossen mit in den Abgrund zieht. Tukur zeichnet auch stimmungsvolle Landschaftsbilder und Zeitporträts. Da erscheint die nebelgraue Küste Neuenglands beim Auslaufen der „Pequpod“ wie auf einem altmeisterlichen Gemälde. Bekommen die Hoffnung und die Beklommenheit jener Glücksritter Ausdruck, die sich damals auf diesem Walfischfänger einfinden. Ismael, als einziger Überlebender, sein Freud Queequeg, und all die anderen, die Melville auf diesen Höllenritt menschlicher Hybris schickt.

Wenn der Meeresriese das Ungeheuer Mensch am Ende bezwungen hat, spürt auch das Publikum den tosenden Sog dieser unvergleichlichen Geschichte. Begeisterter Applaus.

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