Wünschewagen

Herzenswunsch erfüllt: Wolf Kiba küsst schwerkranken Essener

Der Moment des Kusses: Tumorpatient Olli und Wolf Kiba kommen sich ganz nah.

Der Moment des Kusses: Tumorpatient Olli und Wolf Kiba kommen sich ganz nah.

Foto: Uniklinik Essen

Holsterhausen.  Für den schwerkranken Olli ist ein großer Traum in Erfüllung gegangen: Er durfte in ein Wolfsgehege und ein Tier sogar streicheln und küssen.

Olli ist zwölf, als er in Bayern einem Wolf begegnet. Das ist jetzt dreißig Jahre her, lässt ihn aber bis heute nicht los. Vor fünf Jahren bekommt der Essener eine harte Diagnose: Die Veränderung unterhalb seiner Zunge ist ein bösartiger Tumor. Er wird kämpfen müssen. Und willensstark sein. So wie das wilde Tier, das ihn so fasziniert.

„Vor einiger Zeit habe ich plötzlich wieder von Wölfen geträumt. Seitdem beschäftigen mich die Tiere noch mehr“, sagt der heute 42-Jährige. Sein größter Wunsch: Noch einmal einem Wolf zu begegnen. Ihm vielleicht näher zu kommen als damals, als er als Junge einen Blick riskieren konnte. Diese Herzensangelegenheit wird dem schwerkranken Patienten erfüllt. Er trifft nicht nur einen Wolf, er trifft gleich mehrere. Und er kommt ihnen nicht nur ganz nah, von einem Wolf wird er sogar geküsst.

Keine Berührungsängste zwischen Mensch und Wolf

Auf einem Foto haben Ollis Begleiter diesen anrührenden Moment festgehalten. Es ist ein Bild voller Innigkeit und Zuneigung. Fast schon zärtlich hält der Mann den Kopf des Wolfes. Und der Wolf, ein weißes, ausgewachsenes Tier, wirkt zutraulich. Keine Spur von Berührungsängsten. Weder beim Menschen noch beim Tier. Es wird eine Begegnung, die noch viel intensiver ist, als sich Olli es vorher erhofft hat. Ist es Zufall oder Intuition? Der Wolf küsst den Patienten mitten auf das Kinn. Ganz in die Nähe des Pflasters, das eine Wunde im Gesicht bedeckt, die von der schweren Erkrankung betroffen ist.

„Anschließend hat sich der Wolf auf den Rücken gelegt und kraulen lassen. Das ist ein Zeichen von Vertrauen“, erzählt Dirk Rupprecht. Rupprecht arbeitet als Diakon und Klinikseelsorger in Holsterhausen. Auf der Palliativstation der Uniklinik hat er den Tumorpatienten Olli kennengelernt – und von dessen Wunsch erfahren. Rupprecht engagiert sich ehrenamtlich für ein Projekt des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), das schwerstkranken Menschen besondere Erlebnisse schenkt. Der Essener begleitet die Patienten in einem „Wünschewagen“. So hat er gemeinsam mit Olli einen Ausflug zu einer Wolfs-Auffangstation ins Sonsbeck am Niederrhein unternommen und sich selbst beeindrucken lassen von der Faszination der Tiere.

Im Krankenhaus schläft der Patient in Wolfbettwäsche

„Olli war deutlich mutiger als ich, als wir in das Wolfsgehege durften“, sagt der Seelsorger. Eigentlich ist diese Auffangstation nicht für Besucher zugänglich. Für den Herzenswunsch haben die Betreiber aber eine Ausnahme gemacht. Und gleich prophezeit, dass Kiba, so heißt der weiße, ausgewachsene Wolf, im Gegensatz zu den anderen Wölfen keine Angst vor Menschen hat und eher zutraulich ist. „Wir waren darauf vorbereitet, dass er uns anspringt“, sagt Olli und lacht. Ja, das sei eines der schönsten Erlebnisse seines Lebens gewesen.

Sein Einzelzimmer auf der Palliativstation hat er geradezu wölfisch eingerichtet. Mit einem Wolfposter an der Wand, Wolfbild auf einem Zigarettenetui und sogar Wolfbettwäsche. „Größer ist meine Sammlung aber nicht. So verrückt bin ich dann doch nicht“, sagt er lächelnd. Es sind vor allem die Erinnerungen an das Erlebte, von denen er zehrt. „Vielleicht werde ich eines Tages wieder von Wölfen träumen, wer weiß das schon?“ Am Donnerstag wird er aus der Klinik entlassen. Fast zwei Monate war er dann hier. Im Moment hat er keine Schmerzen. Das ist das Wichtigste. Noch wichtiger als das Rendezvous mit den Wölfen.

Hinweis: Olli legt Wert darauf, in der Berichterstattung nur mit Vornamen genannt zu werden.

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