Welterbe Zollverein

Hotel auf Zollverein in Essen setzt Bergmännern ein Denkmal

Die Hotelier-Paar Irene Bakker und Haakon Herbst im Erdgeschoss ihres neuen Hotels auf Zollverein, wo sich neben Rezeption, Bar und Restaurants auch Aufenthaltsbereiche und Tagungsräume befinden.

Die Hotelier-Paar Irene Bakker und Haakon Herbst im Erdgeschoss ihres neuen Hotels auf Zollverein, wo sich neben Rezeption, Bar und Restaurants auch Aufenthaltsbereiche und Tagungsräume befinden.

Foto: Julia Tillmann / Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Auf Zollverein eröffnet ein Hotel, das sich dem Bergbau-Thema mit großer Leidenschaft widmet. Und es will mehr sein als ein Beherbergungsbetrieb.

Früher waren Hotels eine Ansammlung von mehr oder wenigen angenehmen Zimmern. Heute haben sie ein Konzept, was im Ruhrgebiet häufig so aussieht, dass selbst Billigketten ein paar herzerwärmende Kohlenpott-Fotos an die Wand kleben und dunkle Optik ins Foyer zaubern. Im neuen „Friends Hotel“ auf Zollverein wollte sich das Betreiber-Ehepaar Haakon Herbst und Irene Bakker mit etwas Revier-Schminke nicht zufrieden geben. Viele, aber nicht alle der 67 Zimmer nehmen auf sehr individuelle Art Bezug zur Bergbau-Geschichte des Standorts, stolz sind die Hotel-Macher vor allem auf die erste Etage, in der jedes Zimmer einem einzelnen Bergmann ein Denkmal setzt.

Zimmer mit persönlichen Gegenständen von Bergleuten

Das sieht so aus, dass ein großformatiges Bild eines Ex-Kumpels von der Wand blickt, auf einer Messingplatte seine Lebensgeschichte erzählt wird und in einer Glasvitrine neben dem Bett Original-Gegenstände des jeweiligen Bergmanns als Dauerleihgabe ausgestellt sind. Das kann ein Steigerstock sein, eine Figur der Heiligen Barbara, eine Wetterlampe oder auch ein schlichtes Halstuch. Beim Tag der offenen Tür am 1. September werden viele der Bergleute in „ihrem“ Zimmer persönlich anwesend sein.

Die Grundoptik der ersten Etage ist schwarz, hell sind zwar die Zimmer, Bäder und Armaturen wiederum in dunklen Tönen gehalten, was dennoch nicht trist wirkt. Mögen muss man die Bergbau-Nostalgie natürlich schon, doch wird immerhin Abstand zum reinen Kitsch gehalten, was im Ruhrgebiet nicht jedem leicht fällt.

Eine der Suiten hat es Haakon Herbst besonders angetan: „Dieses Holz war vor einigen Wochen noch in 1200 Meter Tiefe“, sagt der Hotel-Chef und zeigt auf eine Konstruktion, die nicht zufällig an eine Schacht-Verbauung erinnert. Dieses Zimmer gestaltet der Karnaper Bergbau-Sammler Udo Schwamborn, der die Balken über Tage holte und laut Herbst eine Art Berater für ihn geworden ist. „Udo stellt uns Teile seiner Sammlung zur Verfügung, dafür bin ich sehr dankbar“, sagt er.

Zusammenarbeit mit den „Grubenhelden“

Das lang erwartete Zollverein-Hotel ist aber keineswegs ausschließlich der Bergbau-Erinnerung gewidmet. In der zweiten Etage sind die ebenfalls individuell gestalteten Zimmer schon erheblich heller, hier ist das Thema Design, Partner ist die Grubenhelden GmbH, die mit Mode und Accessoires zum Kohle-Thema einiges Aufsehen erregte. Und in der weiß gehaltenen dritten Etage schließlich geht es sehr gegenwärtig und zukünftig zu, was mancher Gast vermutlich auch als ganz wohltuend empfindet. Bergbau spielt hier keine Rolle mehr.

Obwohl im und am Hotel noch eine Woche kräftig gebaut wird, herrscht schon reges Hotel-Treiben. „Wir sind ausgebucht“, sagt Haakon Herbst zufrieden und begrüßt mit Handschlag einen soeben anreisenden Schalke-Fan, den es abends zum Heimspiel gegen die Bayern ziehen wird. Immerhin hatte er nach dem Frust mutmaßlich kein schlechtes Zimmer...

Neben der Hotel-Funktion, will das Haus mit Bar und Restaurantbetrieb auch Treffpunkt sein

Das Hotel, von außen dem architektonischen Stil von Zollverein angepasst, will übrigens auf dem Gelände mehr Funktionen erfüllen als die Beherbergung. Abends wird es Restaurantbetrieb mit bis zu 20 Positionen auf der Karte geben, die rund um die Uhr geöffnete Bar könnte durchaus ein lokaler Treffpunkt werden und die noch unfertige Terrasse verspricht ebenfalls einige Aufenthaltsqualität. „Wir nehmen den von uns erwarteten Quartiersgedanken sehr ernst“, sagt Herbst, der überzeugt ist, dass das weitläufige Welterbe-Gelände einen weiteren gastronomischen Ort gut gebrauchen kann. Bei einer Million Besucher pro Jahr plus der mittlerweile nicht wenigen Beschäftigten am Standort sollte tatsächlich ausreichend Potenzial da sein. Die Folkwang-Universität der Künste ist beispielsweise nur einen Steinwurf entfernt.

Betreiber-Ehepaar wäre fast auch einmal Hotelier in Rüttenscheid geworden

An der nötigen Professionalität scheint es jedenfalls nicht zu mangeln. Das Betreiber-Ehepaar hat Hotellerie von der Pike auf gelernt und Dutzende Hotels entwickelt, besitzt neun Betriebe und nimmt für sich in Anspruch, zu den deutschen Pionieren des Designhotel-Themas zu gehören. An Ausschreibungen, bemerkt der 54-Jährige, würde er sich normalerweise nicht mehr beteiligen, „aber Zollverein war dann doch zu reizvoll“. Vor vielen Jahren wäre Herbst übrigens fast auch mal in Rüttenscheid als Hotelier heimisch geworden, bis die Hopf-Gruppe im Haus „Rü 199“ dann doch lieber andere Pläne verfolgte.

„Wir leben sieben Tage die Woche für diesen Beruf“, sagt Herbst und dazu gehöre auch, immer die Augen aufzuhalten. Das Paar kauft auf Reisen gern Einzelstücke von der bizarren Skulptur bis zum mächtigen alten Ledersessel, einiges davon ziert nun den Foyer-Bereich, der neben der ersten Etage ebenfalls ganz die dunkel-eisenfarbene Industrie-Optik aufweist. Man darf gespannt sein, wie dieses ambitionierte Projekt auf Dauer angenommen wird.

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