Großbrand

Katastrophe verhindert: Als Goldschmidt in Flammen stand

Als es am  24. Mai 1989 „Feuer bei Goldschmidt“ hieß, rückte die Berufsfeuerwehr mit allen Einsatzkräften aus.

Als es am 24. Mai 1989 „Feuer bei Goldschmidt“ hieß, rückte die Berufsfeuerwehr mit allen Einsatzkräften aus.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Der schnelle Einsatz der Feuerwehr verhinderte vor 30 Jahren eine Katastrophe: Am 24. Mai 1989 brannte es am Chemiestandort Goldschmidtstraße.

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Die Flammen in der Chemiefabrik Goldschmidt schlugen bereits in die Höhe, eine Katastrophe drohte an jenem Mittwoch im Mai 1989. Doch bereits eine Minute nach dem Alarm löschten die ersten Feuerwehrkräfte der gegenüberliegenden Hauptwache in der brennenden Halle. Es ist ihrem schnellen wie massiven Eingreifen zu verdanken, dass der Großbrand im Ostviertel nicht zum schrecklichen Unglück für Essen geworden ist.

Ausgebrochen war das Feuer in dem Tenside-Betrieb von Evonik am Standort Goldschmidtstraße – glücklicherweise sofort bemerkt von zwei Mitarbeitern. Beim Alarm am Abend des 24. Mais 1989 wussten alle Verantwortlichen sofort um die drohende Gefahr: „Wenn es da richtig knallt, steht hier kein Haus mehr“, formulierte ein Anwohner.

Feuerwehrleute sind bei Goldschmidt enormes Risiko eingegangen

Entsprechend gefährlich war es für die Einsatzkräfte. „Die Feuerwehrleute sind mit ihrem Inneneingriff ein enormes Risiko eingegangen“, sagt Ulrich Bogdahn, heute Feuerwehrchef, damals Einsatzleiter. Ein Blick aufs Feuer reichte ihm, um die Dimension zu erkennen und die gesamte Berufsfeuerwehr anzufordern: „Schick mir alle“. Nur eine kurze Nachfrage später („Wirklich alle?“, Mike Filzen, heute Sprecher der Feuerwehr) waren insgesamt sechs Löschzüge und etwa 90 Kräfte im Einsatz. „Wenn es bei Goldschmidt brennt, ist Holland in Not“, beschrieb ein Feuerwehrmann die Situation.

„Wir mussten die Leitungen mit den brisanten Stoffen, die durchs Gebäude verliefen, vor dem Feuer schützen“, beschreibt Bogdahn die Herausforderung der Feuerwehrleute bei dem Brand.

Erhitztest Fett war auf ein heißes Heizungsrohr getropft

Zu diesem war es durch ein undichtes Ventil gekommen, aus dem erhitztes Fett auf ein 350 Grad heißes Öl-Heizungsrohr getropft war und sich entzündet hatte. Während Mitarbeiter von Goldschmidt die Leitung absperrten und den Strom ausschalteten, kämpften sich Feuerwehrleute mit Atemschutzgeräten in der Halle vor, wo ihnen hinter mancher Tür Flammen entgegenschlugen. Die Essener sahen riesige Rauchwolken und hörten Lautsprecherdurchsagen („Fenster schließen“), die wenig später wieder aufgehoben werden konnten – berichteten damals die Lokalzeitungen.

„Was vor 30 Jahren passiert ist, war der Supergau“, sagt Patrick Muhlack, heutiger Standortleiter bei Goldschmidt. Verletzt worden sei immerhin niemand, die Mitarbeiter haben sich retten können, steht in den Archiven des Unternehmens nachzulesen. Der damalige Werksleiter betonte aber auch, man sei sich der kritischen Lage im Stadtkern bewusst, die nach dem Feuer für neue Diskussionen sorgte. Das Risiko so weit wie möglich zu minimieren und Gefahren frühzeitig zu erkennen, sind daher bis heute zentrale Themen im Unternehmen. „Wir sind uns der besonderen Verantwortung bewusst“, sagt Muhlack mit Blick auf die gefährlichen und giftigen Stoffe.

Erweiterte Gefahrenerkennung

Wegwischen könne man die Gefahr nicht, aber das Unternehmen setze auf eine erweiterte Gefahrenerkennung. Es gibt dafür beispielsweise eine ständig besetzte Werkschutzzentrale und ein sogenanntes Ereignismanagement, damit Erstmaßnahmen sofort greifen. Eine eigene Werksfeuerwehr hat Goldschmidt nicht, aber eine enge Kooperation mit der direkt benachbarten Berufsfeuerwehr an der Eisernen Hand.

Diese Zusammenarbeit habe sich nach 1989 tatsächlich deutlich intensiviert, bestätigt der heutige Feuerwehrchef. So hat die Wehr nicht nur die genauen Lagepläne parat, es gibt auch regelmäßige Übungen: Bei Goldschmidt und bei der Feuerwehr selbst, wo Mitarbeiter des Chemiewerks unter Atemschutz ausgebildet werden. „Sie arbeiten dann mit uns zusammen, damit wir in den Gebäuden nicht im Nebel stochern“, erklärt Ulrich Bogdahn den Ernstfall.

Feuer griff auf zweite Halle über

Ernst war es damals bereits zwei Wochen vor dem Goldschmidtbrand, als die Feuerwehr in den Hafen gerufen wurde, wo am 10. Mai 1989 schon die Alu-Hütte in Flammen gestanden hatte. Kaum hatte Ulrich Bogdahn die Hauptwache verlassen, „habe ich schon die schwarze Säule gesehen und die Alarmstufe erhöht“. Bis zum Abend war die Feuerwehr mit vier Löschzügen, Löschboot, Hubschrauber sowie der Unterstützung von Freiwilligen Kräften und Einheiten aus anderen Städten damit beschäftigt, das Feuer zu löschen, das auf eine zweite Halle übergegriffen hatte.

In Bergeborbeck gab es eine Giftwarnung und zahllose Schaulustige, die die Polizei beschäftigten – und am Tag danach einen schwer verletzten Feuerwehrmann, der beim Nachlöschen aus zehn Metern Höhe abgestürzt war. Die Kriminalpolizei nannte später eine Selbstentzündung heißer Abgase als mögliche Ursache.

„Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“

Für Feuerwehrleute bleiben Großbrände wie diese unvergessen, besonders für Bogdahn, der damals gerade in den leitender Position in den Direktionsdienst eingestiegen war: „Diese Brände waren schon mehr als eindrucksvoll.“ Im Gedächtnis geblieben sind ihm Details der Einsätze und selbst Augenblicke wie der in der Aluhütte, „als plötzlich alles voller Aluminiumstaub war und ich dachte, jetzt explodiert das.“. Doch auch in Bergeborbeck sorgten rund 300 Einsatzkräfte dafür, dass der Brand nachts unter Kontrolle war.

Knapp eine Stunde sollte es zwei Wochen später an der Goldschmidtstraße bis zur Entwarnung („Feuer unter Kontrolle“) dauern, bis die Anspannung auch bei den Wehrleuten nachließ und einer das aussprach, was viele wohl längst wussten: „Wenn man überlegt, was hier lagert, sind wir mit einem blauen Auge davongekommen.“

>>> INFO: Wirtschaftlicher Schaden lag bei zwölf Millionen DM

Rund 1200 Produkte, die als Bestandteile in Kosmetikartikeln wie Shampoo oder Duschgel landen, entstehen bei Evonik am Standort Goldschmidtstraße mit 1700 Mitarbeitern. Im Tenside-Betrieb hatte das Feuer Schäden in Höhe von sieben Millionen DM verursacht. Der gesamte wirtschaftliche Schaden belief sich auf zwölf Millionen DM. Nach zwei Tagen sei die Produktion wieder angelaufen. Zudem investierte das Unternehmen nach dem Großbrand weiterhin in Sicherheitssysteme wie in eine 750.000 DM teure Gefahrenmeldeanlage.

Schon vor dem Feuer befand sich etwa die gefährliche Chemikalie Äthylenoxid in einem Lager abseits der Goldschmidtstraße. Sie wird nach Bedarf über eine Pipeline an den Standort transportiert. Hinzu gekommen seien im Laufe der Jahre technische Möglichkeiten, die beispielsweise Reaktionen sofort stoppten, erklärt Standortleiter Patrick Muhlack. Zu den Sicherheitssystemen zählen auch Absperrnotfallknöpfe, Schließsysteme und Gefahrenabwehrpläne.

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