Herberge in Essen

Jugendhaus St. Altfrid öffnet nach Corona-Zwangspause wieder

Das Jugendhaus St. Altfrid liegt mit seinem weitläufigen Areal auf einer Anhöhe in Essen-Kettwig an der Grenze zu Heiligenhaus.

Das Jugendhaus St. Altfrid liegt mit seinem weitläufigen Areal auf einer Anhöhe in Essen-Kettwig an der Grenze zu Heiligenhaus.

Foto: Svenja Hanusch / FUNKE Foto Services

Essen-Kettwig.  Lebenslange Erinnerungen verbinden nicht nur viele Essener seit 60 Jahren mit dem Jugendhaus St. Altfrid in Kettwig. Zuletzt war es geschlossen.

Es ist still und beschaulich hier oben auf der Anhöhe in Essen-Kettwig, auf dem Gelände mit seinen weiten Wiesen, Hängen und Waldstücken, von wo der Blick ins Ruhrtal fällt und kaum Flugzeuglärm das Vogelgezwitscher verdrängt. Es ist zu still! Derzeit fehlt der übliche Trubel, das Lachen der Kinder und die Stimmen der Jugendlichen: Denn für sie öffnete das Jugendhaus St. Altfrid vor genau 60 Jahren seine Türen, ihnen schenkt es lebenslange Erinnerungen an die erste Reise ohne Eltern, an besinnliche Einkehr wie an Kissenschlachten. Zuletzt blieb das Haus wegen Corona wochenlang geschlossen. Ab 2. Juni soll das Leben endlich in die Herberge zurückkehren.

Auf dem Grundstück mit seinen 13 Hektar warten neben Tagungszentrum, Seilgarten und der Kirche vor allem 176 Betten in den bunten Zimmern auf die jungen Besucher – Jungen und Mädchen schlafen natürlich getrennt. Zu ihnen gehören Kommunionkinder, Gruppen aus den Pfarrgemeinden, Teilnehmer aus den Jugendverbänden des Bistums, aber auch Schulklassen und bei freier Kapazität externe Gäste wie die Familienfreizeit aus dem Münsterland.

Jugendhaus St. Altfrid in Essen-Kettwig: Es fehlen Gespräche, Gesang, Gottesdienste und die Besucher

„Es tut schon weh, unser Haus so leer und ungenutzt zu erleben“, sagt Dirk Filzen (50), der die Einrichtung des Bistums Essens seit zehn Jahren als Geschäftsführer leitet. Im Alltag mit den jungen Gästen, wenn montags Anreise ist, wenn mittwochs der Wechsel folgt, bei dem 150 Gäste kommen und gehen, und freitags die Wochenendbelegung, gibt es nicht nur viel zu koordinieren, dann ist es vor allem wuselig. Jetzt fehlen Gespräche, Gesang, Gottesdienste und die Besucher.

Das Jugendhaus – benannt nach dem Gründer des Stifts Essen – hat sich im Laufe der Jahrzehnte mit Blick auf die Besuchergruppen geöffnet und zum 50-jährigen Bestehen das Leitbild deutlicher in Richtung der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen definiert. Sie sollen Lebensziele entdecken und entwickeln können, lebendige Kirche erfahren und ein soziales Miteinander einüben. Zum Beispiel im Kletterparcours, der im früheren Hirschgehege entstand. Eingerichtet wurde ein Bistro mit Wein und Bier auf der Karte.

Bistum hat in die Modernisierung investiert

Zudem hat das Bistum in jüngster Zeit eine sechsstellige Summe in die Modernisierung der Zimmer, die nun allesamt mit Bädern ausgestattet sind, und Neubauten wie das Tagungshaus investiert. Darin finden sich 15 Seminarräume, ein Kamin wie in der alten Villa und das Bistro. All das bedeutet inzwischen bis zu 28.000 Übernachtungen jedes Jahr – und birgt nicht nur für viele Essener so manche Erinnerung. Der erste Kuss oder die heimlich gerauchte Zigarette zählen dazu...

Ob Pfadfinder oder Firmling: St. Altfrid bietet Kindern und Jugendlichen mit seinem weitläufigen Außenbereich seit jeher auch Raum für kleine Abenteuer. Ob am Lagerfeuer oder im Kletterbaum, ob in der Gruppe oder zurückgezogen in einer der zahlreichen ruhigen Ecken. Fußball- und Grillplatz, Volleyball- und Basketballfeld gehören ebenso zum Jugendhaus wie die tragenden Konzepte.

Erlebnispädagogik, Schreibwerkstatt und Ehevorbereitungskurs

„Wir beschäftigen uns nicht ausschließlich mit Glaubensvermittlung, aber es geht immer um Werte“, erklärt Dirk Filzen die Bildungsarbeit. Neben der Natur- und Erlebnispädagogik bieten die „Tage der Orientierung“ für Schüler („sie machen ein Viertel der Übernachtungen aus“) ab der neunten Klasse die Möglichkeit, sich mit Religion sowie mit Fragen rund um den eigenen Werdegang zu beschäftigen. Während jüngere Gäste den Teamgeist im Niedrigseil-Parcours erfahren, reichen die Angebote für junge Erwachsene von Schulungen für Teamleiter über die Schreibwerkstatt bis zur Vorbereitung auf die Ehe.

Begleitet werden alle Teilnehmer stets von pädagogischen Kräften, drei Hauptamtliche gehören zum Haus, dazu kommt ein Team von Honorarkräften. Betreut werden die Gäste von weiteren 25 Mitarbeitern, die in der Verwaltung, in der Küche oder am Empfang arbeiten.

Ungewissheit endet mit der Wiedereröffnung

Dirk Filzen selbst befasst sich in diesen Wochen vor allem mit der Corona-Schutzverordnung, den erforderlichen Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen („ganz irre, was wir da alles einhalten müssen“) und gewinnt dieser Aufgabe dennoch etwas Positives ab: „Die Ungewissheit ist vorbei und wir hoffen, mit unserer Arbeit dort anknüpfen zu können, wo wir am 13. März aufgehört haben.“ Es sei schon ein bitterer Moment gewesen, als all das zusammengebrochen sei, für das sie sich bis dahin eingesetzt hätten, sagt der Geschäftsführer, der seit dem Vorjahr auch das Kardinal-Hengsbach-Haus in Werden leitet.

Sein beruflicher Werdegang begann als Verwaltungsfachwirt im Essener Rathaus, bevor er ins Sauerland in eine Jugendherberge wechselte. Geschuldet war dieser Wechsel seinem Zivildienst (Jugendherberge) und dem Ehrenamt in seiner Freisenbrucher Heimatgemeinde (Jugendarbeit). Der Arbeitsalltag als Herbergsvater bedeutete neben Aufgaben wie dem Belegungsmanagement, sich um alles zu kümmern, was anfällt („nein, Hagebuttentee gibt es nicht mehr“), anzupacken, wo er gebraucht wird und dafür 24 Stunden greifbar zu sein.

Mit viel Leidenschaft fürs Jugendhaus

Zurück in heimischen Gefilden bringt er nicht nur all diese Erfahrungen mit, er hat sich zudem zum Betriebswirt weitergebildet und ein Qualitäts-Zertifikat fürs Haus eingeführt, für das alle zwei Jahre eine Prüfung ansteht. Den Abstand zwischen Wohn- und Arbeitsplatz genießt er nun durchaus, den privaten Wohnraum statt einer Dienstwohnung, was seine berufliche Leidenschaft fürs Jugendhaus nicht schmälert. Beim Umbau der Zimmer etwa hat er den Architekten begleitet, hat die Betten ausgesucht und nicht zuletzt auf Details der Einrichtung geachtet („Ich weiß, wo gern Kaugummis hingeklebt werden“).

Jetzt heißt es Wiedereröffnung: Dafür hat er ein 25-seitiges Konzept erstellt, das Gäste schützen und Mitarbeitern auch Sicherheit geben soll. Tische und Stühle im Speisesaal haben sie bereits umgestellt, 36 statt wie zuvor 150 Besucher finden Platz, um die Abstände einhalten zu können. Ähnlich geschrumpft sind die Teilnehmerzahlen für die Seminarräume. Geschlossen bleiben Spielbereiche mit Kicker und Tischtennisplatten – und das Gotteshaus. Die Wege in anderen den Gebäuden müssen sie markieren, damit „Einbahnstraßen“ entstehen und Gäste sich nicht entgegenkommen.

Das Buffet wir nicht aufgebaut, Essen stattdessen portioniert

Salz- und Pfefferstreuer sind abgeräumt, das Buffet wird erst gar nicht aufgebaut, das Essen ausgegeben, Salate werden portioniert. Und die Einrichtung ständig desinfiziert, was den Personalaufwand deutlich erhöht. Gesenkt ist dagegen die Zahl der Gäste je Zimmer, die entweder einzeln oder mit Besuchern aus einem Haushalt belegt werden können. Bei zwei Nächten entfällt die Zwischenreinigung.

„Wir haben ein paar Überbleibsel in der Belegungsliste“, sagt der Leiter zur Buchung der Lebenshilfe mit einer kleinen Gruppe, ein Chor ist angemeldet, ein Kurs für Referenten in der Kinder- und Jugendarbeit ebenfalls. Vielleicht könnten sie in diesem Sommer weitere Familien oder Bewohner aus Seniorenheimen beherbergen, Kegelclubs keinesfalls, lauten die Überlegungen. Schulklassen jedenfalls werden vorerst nicht anreisen, deren Fahrten hat das Ministerium bis zu den Ferien gestrichen. Dennoch sei er optimistisch gestimmt, nicht nur, weil das Jugendhaus eine besondere Einrichtung im Bistum sei, sondern weil selbst die Gäste, die stornieren, schon aufs nächste Jahr schauen.

Wenn sie nun die ersten Besucher nach Pfingsten empfangen, konzentrieren sich deren Aufenthalte vorerst auf die Wochenenden. Aber es ist ein Anfang. Mit der Idylle rund um Haus St. Altfrid wird es jedenfalls vorbei sein. Drei Wochen völlige Ruhe mögen ja ganz schön sein, doch nach so langer Zeit könnten sie den Trubel kaum erwarten, spricht Dirk Filzen allen aus dem Herzen. Es sei eben mehr als nur ein Job. Gleichwohl gesteht der Nordsee-Fan augenzwinkernd, dass ihn auch eine andere Dienststelle noch reizen könnte: „Auf einer Insel vielleicht.“

Eine imposante Villa thronte auf der Anhöhe

Eine imposante Villa auf der Kettwiger Anhöhe: Sie thronte auf dem Gelände des heutigen Jugendhauses St. Altfrid. Die ersten Bewohner sollten Unternehmer Friedrich Flick und seine Frau Charlotte sein. Für sie hat der Großindustrielle vor dem Zweiten Weltkrieg diese repräsentative Villa erbaut, die wie die Charlottenhofstraße ihren Namen trug.

Dazu gehörte das im Karree errichtete Wirtschaftsgebäude mit seinen Ställen, in dem sich nun Verwaltung, Küche und Speisesaal befinden. Eingezogen sind die Flicks in den Charlottenhof jedoch nie. Während sie Kettwig Richtung Berlin verließen, das Wohngebäude samt Grundstück der NSDAP (Flick war Mitglied, wurde später als Kriegsverbrecher verurteilt) überließen, richteten die Nationalsozialisten erst ein Müttererholungsheim, dann ein Lazarett in dem Schloss ein, ist zur Geschichte des Hauses nachzulesen.

Bistum plante von Anfang an Jugendbildungsstätte

Von Bomben zerstört, gelangten Gelände wie Villa 1956 zunächst in den Besitz des Erzbistums Köln, zu dem Kettwig kirchenrechtlich weiterhin gehört. Der Essener Bischof Franz Hengsbach erhielt den Charlottenhof schließlich zwei Jahre später als Geschenk. So war es das Gründungsjahr des Ruhrbistums, als diese „Essener Insel“ im Kölner Erzbistum entstand, hat Generalvikar Klaus Pfeffer zur Historie notiert.

Gerüchten zufolge wollte Franz Hengsbach eine Sommerresidenz errichten, „doch das Bistum plante sogleich eine Jugendbildungsstätte“, ergänzt Dirk Filzen. Das Vorhaben wurde rasch untermauert, Bettenhaus A und B wurden gebaut, inzwischen sind es drei. Der maroden Villa folgte 2005 das moderne Tagungs- und Seminarzentrum. Steht das auch nicht exakt an gleicher Stelle, führt doch die Kastanienallee mit ihren alten Bäumen auf den Neubau zu, durch die einst die Schlossherren ritten.

Schwester Isabella erinnert sich an die ersten Tage in St. Altfrid

„Aber, mein lieber Gott, wie sah alles aus!“ schreibt Schwester Isabella über die Anfangsphase in St. Altfrid. Es ist 1960 und ihr Schreiben bewahrt so manches Ereignis sowie Anekdoten aus dieser Zeit.

Seit 1957 sind Bauarbeiter und Handwerker im früheren Wirtschaftsgebäude des Herren Flick mit dem Umbau beschäftigt. Am 7. Januar 1960 erwarten die Schwestern, die das Haus betreiben, erste Bewohner und Betreuer im neuen Jugendhaus. Doch: „Die Fensterscheiben sind voller Anstrichfarben, die Böden in der Klausur klebten, denn sie waren frisch gestrichen, die Kücheneinrichtung war zwar fertig, aber total verkommen und verdreckt“, schreibt Schwester Isabella und merkt an: „Ich hatte noch mein gutes Feiertagskleid an.“

Eine ganze Woche liefern Firmen Möbel und Einrichtung, während die Schwestern auspacken, aufstellen, aufräumen und putzen. In diesem Trubel steht plötzlich ein geistlicher Herr vor den Schwestern, den sie erst erkennen, als er den Hut abnimmt – es ist der Bischof: „Wir haben ihm vor Schrecken und Überraschung nicht einmal etwas anbieten können.“

Alles sprach von Jubel, Trubel, Heiterkeit

Feierliche Einweihung und Grundsteinlegung fürs Bettenhaus folgen am 17. Januar. Mit Blick nach draußen stellt die Schwester fest: „Es hatte geschneit, so dass alles schon viel schöner aussah, als es in Wirklichkeit war.“ Unter den Gästen versammeln sich Geistliche und Vertreter der Stadt. Vikar Eberhard Wiegand von Gelsenkirchen wird als erster Rektor des Hauses vorgestellt – „dieser wusste nicht, wie ihm geschah“. Die Menge aber jubelt, „endlich war jemand gefunden, der für alles, was im Haus geschah, verantwortlich zu machen war“.

Schon am 6. April steht das Richtfest des Bettenhauses an: Zunächst formulieren die Gäste Wünsche für das Haus, während der Rektor genau einen stillen Wunsch hegt, dass diese sich niemals erfüllen. Denn alles spricht von Jubel, Trubel, Heiterkeit: „Als aber der Rektor daran erinnert, dass in diesem Haus nicht gesungen, sondern geschlafen werden sollte, war man enttäuscht.“

Rektor zahlte den Schaden selbst

Überrumpelt wird wiederum der Rektor selbst, als der Bischof ihm den Vortritt lässt, um den Nagel in den Balken zu schlagen. Das wäre wohl gelungen, hätte er nicht zuvor mit den Bauleuten manches Pinnchen Korn geleert. Nun schwankt die Leiter, „er schlug 20 Mal daneben, der Balken splitterte, der Nagel krümmte sich“.

Dann sitzt er doch, es folgen Dankeswort, ordentlicher Männergesang – und Schwester Isabella hält zum entstandenen Schaden fest: „Der Rektor musste zahlen aus eigener Tasche. Für solche Sachen gibt es keinen Fonds.“

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