Bauvorhaben

Neubauten in Rüttenscheid: Anwohner beklagen Belastung

Traurig schauen Thorsten von Borstel und Jacomina der Rijke auf das, was da gerade unterhalb ihres Balkons passiert.

Traurig schauen Thorsten von Borstel und Jacomina der Rijke auf das, was da gerade unterhalb ihres Balkons passiert.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen-Rüttenscheid.  An der Gummertstraße haben sich Anlieger wie im Paradies gefühlt. Heute klagen sie über Lärm und Schmutz. Beschwerden laufen ins Leere.

Ellen und Ernst Schürenberg hatten das Paradies auf Erden: Eine bezahlbare, hübsche Mietwohnung mitten in Rüttenscheid mit kleiner Terrasse, von der aus man in dichtes Grün schaute. „Eine echte Idylle, um die uns alle beneidet haben“, sagen sie. Doch das ist jetzt vorbei. Wenn das ältere Ehepaar heute auf seiner Terrasse steht, erstreckt sich direkt vor ihnen die riesige Baugrube des Neubauprojektes Rü-Bogen.

Hier, an der Gummertstraße, entsteht in den nächsten Jahren ein Riegel von zehn miteinander verbundenen Gebäuden mit bis zu 140 Wohnungen. Mit dem Neubau und dem damit einhergehenden Verlust ihres Paradieses haben sich die Schürenbergs irgendwie abgefunden. Viel ärger sind für sie die Belastungen durch die Baustelle: „Permanenter Lärm, unerträglicher Schmutz, Ratten“, zählen sie auf.

Betroffen sind die Mieter in Mehrfamilenhäusern

Ihr Schicksal teilen sie mit den 19 anderen Mietern der beiden nebeneinander liegenden Mehrfamilienhäuser am Ende der Gummerstraße. „Wir können unsere Balkone überhaupt nicht mehr nutzen“, sagt Jeannine Bernhardt, die in der zweiten Etage lebt und hier auch ihr Home-Office-Büro hat. Ganz schlimm sei der Staub, „ich kann nicht mehr lüften, das ist wirklich unerträglich“.

Immer wieder ruft sie bei den zuständigen Stellen in der Stadt an und beschwert sich über die mangelnde Befeuchtung der Riesenbaugrube, wird aber immer wieder vertröstet. „Dort steht an diesen heißen Tagen gerade mal ein Mann mit einem Gartenschlauch. Das ist doch ein Witz und reicht überhaupt nicht“, bestätigt Yvonn Wiedemeier die Beobachtungen ihrer Nachbarin. „Man sagt uns immer, dass an einem besseren Befeuchtungskonzept gearbeitet werde. Aber es geschieht nichts. Dabei sollte jede Lkw-Ladung, die die Baustelle verlässt, mit Wasser besprengt werden.“

Morgens ab sechs Uhr donnern die ersten Baufahrzeuge aufs Gelände

Die Krankenschwester kommt kaum noch zur Ruhe. Dass eine Baustelle Lärm macht, wissen natürlich alle umliegenden Bewohner. Unerträglich für sie ist, dass bereits ab sechs Uhr morgens die ersten Baufahrzeuge auf das Gelände donnern. „Erlaubt ist das laut Gesetz erst ab sieben Uhr“, hat sich Bewohner Thorsten von Borstel schlau gemacht.

Auch die Stadt bestätigt auf Anfrage, dass für diese Baustelle keine Sondergenehmigung vorliegt, der Betrieb erst um sieben Uhr starten darf. Gemeinsam mit den 19 anderen Mietern hat Thorsten von Borstel die mutmaßlichen Verstöße der Baufirma mittels Video und Foto dokumentiert und sich an die zuständigen Stellen und den Immobilienentwickler bpd, der den Rü-Bogen bauen lässt, gewandt.

Stellungnahme des Immobilienentwicklers liegt vor

„Wir wurden seitens der Anwohner über eine erhöhte Staubentwicklung informiert. Darüber hinaus wurden wir auf verfrühte Anfahrtszeiten der Lkw hingewiesen. Dies wurde unmittelbar an die Nachunternehmer vor Ort weitergeleitet, mit der ausdrücklichen Bitte, Anfahrten vor sieben Uhr zu unterlassen. Wir bedauern es, wenn es im Zuge der Bautätigkeiten zu Unannehmlichkeiten für die Nachbarschaft gekommen ist. Erhaltene Beschwerden werden unmittelbar und unverzüglich an die vor Ort tätige Firma weitergegeben“, heißt es dazu in einer Stellungnahme des Immobilienentwicklers.

„Eine kurze Zeit hat sich die Baufirma an die Bestimmungen gehalten und erst ab sieben Uhr die Baustelle befahren“, so von Borstel. Aber schon ein paar Tage später wird er wieder um kurz nach sechs vom Hupen der Lkw geweckt. Inzwischen flieht er so oft wie möglich mit Lebensgefährtin Jacomina de Rijke nach Holland.

Die Baugrube ist gefährlich nahe an die Häuser herangerückt.

Und noch etwas verstört die Bewohner der beiden Mietshäuser, die früher einmal zu Krupp gehört haben und inzwischen von der Immobiliengesellschaft Covivio aufgekauft wurden: Die Baugrube ist gefährlich nahe an die Häuser herangerückt. „Der Bauzaun steht unmittelbar vor unserer Terrasse, direkt dahinter wird gebaggert. Wir können gar nicht mehr draußen sitzen“, klagt Ernst Schürenberg. In ihrer Angst, die Baustelle könnte das Fundament der Häuser beschädigen und in letzter Konsequenz dazu führen, dass die Häuser zum Abriss freigegeben werden, haben die Mieter das Bauaufsichtsamt und das Umweltamt alarmiert.

„Bei einem Termin vor Ort haben uns die Experten beruhigt und gesagt, dass unsere Häuser sicher stehen“, so von Borstel. „Und wir haben erfahren, dass BPD mit Covivio eine Sondervereinbarung getroffen hat, die ihnen erlaubt, so dicht an unseren Häusern auszuschachten.“ Mittlerweile haben alle Mieter eine Mietminderung geltend gemacht. Aber das entschädigt nicht für die Strapazen und die Dauerbelastung. Was bleibt ist das Gefühl der Machtlosigkeit. „Das ist eigentlich das Schlimmste“, sagen sie.

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