Bombenentschärfung

Bombenfund: Seniorin erlebt in Essen aufregende Evakuierung

Für alte Menschen sind Evakuierungen besonders belastend. Unser Bild stammt von einer Bombenentschärfung in Altenessen im vergangenen Jahr.

Für alte Menschen sind Evakuierungen besonders belastend. Unser Bild stammt von einer Bombenentschärfung in Altenessen im vergangenen Jahr.

Foto: GN / WAZ

Essen.  Über 2000 Essener mussten wegen einer Bombenentschärfung am Dienstagabend die Wohnung verlassen. Eine Seniorin erzählt von der aufregenden Nacht.

Christel Wolbeck ist 81 Jahre alt und vorsichtig. Als es am Dienstagabend bei ihr klingelte, schaute die Altenessenerin erstmal auf die Uhr: „Halb elf – da öffne ich eigentlich niemandem mehr.“ Doch der späte Besuch war hartnäckig: Auf das Klingeln folgte ein lautes Hämmern gegen die Wohnungstür. Also arbeitete sich Christel Wolbeck, die gehbehindert und auf einen Rollator angewiesen ist, zur Tür, die sie nur einen Spalt breit öffnete. „Da standen eine jüngere Dame und zwei Herren und sagten ich solle mitkommen, wegen einer Bombenentschärfung könne ich nicht in meiner Wohnung bleiben.“

Tatsächlich hatte die Stadt diese Information schon per Lautsprecherdurchsagen im der Sperrzone bekannt gemacht, nachdem bei Bauarbeiten im Nordviertel eine amerikanische Zehn-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden war. Die Bombe sollte noch am selben Abend entschärft werden, die Evakuierung der betroffenen Gebäude hatte bereits um 21 Uhr begonnen. „Aktuell wenden unsere Kolleginnen und Kollegen all ihre Überzeugungskraft auf, damit alle Anwohnerinnen und Anwohner schnell ihre Wohnungen verlassen“, twitterte die Stadt Essen.

Die alte Dame hatte die Durchsage nicht gehört

Christel Wolbeck ist keine Evakuierungs-Verweigerin, sie hatte bloß im Wohnzimmer gesessen, das von der Straßenseite abgewandt liegt, der Fernseher lief. „Deswegen hatte ich die Durchsage nicht gehört.“ Obwohl sie damit unwissentlich zu denjenigen gehörte, die die Bombenentschärfung verzögerten, seien die Mitarbeiter der Stadt unglaublich geduldig und freundlich gewesen.

Die alte Dame packte ein paar Sachen zusammen und rief ihren Sohn in Heisingen an: Doch der konnte sie wegen der Straßensperrung nicht zu Hause abholen. „Also haben wir beschlossen, dass ich mit zu der Sammelstelle fahre und er dorthin kommt.“ Gestützt von den netten Mitarbeitern der Stadt verließ die 81-Jährige die Wohnung, doch dann scheiterte sie am hohen Einstieg des Transporters. „Mir war das so unangenehm, aber die Stufe konnte ich nicht nehmen.“

Also hätten die Betreuer einen Krankenwagen bestellt, in den sie im Rollstuhl über eine Rampe geschoben wurde. Es war einer von 50 Krankentransporten, die die Stadt an diesem Abend organisierte. Routine wie bei so vielen Bombenentschärfungen. Doch Christel Wolbeck erlebte keine Routine, sondern Einfühlungsvermögen und Freundlichkeit: „Weil ich noch etwas vergessen hatte, lief einer der Mitarbeiter noch mal in die Wohnung und holte es für mich.“

„An der Betreuungsstelle herrschte wirklich Rummel“

Als sie an der provisorischen Betreuungsstelle ankam, die die Stadt in der Mensa des Bildungsparks an der Blücherstraße eingerichtet hatte, „war da wirklich Rummel“, erzählt die Seniorin. In städtischen Zahlen heißt das: Mehr als 300 Anwohner waren in die Mensa gekommen, einige hatten auch ihre Haustiere mitgebracht. Auch der Sohn von Christel Wolbeck und ihre Schwiegertochter warteten schon, Mitarbeiter hatten die beiden beruhigt, dass die Mutter schon auf dem Weg sei. Gemeinsam fuhren die drei nach Heisingen, wo die 81-Jährige übernachtete.

Christel Wolbeck war ein Kind, als die Bomben, die bis heute entschärft werden, auf Essen fielen. Damals brachte ihre Mutter sie und ihren kleinen Bruder bei einer Familie am Bodensee unter, um sie vor den Bombennächten in Essen zu bewahren. Mehr als 70 Jahre später erlebte sie nun eine aufregende Bombennacht, die sie kaum schlafen ließ. Auch weil sie immer an ihre Helfer gedacht habe: „So oft werden Rettungssanitäter, Polizisten oder Feuerwehrleute bei ihren Einsätzen beschimpft, dabei leisten die tolle Arbeit. Deswegen möchte ich mich ganz herzlich bedanken: Es war nicht selbstverständlich, dass sich die Leute von der Stadt in dieser Situation so nett um mich bemüht haben.“

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