Fotografie

Fotoband übers Ruhrgebiet: Heimat hat immer zwei Seiten

Freizeitvergnügen, noch ganz ohne Klimasorgen: Willy van Heekern fotografierte die Ausflugsgesellschaft  1961 auf den Ruhrwiesen in Essen.  

Freizeitvergnügen, noch ganz ohne Klimasorgen: Willy van Heekern fotografierte die Ausflugsgesellschaft 1961 auf den Ruhrwiesen in Essen.  

Foto: Willy van Heekern

Essen.  Heimatbilder, Schwarz-weiß und in Farbe: Fotoband bricht mit den allgegenwärtigen Klischees vom Ruhrgebiet durch überraschende Bildkombinationen.

Wer Heimat sagt, muss auch Bilder sagen. Kaum ein anderer Begriff wird schließlich so lustvoll ausgemalt, manchmal auch schöngefärbt oder ins Negative verkehrt. Heimat ist für den Betrachter selten nur Schwarz oder Weiß. Und deshalb ist das Ruhrgebiet mit seinen vielen Grautönen auch wie gemacht für einen Bildband, der diesen hochemotionalen und längst auch politisch ausgeschlachteten Begriff in all seinen Schattierungen auslotet.

In dem von Sigrid Schneider, der langjährigen Leiterin der Fotografischen Sammlung im Ruhr Museum, herausgegebenen Fotobuch hat Heimat mindestens zwei Seiten. Die Präsentation lebt von dem oft überraschenden Nebeneinander der Gegensätze. Da zeigt Joachim Schumacher ordnungsliebende Gartenzaun-Gediegenheit neben Marga Kinglers Zufallsporträt zweier Essener Putzfrauen in den 80ern. Und in der von Willy van Heekern fotografierten Großfamilie schmiert der Papa 1957 für die hungrigen Mäuler Stullen am Fließband neben drei mächtigen Fresskörben aus der 70er-Jahre- co-op-Werbung.

Nicht heroisch, nicht nostalgisch, nicht heimattümelnd

„Das Ruhrgebiet ist nicht reich, aber auch nicht arm, nicht grün, aber auch nicht dreckig“, sagt Theodor Grütter, Direktor des Ruhr Museums, das in seiner fotografischen Sammlung rund vier Millionen Bilder hütet. Journalistische Fotografie findet sich hier ebenso wie Auftragsarbeiten von Stadt und Industrie, Privates neben Werbeaufnahmen. Die immense Vielfalt dieses Fotoschatzes ermöglicht eine Heimaterkundung der unkonventionellen Art. Nicht heroisch, nicht nostalgisch und schon gar nicht heimattümelnd, das ist Grütter wichtig, sondern „schräg, widersprüchlich, aber auch ein bisschen anrührend“.

„Wir sind Fotografie im Ruhrgebiet, das sei eben „ein Fass ohne Boden, wir haben noch einmal neu daraus geschöpft“, sagt Sigrid Schneider, deren Bilderauswahl in der dialektischen Spannung von Alt und Neu, von Beharrung und Wandel einen anderen Blick aufs Ruhrgebiet eröffnet. Schon das Buch-Cover nimmt diese reizvolle Widersprüchlichkeit auf, zeigt das von Klimasorgen noch gänzlich unbelastete Ballspiel zwischen geparkten VW-Käfern auf den Ruhrwiesen als heitere 60er-Jahre-Szenerie kombiniert mit Thomas Beckers Aufnahme des menschenleeren Essener City-Centers von 1984.

Auf 218 Seiten finden sich Bilder vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 2000er Jahre. Eine Zusammenstellung, die nicht nur Zeit- wie Fotografiegeschichte einfängt, sondern auch die Brüche, Sprünge und Metamorphosen dieser Region zwischen Kohleboom und Strukturwandelhype repräsentieren soll. „Wir sind keine Hochglanzlandschaft, wir sind etwas ganz Eigenes“, sagt Achim Nöllenheidt vom Klartext-Verlag. Gerade nach dem Abschied vom Bergbau sei ein Bildband wie dieser noch einmal ein Statement: „Um zu erden, aber auch Strukturen zu sehen“, sagt Nöllenheidt.

Fußball und Feierabendbier vor qualmenden Schloten

In einer Beschleunigungsgesellschaft, in der Vertrautes immer schneller verschwindet, bietet das Buch Ankerpunkte für alle. Sortiert sind die Heimatbilder dabei nicht nach Jahrzehnten, sondern nach Begriffspaaren wie sauber und dreckig, draußen und drinnen oder grau und grün. Das sorgt für ein anregendes Mit- und Durcheinander von Themen und Perspektiven. Fußball und Feierabendabendbier vor qualmenden Schloten findet da ebenso statt wie der Kunstbummel am Werksschwimmbad. Kumpel beim

Schichtwechsel und in der Waschkaue treffen auf die blendenweiß bekittelten Mitarbeiter der Chemiewerke Hüls. Taubenvater und Kaninchenzüchter haben ihren Auftritt neben den Teilnehmern beim Hindu-Tempelfest in Hamm. Adrette Kleingärten, wie Fremdkörper in die Industrielandschaft hingengepflanzt, kontrastieren mit dem wildwuchernden Grün rund ums Colani-Ufo in Lünen. Die Mühsal der Maloche hat ihren Platz, aber eben auch der neue Farbfernseher und der Elektroherd, die in den Sechzigern vom wachsenden Wohlstand künden.

So trifft man auf Motive, mit denen die Region bis heute identifiziert wird. Entdeckt aber auch immer wieder Neues und noch Ungesehenes. Der Auftritt von Maria Callas im Essener Saalbau oder der Gewichtheber-Wettbewerb unterm Hitler-Porträt 1939 laden Heimat mit Historie auf in diesem Buch, das zum Blättern, Erinnern und manchmal auch zum Schmunzeln einlädt.

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