Gastro-Meile

„Essen verwöhnt“-Macher sieht Gastronomie in der Krise

Organisator Rainer Bierwirth (2. von.rechts) mit Köchen und Restaurantchefs, die 2018 die Gastro-Meile „Essen verwöhnt“ über die Bühne brachten. Nicht alle sind in diesem Jahr noch dabei.

Organisator Rainer Bierwirth (2. von.rechts) mit Köchen und Restaurantchefs, die 2018 die Gastro-Meile „Essen verwöhnt“ über die Bühne brachten. Nicht alle sind in diesem Jahr noch dabei.

Foto: Kirsten Simon

Essen.  Viele Essener Wirte könnten eine Gastro-Meile nicht mehr stemmen, sagt Organisator Rainer Bierwirth. Erstmals kommen 2019 auswärtige Gastronomen.

20 Jahre lang war die Kettwiger Gastro-Meile eine sichere Bank für die Freunde gehobener Freiluft-Schlemmerei. Vorbei, die Zahl der heimischen Gastronomen, die mittun wollen, wurde kleiner und kleiner bis es in diesem Jahr einfach nicht mehr reichte. Ein Einzelfall ist das nicht. Auch das Flaggschiff der hiesigen Kulinarik-Meilen, „Essen verwöhnt“ in der Innenstadt, muss wegen rückläufiger Bereitschaft namhafter Essener Wirte in diesem Jahr erstmals eine ganze Anzahl auswärtiger Gastronomen auftischen lassen. Die Alternative, die sich Anfang des Jahres gestellt habe, formuliert Organisator Rainer Bierwirth, Vorstand des Vereins Essen genießen, so: „Entweder wir lassen es ganz sein oder wir packen es noch mal richtig an.“

Früher war es mühelos möglich, einen Gourmet-Anspruch allein mit Essener Wirten zu erfüllen

Mit Essener Wirten allein, da lässt Bierwirth keinen Zweifel, wäre die 21. Auflage der immer noch beliebten fünftägigen Veranstaltung vom 3. bis 7. Juli nicht mehr angemessen zu bestreiten. Zwar gebe es prinzipiell genügend Interessenten, aber Essen verwöhnt habe nun einmal einen Gourmet-Anspruch.

Der sei früher relativ mühelos mit Essener Gastronomen erfüllbar gewesen. „Inzwischen ist die Branche aber in einer Krise, gerade in Essen.“ Vor allem das Thema Personal lasse vielen Wirten kaum noch Spielraum für aufwändige und anstrengende Extra-Touren wie den Kulinarik-Meilen. „Es fehlt überall an Service-Kräften und Köchen“, weiß Bierwirth, der hauptberuflich Gastronomen mit Feinkost und Getränken beliefert und deshalb viel Einblick hat.

Einige große Namen wie Residence und Kölner Hof gibt es gar nicht mehr

„Residence“ und „Kölner Hof“ etwa sind zwei renommierte Namen, die früher die Innenstadt-Meile schmückten, aber nicht mehr existieren. Knut Hannappel, auch er viele Jahre eine feste Größe bei „Essen verwöhnt“, habe beschlossen, sich auf sein gleichnamiges Restaurant in Steele-Horst zu konzentrieren, berichtet Bierwirth.

Auch die gute Mittelklasse musste teilweise die Reißlinie ziehen. Mezzo-Mezzo und Bliss seien bei der Innenstadt-Meile nicht mehr dabei, das Café Kötter in Rüttenscheid habe sich für 2019 eine Pause verordnet. Der Sengelmannshof in Kettwig will in diesem Jahr ein letztes Mal teilnehmen. „Hier in der Stadt lohnen sich nur noch die Meilen in Rüttenscheid und auf Zollverein“, heißt es. „Die Kosten sind dermaßen abgegangen, da bleibt einfach nichts mehr hängen.“

Überall die selbe Klage: Es fehlt an Menschen, die in der Gastronomie ihre Berufung sehen

Überall komme die selbe Klage, so Bierwirth: „Es fehlt an Personal.“ Und zehn bis 15 zuverlässige Mitarbeiter brauche es schon, um einen fünftägigen Marathon im Koch-Zelt unfallfrei durchzustehen. Bestätigen können die Schwierigkeiten auch Gastronomen, die trotz allem weiter dabei bleiben. „Wir haben einfach Glück, es gibt ein paar Menschen, die uns bei ,Essen verwöhnt’ gern helfen“, sagt Helene Gummersbach, Mitbesitzerin des gleichnamigen Borbecker Restaurants.

Aber auch sie sagt: „Es gibt kaum noch junge Leute, die in der Gastronomie lernen wollen.“ Also müsse man mit Aushilfen arbeiten. Wenn diese zuverlässig sind, mache eine Veranstaltung wie Essen verwöhnt aber durchaus Spaß. „Ohne Leidenschaft geht es nicht.“ Wenn das Wetter mitspielt, sei der Gewinn nicht schlecht. Und wenn nicht? „Dann bleibt Plus-minus-null.“ Immerhin aber: Nelson Müller mit seiner Schote, das Hugenpoet und einige andere große Essener Namen sind weiter dabei.

Unterstützung des Einzelhandels hält Bierwirth für stark ausbaubar - in beiderseitigem Interesse

Aber das reicht eben nicht. Um die Lücken mit auswärtigen Gastronomen zu füllen, musste Rainer Bierwirth sogar die Satzung des Vereins „Essen genießen“ anpassen, denn diese sah eine ausschließliche Beteiligung lokaler Wirte vor. Qualitätseinbußen seien mit der Öffnung aber nicht verbunden, im Gegenteil. Drei Sterne-Lokale habe er für Essen verwöhnt gewinnen können, welche will er erst demnächst bekanntgeben. Mit insgesamt 21 Ständen gebe es sogar einige mehr als beim letzten Mal.

Geklärt seien immerhin die leidigen Probleme um ungebetene Gäste, die Meilen-Gäste aggressiv anbettelten, während diese sich zum Essen niederließen. „Wir dürfen das jetzt unterbinden“, sagt Bierwirth. Unzufrieden ist der Organisator hingegen nach wie vor mit der Beteiligung und Unterstützung des Einzelhandels – und das, obwohl er gehört haben will, dass die Umsätze der Innenstadt-Geschäfte an den fünf Meilen-Tagen beträchtlich nach oben gehen.

„Man könnte mehr draus machen“, ist Bierwirth sicher. Das gelte, obwohl die Essener Spitzengastronomie aus seiner Sicht schon bessere Tage gesehen hat.

Mutter der Essener Gastro-Meilen

  • Vom 3. bis 7. Juli 2019 geht Essen verwöhnt über die Bühne, ungeachtet mancher Schwierigkeiten schon zum 21. Mal. Die Veranstaltung, maßgeblich organisiert von Food-Unternehmer Rainer Bierwirth, gilt als die Mutter der Essener Gastro-Meilen, hat mittlerweile aber Konkurrenz in der eigenen Stadt erhalten.
  • Als besonders publikumsstark gilt die Rüttenscheider Gastro-Meile „Rü Genuss pur“ auf dem Messe-Parkplatz, die von anderen Wirten organisiert wird. Bierwirth selbst hingegen hat im Spätsommer noch die Gourmet-Meile „Metropole Ruhr“ auf Zollverein im Angebot, die sich ebenfalls gut entwickelt hat.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben