Bilder der Flucht

Junger Jeside erinnert sich in Bildern an Flucht aus Irak

Saad Sino mit zwei seiner Bilder. Das linke hat die Verbrennung von 19 Frauen durch den so genannten Islamischen Staat zum Thema.

Saad Sino mit zwei seiner Bilder. Das linke hat die Verbrennung von 19 Frauen durch den so genannten Islamischen Staat zum Thema.

Foto: Klaus Micke / FUNKE Foto Services

Altenessen.  Saad Sino ist Jeside. Er flüchtete mit seiner Familie vor dem so genannten Islamischen Staat aus dem Irak. Erinnerungen hält er in Bildern fest.

Das Zimmer von Saad Sino in der Erdgeschosswohnung in Altenessen sieht nicht so aus, wie man es gewöhnlich von einem 28-Jährigen erwarten würde. Okay, auf dem kleinen Schreibtisch liegt ein Laptop. Auffälliger sind aber die großen Bilder an den Wänden. Und eine Staffelei, auf der eine etwa zwei mal einen Meter große Leinwand eingeklemmt ist und die Holzkiste vor ihren Füßen mit den unzähligen Tuben mit Farbe.

Geflüchtet – zu Fuß, per Schiff, per Auto

Saad Sino gehört zur religiösen Minderheit der Jesiden und stammt aus der Nähe von Mossul. 2016 ist er mit seiner Mutter, Geschwistern und Verwandten – insgesamt sieben Personen – aus dem Irak vor den Gräueltaten der so genannten Islamischen Staat (IS) geflohen. Zu Fuß, per Schiff, per Auto. Die Fotos, die Saad Sino auf dem Laptop zeigt, können das Leid der Menschen rund um der einstigen IS-Hochburg Mossul nur unzureichend widergeben. Seine Gefühle auf der Flucht hielt und hält er in großformatigen, gemalten Bildern fest. Kreatives war schon immer seine Sache.

19 kurdische Frauen wurden von IS-Kämpfern verbrannt

Ein Bild sticht besonders ins Auge. Unter dem blauen, in Acryl gemalten Himmel, zeigt es einen Käfig, in dem zusammengepfercht 19 Frauen in weißen Gewändern zu erkennen sind. Den Käfig umringen lodernde Flammen. Das dramatische Ereignis, das sich in der Nähe von Mossul abspielte, hat Saad Sino nicht selbst miterlebt. Er kennt es nur vom Hörensagen. Bewegt hat es ihn sehr. „IS-Kämpfer verbrannten 19 kurdische Frauen bei lebendigem Leib, weil sie sich weigerten, sich ihnen zu unterwerfen“, schrieben Medien.

Bild soll in London ausgestellt werden

Für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt im Krieg wurde der Jesidin Nadia Murad im Jahr 2018 der Friedensnobelpreis verliehen. Saad Sino gibt den Opfern ein Gesicht. 19 in Öl gemalte individuelle Gesichter. Drei Jahre hat er an diesem Werk gearbeitet. Als er es im Internet präsentierte, wurde eine Londoner Galerie aufmerksam. Dort soll es noch in diesem Jahr ausgestellt werden.

Tagelang draußen geschlafen

Andere Bilder haben einen persönlichen Bezug. So wie „Disappearance“ („Untertauchen“). Das überwiegend in dunklen Farben gemalte Bild lässt in der Mitte eine Menschengruppe und ein Feuer erkennen, dessen Schein durch eine Decke eingegrenzt wird. „Das war an der Grenze. Wir schliefen tagelang draußen. Wir hatten immer Angst, von den Soldaten entdeckt zu werden. Deshalb die Decke“, erzählt Saad Sino.

Fünf Tage in der Woche besucht Saad Sino einen Deutschkurs

Im Regal neben Saad Sinos Schreibtisch stehen Bücher über Vincent van Gogh in direkter Nachbarschaft zum dicken Langenscheidt „Deutsch“. Der 28-Jährige besucht fünf Tage in der Woche eine Sprachschule. Bisher hat die Familie nur eine Aufenthaltsrecht. Saad Sino weiß, dass Sprache eine Grundvoraussetzung ist, um einmal dauerhaft in Deutschland bleiben zu können. Und das will er – und eine Ausbildung im Bereich Design machen.

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