Abtreibung

Paragraf 219a: Essener Beratungsstellen üben scharfe Kritik

In zahlreichen deutschen Städten haben Frauen für die komplette Abschaffung des Paragrafen 219a demonstriert. Der Bundestag hat nun eine Reform beschlossen.

In zahlreichen deutschen Städten haben Frauen für die komplette Abschaffung des Paragrafen 219a demonstriert. Der Bundestag hat nun eine Reform beschlossen.

Foto: dpa/ Sachelle Babbar

Essen.   Ärzte dürfen nun informieren, ob sie Abtreibungen durchführen. Essenern Beratungsstellen reicht die Reform nicht. Ein Arzt erhielt Morddrohungen.

Ein „sehr schlechter Kompromiss“, „nicht optimal“, „absurd“ – die Essener Schwangerschaftsberatungsstellen kritisieren die Reform des Paragrafen 219a, die der Bundestag am Donnerstag verabschiedet hat. Der Passus regelt die so genannte Werbung für den Abbruch einer Schwangerschaft. Zum ersten Mal dürfen Ärzte darüber informieren, dass sie Abbrüche vornehmen – allerdings weiterhin nicht über die Methoden.

„Das ist absurd“, sagt Nicola Völckel, Leiterin des Beratungszentrums Lore-Agnes-Haus. „Jeder Zahnarzt darf auf seiner Internetseite schreiben, ob er mit Hypnose behandelt.“ Für Frauenärzte jedoch bleibt es strafbar, darüber zu informieren, ob sie einen medikamentösen Abbruch anbieten, ob sie unter Voll- oder Teilnarkose operieren.

Gynäkologe erhält Morddrohungen

Für manche Betroffene aber, sagt Nicola Völckel, sei das eine Entscheidungshilfe, zu welchem Arzt sie gehen. In Essen allerdings ist die Auswahl nicht groß: Lediglich zwei Gynäkologen führen Abtreibungen durch. Einige weitere tun das nur bei Frauen, die ohnehin zu den Patientinnen des jeweiligen Arztes zählen.

Einer von ihnen, der anonym bleiben möchte, fürchtet, dass sich die Zahl noch weiter verringern wird. „Allein in Bochum und Gelsenkirchen kenne ich drei Kollegen, die über 70 Jahre alt sind“, sagt der Gynäkologe. Er selbst habe schon vor 20 Jahren Morddrohungen bekommen, anonyme Zettel im Briefkasten gehören zum Alltag. Das ängstigt ihn nicht mehr. „Irgendwann nutzt sich das ab.“

Beratungsstellen befürworten Abschaffung des Paragrafen 219a

Auch für Andrea Vossbrink, Beraterin bei Donum Vitae, ist die Kompromisslösung der Parteien „nicht optimal“. Es sei schwer einzuschätzen, ob die Ärzte ihre Informationsmöglichkeit nun überhaupt nutzen. Sie und Nicola Völckel hätten beide befürwortet, dass der Paragraf 219a komplett abgeschafft wird. Anpreisende Werbung ist Ärzten in ihrer Berufsordnung ohnehin verboten. Doch nun steht der Paragraf weiterhin im Strafgesetzbuch zwischen Mord und fahrlässiger Tötung.

„Der ganze Bereich wird tabuisiert“, kritisiert Völckel, „und das hat Folgen für die Frauen“. Wer abtreiben will, muss mindestens vier Tage vor dem Eingriff eine anerkannte Beratungsstelle aufsuchen und sich einen Beratungsschein ausstellen lassen. Bevor sie überhaupt mit dem Gespräch starten könne, fingen jedoch viele Frauen an, sich zu rechtfertigen, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch planen. Die Hilfesuchenden hätten fast immer das Gefühl, sie machten etwas Verbotenes.

Kritik an Jens Spahns Forderung nach einer Studie

Auch deshalb sieht Nicola Völckel den Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kritisch, mit einer fünf Millionen Euro teuren Studie zu untersuchen, welche psychischen Folgen Abtreibungen haben können. „Es gibt zu dem Thema viele Studien“, sagt sie, „und die zeigen: Nicht die Abtreibung selbst, sondern das ganze Drumherum ist belastend für die Frauen“.

Das „ganze Drumherum“, das ist die gesetzliche Grauzone, die Tabuisierung in der Gesellschaft, das ist aber auch die Schwierigkeit, sich zu informieren und sich einer Zwangsberatung aussetzen zu müssen, das ist die geringe Zahl an Ärzten, die überhaupt Abtreibungen durchführen.

Fast 1500 Konfliktberatungen jährlich in Essen

Rund 1000 Konfliktberatungen werden jährlich durch die Beratungsstellen der Awo in Essen geführt. Knapp 200 sind es bei Donum Vitae, gut 100 weitere in der Schwangerschaftsberatungsstelle des Diakoniewerks, der dritten Essener Institution, die die für den Abbruch notwendigen Beratungsscheine ausstellt. Wie viele Frauen sich tatsächlich für eine Abtreibung entscheiden, wird nicht erfasst. Nicola Völckel geht aber davon aus, dass es die Mehrheit ist.

Man kann also mit bis zu 1000 Schwangerschaftsabbrüchen im Jahr rechnen – durchgeführt von zwei Ärzten in Essen und sieben weiteren in den angrenzenden Ruhrgebietskommunen. Hinzu kommen die Frauen aus dem Umkreis. Beispielsweise im Kreis Kleve gibt es keine Gynäkologen mehr, die Abtreibungen vornehmen.

Liste der Ärzte auf Seiten von Abtreibungsgegnern

Wenn nun die Paragrafenänderung greift, wird die Bundesärztekammer die Daten derer abfragen und eine Liste erstellen – auch mit den Abbruchsmethoden. Der Essener Gynäkologe will auf die Empfehlung der Ärztekammer warten und dann entscheiden, ob er auf seiner Homepage über die Möglichkeit der Abtreibung informiert. „Nicht, dass man wieder etwas Verbotenes tut“, sagt er.

„Ein Treppenwitz ist, dass bereits alle Gynäkologen auf einer Liste stehen – und zwar auf der der Abtreibungsgegner“, sagt Nicola Völckel. Dort finden Frauen die Namen der Ärzte zwischen blutigen Bildern von Embryos. Insoweit werde es ungewollt schwangeren Frauen zumindest erspart bleiben, diese Internetseite aufzusuchen. „Das ist bei weitem zu wenig, denn das Recht umfassend zu informieren und informiert zu werden, wird auch in Zukunft nicht erreicht.“

>> 60 BIS 70 PROZENT TREIBEN AUS FINANZIELLEN GRÜNDEN AB

  • Laut Nicola Völckel entscheiden sich etwa 60 bis 70 Prozent der Frauen aus finanziellen Gründen für einen Schwangerschaftsabbruch.
  • Die Betroffenen kämen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen.
  • Ein Schwangerschaftsabbruch kann bis zu 600 Euro kosten. Frauen mit geringem oder gar keinem Einkommen haben Anspruch auf eine Kostenübernahme.
  • Weitere Informationen gibt es unter anderem auf lore-agnes-haus.de

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