Prozess

Mit 120 km/h durch Essen gerast: Gericht spricht Marler frei

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen  Rund 120 fuhr der Marler mit Papas BMW innerorts durch Essen. Doch für eine Verurteilung wegen illegalen Autorennens reichte das nicht.

Schnelles Fahren allein reicht nicht für eine Verurteilung wegen illegalen Autorennens. Über 115 km/h hatte der 22 Jahre alte Marler nachts auf der vierspurigen Gladbecker Straße in Essen auf dem Tacho. Doch weil die Essener Amtsrichterin Melanie Mühlenkamp keine gefährlichen Situationen feststellte, blieb ihm die Verurteilung in diesem Punkt erspart. Bestraft wurde er lediglich wegen versuchter Nötigung zu 1200 Euro Geldstrafe (40 Tagessätze zu 30 Euro), weil er Polizisten bedroht hatte.

Der Marler fuhr am 27. Januar nachts gegen 1.23 Uhr auf der Gladbecker Straße aus der City kommend in Richtung Altenessen. Offenbar war er so sehr mit dem 6er-BMW seines Vaters beschäftigt, dass ihm der Zivilwagen der Polizei im Rückspiegel gar nicht auffiel.

Provozierendes Vor- und Zurückrollen

Die Beamten hatten ihn dagegen schnell bemerkt, ab Grillostraße folgten sie ihm. Nach ihrer Aussage soll er durch provozierendes Vor-und Zurückrollen an einer roten Ampel einen Mercedesfahrer zum Rennen aufgefordert haben. Der ging darauf aber nicht weiter ein, erinnert sich die Polizistin, die im Zivilwagen saß.

Nach Ansicht ihres männlichen Kollegen überholte der Marler auf der um diese Zeit eher spärlich befahrenen Gladbecker Straße zwei bis drei andere Autos und scherte rücksichtslos vor diesen ein. 115 km/h habe er vom Tacho des Zivilwagens abgelesen, sagt der 24-Jährige. Der BMW habe den Abstand zu ihnen noch vergrößert. Das bestätigt auch seine Kollegin. Sie sah aber keine gefährlichen, rücksichtslosen Fahrmanöver des Angeklagten: „Sonst hätten wir ihn ja sofort angehalten.“

Polizisten fühlten sich bedroht

Erst an der Hövelstraße stoppten die Polizisten den BMW-Fahrer. Unerfreuliche Szenen spielten sich ab, als der Beamte dem Marler erläuterte, dass jetzt Führerschein und Auto beschlagnahmt würden. Der Angeklagte habe sich plötzlich uneinsichtig gezeigt. „Was wollt ihr machen, wenn hier fünf Mann aus dem Auto aussteigen?“, soll er gesagt haben. Und zur Polizistin: „Dein Gesicht merke ich mir.“

Es blieb nicht nur bei Worten. Auf Arabisch habe der Angeklagte ins Innere des BMW gesprochen, erzählen die Beamten. Darauf seien tatsächlich mehrere Männer ausgestiegen. Sie hätten „die polizeiliche Maßnahme zunächst undurchführbar gemacht“, sagt der Polizist. Die 23 Jahre alte Beamtin erläutert das: „Die haben uns nicht ernst genommen. Die haben sich lustig über uns gemacht.“

Verstärkung kam mit vier Streifenwagen

Doch die herbeigerufene Verstärkung mit vier Streifenwagen klärte die Lage im Sinne der Polizei. Den Führerschein kassierten die Beamten ein.

So blieb Richterin Mühlenkamp die rechtliche Bewertung des relativ neuen Paragrafen „Verbotenes Autorennen“, bei dem es reicht, wenn man „ein Rennen gegen sich selbst fährt“. Der Angeklagte hatte eingeräumt „ein bisschen zu schnell“ gefahren zu sein. Die ruppigen Worte gegen die Polizisten räumte der 22-Jährige ein. Er sei in Panik gewesen, weil das Auto ja dem Vater gehöre. Er habe aber nicht gedroht. Im Gegenteil: Der Polizist habe die Freunde im Wageninneren aufgefordert auszusteigen.

Kein "besonders schweres Fehlverhalten"

Richterin Mühlenkamp zweifelte nicht an den Worten der Beamten zur versuchten Nötigung: „Das war bedrohlich. Ich hätte da Angst gehabt.“ Schwieriger sei die Strafbarkeit wegen der überhöhten Geschwindigkeit. Das reiche ihr nicht. Denn: „Hinzu muss ein besonders schweres Fehlverhalten kommen.“ Und das sei bei einer nächtlichen Fahrt auf einer Ausfallstraße ohne Passanten und gefährliche Situationen nicht zu erkennen.

Den Führerschein bekam der Angeklagte deshalb zurück. Andere Konsequenzen wegen der schnellen Fahrt gibt es nicht, weil es keine exakte Tempomessung gibt.

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