Krebserkrankung

Nach Rückfall: Essener (16) kämpft tapfer gegen den Krebs

Nach allen Höhen und Tiefen hoffen Julius und seine Mutter Yulia Wyrwa aus Essen nach der Operation in der Schweiz nun auf bessere Zeiten.

Nach allen Höhen und Tiefen hoffen Julius und seine Mutter Yulia Wyrwa aus Essen nach der Operation in der Schweiz nun auf bessere Zeiten.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen-Kray.  Die Ärzte in der Schweiz haben sein Leben ein weiteres Mal gerettet: Julius Wyrwa ist zurück in Essen-Kray – er lacht wieder und hofft weiter.

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Es gibt wieder Augenblicke, in denen Julius lacht. Die Momente, in denen der 16-Jährige albern ist. Und die Zuversicht, dass sein junges Leben weitergeht. Denn hinter ihm liegt die Zeit, in der der Tumor im Kehlkopf dem Jugendlichen beinahe jede Hoffnung genommen hat, „dass es mir so gut gehen wird wie heute“, sagt Julius Wyrwa leise. Er ist zurück bei seiner Familie in Kray, zurück aus der Klinik in der Schweiz, wo die Ärzte erneut sein Leben retteten.

Fürs Handballspielen fehlt Julius noch ein wenig die Kraft, aber den Rollstuhl braucht er nicht mehr und an guten Tagen geht er zur Schule. Gegen die Schmerzen im Hals helfen Medikamente. Um den Kampf gegen den Krebs überhaupt ein weiteres Mal aufzunehmen, half ihm sein starker Wille. Kraft gibt ihm der unendliche Zusammenhalt in seiner Familie, zu der drei Geschwister in Essen und eine Halbschwester in Russland zählen. „Ich würde sie sehr gern endlich kennenlernen“, blickt Julius nun nach vorn.

Im Frühjahr war es ein Rückfall, der seine Zukunft kurz vor seinem 16. Geburtstag in Frage stellte und ihn jäh aus dem Alltag riss. Ein Alltag, zu dem seit seiner Geburt eine Erbkrankheit, verbunden mit Übelkeit, Fieber und Bauchkrämpfen, gehört – sowie die Krebserkrankungen, die sein kleiner Bruder (11) und seine Halbschwester (28) überstanden haben.

Zahlreiche Therapien schlugen nicht an

2013 entdeckten die Ärzte die Veränderung und den Tumor im Kehlkopf des Fünftklässlers, der gerade von der Antonius-Grundschule in Freisenbruch ans Carl-Humann-Gymnasium gewechselt war. „Es gab nie eine richtige Diagnose, das ist die Katastrophe“, beschreibt seine Mutter Yulia Wyrwa. Die Mediziner wussten nicht weiter, zahllose Therapien schlugen nicht an, während Julius nicht mehr selbstständig atmen konnte. Der wachsende Tumor drohte ihm die Luft und sein Leben zu nehmen – und die Familie hörte Ärzte sagen, dass Julius wohl seinen 14. Geburtstag nicht erleben würde.

Julius überlebte, Viktor starb. Die Jungen hatten sich im Krankenhaus kennengelernt, teilten ein Zimmer. „Damals wurde ich immer kränker, Viktor immer gesünder“, erzählt Julius über seinen Freund, der für ihn zum großen Bruder wurde. „Nach seinem Tod verstummte Julius für Wochen“, erinnert sich Yulia Wyrwa an die Trauer ihres Sohnes.

Ein Familienleben mit viel Leid und großem Kummer

Ihr Familienleben prägten in den vergangenen Jahren viel Leid und großer Kummer, unendliche Tiefen und kleine Höhen wie die Skifreizeit, die eine Stiftung ermöglichte. „Erst bin ich nur meinem kleinen Bruder zur Liebe mitgefahren, dann bin ich beim Zeitrennen auf dem ersten Platz gelandet“, berichtet Julius lächelnd über seine ersten Abfahrten. Sie fuhren auch ans Meer – und schließlich in die Schweiz. Die dortigen Spezialisten hatten sich bereit erklärt, Julius zu behandeln.

Der wusste in seinem Überlebenskampf neben seiner Familie stets seine Freunde, Schulkameraden und Handballkollegen der DJK Winfried Huttrop an seiner Seite. Sie standen ihm zuvor schon am Krankenbett in der Uniklinik Münster sowie mit ihren Spendenaktionen bei, die sicherstellten, dass die Familie Julius nach Lausanne begleiten konnte.

Julius spielte wieder Handball und machte seinen Schiedsrichterschein

Die Schweizer Spezialisten operierten 2015 das erste Mal, und die Familie erlebte, wie es mit Julius ganz langsam aufwärts ging. Nach drei Jahren im Rollstuhl lief er nicht nur, er spielte wieder Handball und machte seinen Schiedsrichterschein. „Ich hatte schon vergessen, wie es ist, normal zu leben“, sagte Julius damals zu seiner Mutter. Und es sollte mehrere Monate dauern, bis der Gedanke an den Krebs aus seinem Kopf zu verschwinden begann.

Die Ärzte hielten den Jugendlichen mit engmaschigen, monatlichen Untersuchungen im Blick. Julius war stabil, seine Welt in Ordnung – für anderthalb Jahre.

In diesem Frühjahr, als die Halsschmerzen kamen, gab es anfangs keinen Grund, das Schlimmste zu befürchten; die Mediziner behandelten die vermeintliche Erkältung mit Antibiotika. Als die Medikamente aber nach vier Wochen nicht anschlugen, als selbst Schmerzmittel nicht mehr halfen, „hatte ich wieder schreckliche Angst“, sagt Julius. An vieles danach erinnert er sich nicht mehr recht. Die Biopsie im Münsteraner Klinikum zwei Tage vor seinem Geburtstag, die niederschmetternde Nachricht, dass der Tumor im Kehlkopf riesig geworden war, die sofortige stationäre Aufnahme.

Zum Geburtstag durfte Julius für kurze Zeit nach Hause

Julius durfte zu seinem Geburtstag kurz nach Hause. „Doch bis zur Abfahrt in die Schweiz hatte ich kaum Phasen, wo ich nicht krank gewesen bin“, sagt er. Julius aß kaum, schlief viel, isolierte sich oft. Der Kontakt zu seinen Freunden aber riss nicht ab, beinahe täglich schreibt er nach wie vor dem Leiter des Familienhauses, der Einrichtung, die die Familie in Münster betreut. Doch es gibt eben auch die Augenblicke, in denen er nicht mehr daran glaubt, dass er es schafft. „Mama, ich habe Angst“, spricht Julius das aus, was er vor der Abfahrt in die Schweiz empfand. Alles, was folgte, habe er nur noch über sich ergehen lassen, beschreibt er sein Gefühl der Hilflosigkeit. „Einen Punkt, an dem ich beschlossen habe, dass ich weiter kämpfe, gab es nicht. Das kam schleichend.“

Der Eingriff am 14. August in Lausanne sollte zunächst eine halbstündige Endoskopie sein. Schließlich warteten die Eltern vier Stunden vor dem Saal, in dem die Ärzte bereits operierten. „Erst später haben wir erfahren, dass sie Sorge hatten, den Eingriff auch nur kurz zu unterbrechen, weil sie dann Schwellungen oder Blutungen fürchteten“, erzählt die Mutter von der für die Eltern schier unerträglichen Zeit. Diese endete mit der guten Nachricht: „Der Tumor ist entfernt.“ Nicht ganz, weiß Julius, aber das Meiste.

Auf seinem Bett liegt die Decke mit den Namen seiner Schulkameraden

Nach 19 Tagen waren sie zu Hause in Kray und Julius im gewohnten Umfeld. In seinem Bett mit der blauen Decke und den weißen Sternen, auf die seine Mitschüler ihre Namen in der fünften Klasse schrieben, als Julius krank wurde. Auf ihr liegen der große Stoffhund, der ihn zu knapp 30 Operationen begleitete und seine drei Katzen. „Zwei habe ich von Viktor“, sagt Julius mit Tränen in den Augen. Er hat auch einen kleinen Kater ohne Schwanz ausgesucht und seiner Mutter erklärt: „Der ist anders, genau wie ich.“

Eine Prognose gibt es für Julius nicht, „wir reagieren auf das, was kommt“, sagt er tapfer. Derzeit genießt er die Zeit mit seinen Tieren, trifft sich mit Freunden. Eine Reise nochmals ans Meer wäre schön, vielleicht nächsten Sommer. 2022 steht das Abitur an. Julius würde gern Arzt werden, Rheumatologe oder Onkologe, sagt er: „Weil ich weiß, wie es den kranken Kindern geht, ich habe es ja selbst gespürt.“

Seine Schwester erkundigt sich jeden Morgen nach ihm

Wie es ihm geht, fragt seine Schwester, die nicht mehr bei ihnen wohnt, nach wie vor per Handy. Die Mutter beantwortet diese Frage – jeden Morgen. Eine Antwort darauf, was ihre Kinder sich zu Weihnachten wünschen, hat Yulia Wyrwa indes nicht erhalten. Es gibt ohnehin nur einen Wunsch, der die Familie eint: „Julius soll gesund sein.“

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