Heimatgeschichte

Kettwiger erzählen aus ihrer Kindheit in der Nachkriegszeit

Das letzte Kapitel ergänzte Reiner Worm, der seine Frau Sabine stets bei den Interviews zum Kindheits-Buch begleitete. Kurz vor der Fertigstellung des Werkes starb die Autorin und langjährige Redakteurin der WAZ/NRZ.

Das letzte Kapitel ergänzte Reiner Worm, der seine Frau Sabine stets bei den Interviews zum Kindheits-Buch begleitete. Kurz vor der Fertigstellung des Werkes starb die Autorin und langjährige Redakteurin der WAZ/NRZ.

Foto: Kim Kanert

Essen-Kettwig.  14 Menschen erzählen über ihre Kindheit in Kettwig. In einem Buch zusammengetragen hat dies Sabine Moseler-Worm. Die Einzelheiten.

„Immer wieder hörte ich von den älteren Kettwigern – abseits von den eigentlichen, aktuellen Themen – wie sie ihre Kindheit verbracht hatten. Im Krieg. Nach dem Krieg. Spannende Geschichten, traurige und anrührende, fröhliche und Mut machende“, sagte Sabine Moseler-Worm, langjährige Redakteurin der WAZ/NRZ in Kettwig.

Damit die Geschichten nicht in Vergessenheit geraten, hat sie diese aufgeschrieben. Es ist ein ganzes Buch daraus geworden, das nun – einen Monat nach ihrem Tod – unter dem Titel „Kettwig war für uns die Welt“ in dem Kettwiger Verlag Hummelshain erschienen ist.

Als im Baldeneysee noch kein Wasser war

„Alles war schon fertig, nur das letzte Kapitel fehlte noch“, erzählt Reiner Worm, der 38 Jahre an der Seite seiner „Bine“ verbracht hat. Wir treffen ihn und Peter Marx vom Verlag Hummelshain auf dem Boot „Mythos“, das die Kettwigerin sehr liebte. Während wir auf der Ruhr schippern, erzählt Reiner Worm, dass er dieses letzte Kapitel basierend auf einem Interview, das im Januar geführt wurde, anhand der Notizen seiner Frau geschrieben hat. „Eine sehr spannende Geschichte, denn die Erzählerin ist die älteste in der Reihe“, sagt Reiner Worm.

Gertrud Brandenberg heißt sie und wurde 1922 geboren. Gewohnt hat sie im Baldeneysee, respektive dort, wo sich das Wasser nach dem Bau der Staumauer breit machte. „Von dem Haus würde noch nicht einmal die Dachspitze aus dem Wasser ragen. Wir mussten dort weg, als ich elf war, weil da die Staumauer fast fertig war, und der See gefüllt werden sollte.“ Kurz darauf zog die Familie ins Haus Oefte 3.

Dort lebt Gertrud Brandenberg übrigens noch heute – gemeinsam mit ihrer Urenkelin. Peter Marx, der das Buch lektoriert hat, hofft, dass die alte Dame zur Buchvorstellung am 23. August im Alten Bahnhof Kettwig kommt. „Vielleicht“, so Marx, „erzählt sie dann sogar persönlich etwas aus ihrer Kindheit“.

Zugehört und aufgeschrieben, nachgefragt und gestaunt

Zugehört und aufgeschrieben, nachgefragt – „und immer wieder gestaunt und viel gelernt über einen Stadtteil, den ich eigentlich zu kennen glaubte“, hat Sabine Moseler-Worm in den gut zwei Jahren, die sie die Interviews führte. Ihr Projekt sprach sich herum im Stadtteil und ein Aufruf des Kettwiger Bauvereins tat ein Übriges, Gesprächspartner zu finden.

14 an der Zahl sind in dem nun Ende Juli erschienen Buch versammelt. „Es fehlen eigentlich noch fünf Leute, die wir schon kontaktiert hatten. Doch dann kam Corona und letztlich Sabines Krankheit“, sagt Reiner Worm, der bei den Interviews als Fotograf dabei war.

Straßen, Schulen und Geschäfte, die heute verschwunden sind

Mal kurz und knapp, mal ausführlich berichten die Gesprächspartner – Jahrgänge 1922 bis 1949 – über ihre Kindheit in einer Stadt, die damals selbstständig war. Der Krieg ist präsent, die Bombenangriffe, das Verstecken im Bunker und in Kellern. Erinnerungen an erste Begegnungen mit dunkelhäutigen Soldaten der Besatzungsmächte lassen den Leser heute schmunzeln. Vielfach werden Namen von Straßen, Schulen und Geschäften wieder lebendig, die inzwischen aus dem Stadtbild verschwunden sind.

„Es gab viel materielle Armut. Trotzdem sagen alle, dass sie eine schöne Kindheit hatten“, resümiert Peter Marx, der sich freut, dass auch zahlreiche historische Fotos die „Kindheit in Kettwig“ abrunden.

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