Chöre

Essener Sängerkreis: Nach 168 Jahren verstummt ältester Chor

Ein altes Bild zeigt die Sänger, Anlass war das 100-jährige Bestehen des  Männergesangvereins Cäcilia Essen-Kupferdreh.

Ein altes Bild zeigt die Sänger, Anlass war das 100-jährige Bestehen des Männergesangvereins Cäcilia Essen-Kupferdreh.

Foto: Repro: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Essen-Kupferdreh.  Der Männerchor Cäcilia Kupferdreh hat sich aufgelöst. Große Konzerte und Gemeinschaft verbinden die Sänger – retten konnten sie den Verein nicht.

Als die verbliebenen Sänger ihre letzte Unterschrift leisteten, da hatte ihr Chor noch zehn Mitglieder. Sie haben ihre Auflösung unterzeichnet: Der Männergesangverein Cäcilia 1850 Kupferdreh ist verstummt. Er war der älteste Männerchor im Essener Sängerkreis – und nun einer der letzten von mehr als 100 in den 1950er Jahren. Zu seiner Historie zählen große Konzerte, die Auszeichnung durch den Bundespräsidenten sowie Geselligkeit und persönliche Erinnerungen wie die von Franz-Josef Knechts (79). Der junge Soldat kam aus dem Rheinland zur Grundausbildung in die Kupferdreher Kaserne, traf in Dilldorf auf die Sänger – und blieb.

„Am 1. September 1958 kam ich in die Kaserne und stand 14 Tage später in der Dilldorfer Gaststätte Mühlmann, wo der Chor damals probte“, erinnert sich Franz-Josef Knechts an die erste Begegnung, aus der sechs Jahrzehnte Mitgliedschaft in dem Kupferdreher Gesangverein geworden sind. Hier lernte er seine Frau Helene kennen, wurde dreifacher Vater und der zweite Bass im Chor. „Es tut schon richtig weh, Schluss zu machen“, sagt er zum Ende des Gesangvereins, dessen Requisiten wie Urkunden, Regentenstab und die Fahne von 1892 er gerade ans Kupferdreher Archiv jetzt der Bürgerschaft übergeben hat.

Die Geschichte beginnt 1850 als gemischter Kirchenchor

Gegründet wurde der Verein 1850 als Kirchenchor Cäcilia mit Männern und Frauen. Erst als sich der Verein 46 Jahre später nach Streitigkeiten spaltete, blieben die Sänger unter sich als weltlicher Chor. Zu dessen Traditionen gehörten schnell die Konzerte im Saalbau, im Kutel und am Kupferhammer. Jährliche Fahrten führten die Mitglieder nach Kroatien, Südtirol, Dänemark und durch ganz Deutschland. Zu Karneval fuhren sie mehr als zehn Jahre lang auf dem eigenen Wagen beim Kupferdreher Rosenmontagszug mit. Von Theodor Heuss gab es zum 100-jährigen Bestehen eine Auszeichnung („Zelterplakette“), während der Weltkriege aber auch Verluste in den eigenen Reihen.

1946 stießen dann viele junge Sänger zum Chor, es folgten Konzerte mit Stücken von Mozart, Schubert oder Strauß und mehr als 60 Sängern sowie namhaften Solisten wie Kammersänger Karl Ridderbusch. „Langsam, aber sicher wächst der Chor an, viele junge interessierte Sänger ergänzen den Chor“, steht in der Chronik hinter den Jahren 1960 bis 1970. Eine Situation, die Gerd Brauckmann sich in der jüngsten Zeit sehnlichst gewünscht hätte, um seinen Chor zu retten. Denn dieser gehört bei dem 72-Jährigen zur Familiengeschichte.

Beim Vorsitzenden gehört der Gesangverein zur Familiengeschichte

Schon sein Vater hatte das Amt des Vorsitzenden inne, das der Sohn nun 30 Jahre lang bekleidete. Damals musste er erst 18 Jahre alt werden, um endlich offiziell in den Verein aufgenommen zu werden, dessen Gemeinschaft und Geselligkeit er bis heute schätzt. „Mit mir traten fünf Schulkameraden ein“, erinnert er sich an die Zeiten, da es nicht viele Alternativen gab und er selbst erster Bass wurde.

Der Samstagabend gehörte stets den Sängern, später probten sie dann immer donnerstags – zuletzt im katholischen Pfarrheim in Dilldorf. „Es ist ein komisches Gefühl, das zu verlieren, wofür ich so lange in der Freizeit gestanden habe“, gesteht Gerd Brauckmann, der beruflich als kaufmännischer Angestellter in der Lebensmittelbranche arbeitete. Der Chor habe jedes Jahr ein großes Konzert gegeben und darauf hingearbeitet. Ihr Männergesangverein habe noch bis Mitte der 1950er Jahre rund 50 Mitglieder gehabt, bevor es rapide abwärts gegangen sei.

„Wenn Männer singen, muss Volumen dahinter sein“

So mancher ist inzwischen gestorben, neue Sänger zu finden sei nicht mehr gelungen, fasst er zwei Gründe für den Rückgang zusammen. Die Zuschauer sind mit ihnen gealtert, so dass das Publikum zahlenmäßig ebenfalls abgenommen hat. Und so blieb Gerd Brauckmann keine andere Wahl, als sich in den vergangenen zwei, drei Jahren auch mit ihrer Zukunft zu befassen und den schweren Entschluss zu fassen, der sie schließlich Anfang des Jahres zum Notar führte, wo sie mit ihren Unterschriften das Ende besiegelten.

Die Alternative, im hohen Alter irgendwann kaum noch die Stufen zur Bühne erklimmen zu können oder Konzerte gar sitzend zu bestreiten – ausgeschlossen. „Bevor es so endet, hören wir auf“, entschied er wohlwissend, dass es auch stimmlich mitunter nicht mehr hinkomme. „Wenn Männer singen, muss Volumen dahinter sein“, erklärt er. Und sie merkten durchaus, dass es bei der dritten Strophe inzwischen nicht mehr immer so klang wie es sollte.

Sänger treffen sich nun zum Stammtisch statt zum Proben

Einen kleinen Trost gibt es dennoch, da sich mit dem Verein ja nicht ihre Gemeinschaft aufgelöst hat: Sie treffen sich alle zwei Wochen: Stammtisch statt Probe heißt es nun – singen nicht ausgeschlossen. Vielleicht stimmen sie mal ein Lied an, so wie damals ganz spontan auf dem Schiff zur Freude der anderen Passagiere auf dem Bodensee. Nur in der Öffentlichkeit werden sie nicht mehr auftreten. Auch Helene Knechts wird nicht gänzlich auf den Gesang ihres Mannes verzichten müssen: „Du singst immer noch“, sagt sie lachend. Dann beschallt Franz-Josef Knechts ihr Zuhause mit dem ein oder anderen Stück aus der Zauberflöte.

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