Pflegenotstand

Essener Pflegedienst: Behörden erschweren Zuzug von Pflegern

Alten- und Krankenpfleger werden händeringend gesucht.

Alten- und Krankenpfleger werden händeringend gesucht.

Foto: Christoph Schmidt / dpa

Essen.  Pflegekräfte werden gesucht. Doch deutsche Behörden erschweren den Zuzug ausländischer Kräfte, so der Geschäftsführer eines Essener Pflegediensts

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Dirk Brieskorn ist Geschäftsführer der Familien- und Krankenpflege Essen (FuK) und wundert sich, warum es selbst händeringend gesuchten Fachkräften aus dem Ausland so schwer gemacht wird, in Deutschland eine Arbeit aufzunehmen.


Herr Brieskorn, die Familien- und Krankenpflege beschäftigt 140 Mitarbeiter, 80 von ihnen sind ausgebildete Altenpflegerinnen oder Krankenschwestern...

…und es könnten ruhig mehr sein! Im Moment müssen wir pflegebedürftige Menschen abweisen, weil wir nicht genug Fachpersonal haben. Denn wir beschäftigen zwar auch hauswirtschaftliche Kräfte oder Demenzbegleiter, aber in der Pflege setzen wir ausschließlich examinierte Kräfte ein.

Der Gesundheitsminister wirbt in Mexiko Krankenpfleger an - und hier machen ihnen die Behörden das Leben schwer

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, Pflegekräfte aus dem Ausland zu rekrutieren?

Durchaus. Ich halte allerdings nichts davon, wenn die polnische Krankenschwester jeweils mit dem Drei-Monats-Visum einreist und die Kinder zu Hause zurücklassen muss. Wenn wir Familien so auseinanderreißen, hat das schon etwas Kolonialistisches. Und für die alten Menschen ist das auch nicht schön.


Gibt es denn keine qualifizierten Zuwanderer, die sich dauerhaft hier niederlassen wollen?

Doch, die gibt es, bloß wird ihnen das Leben von den deutschen Behörden oft schwer gemacht. Da fliegt Gesundheitsminister Spahn nach Mexiko, um Krankenpfleger zum Umzug nach Deutschland zu bewegen. Und vor Ort überprüft die Bezirksregierung penibel jede Qualifikation. Als gebe es in keinem anderen Land der Welt eine solide Pflegeausbildung.

Es kann ja auch niemand wollen, dass halbgebildete Kräfte herkommen, um alte Menschen zu betreuen und zu pflegen.

Tatsächlich haben die Pflegekräfte aus anderen Ländern oft eine qualifiziertere Ausbildung und vor allem im Gesundheitssystem höhere Kompetenzen als hier. Trotzdem sprich nichts gegen eine Prüfung der Qualifikation oder die Auflage, ein Praktikum, eine Schulung oder beides nachzuholen. Es leuchtet mir aber nicht ein, dass bei zwei Bewerbern aus demselben Herkunftsland mit derselben Ausbildung offenbar jedes Mal ein Prüfaufwand betrieben werden muss, als liege wieder ein völlig neuer Fall vor. Man hat manchmal das Gefühl, es gehe mehr darum, den Zuzug zu verhindern als zu ermöglichen.

Liegt es auch mal an den Zuwanderern, wenn’s mit dem Job hier nicht klappt?

Ohne gute Deutschkenntnisse geht es natürlich nicht. Im Moment sind wir mit einer rumänischen Krankenschwester im Gespräch bzgl. einer Mitarbeit – im hauswirtschaftlichen Bereich. Denn sie spricht zwar fließend Englisch, muss ihr Deutsch aber noch verbessern. Zum Glück wird sie von der Neuen Arbeit der Diakonie betreut, mit deren Hilfe ihr der Schritt in den ersten Arbeitsmarkt hoffentlich gelingt. Wir brauchen mehr solcher Unterstützung.

„Ausländische Pflegekräfte geben auf und landen in der Frittenbude“

Was wünschen Sie sich konkret?

Wer aus dem Ausland zu uns kommt, sollte zunächst an die Hand genommen werden. Eine Institution wie das Essener Welcome-Center wäre ideal geeignet, um Fachkräfte willkommen zu heißen und durch die deutsche Bürokratie zu lotsen. Stattdessen werden viele Fachkräfte an das Ausländeramt mit seinen unglaublichen Wartezeiten verwiesen. Oder die Zuwanderer werden mit den für sie oft schwer durchschaubaren Anforderungen alleingelassen. In der Praxis erlebe ich dann, dass eine ausländische Pflegekraft aufgibt und in der Frittenbude landet. Das ist nicht nur für die Betroffene misslich – das können wir uns auch nicht leisten.

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