Stadtteil-Check

Altendorf erhält beim Stadtteil-Check die schlechteste Note

Johannes Hüttemann (72) engagiert sich ehrenamtlich für sein Altendorf. Trotz vieler sozialer Probleme glaubt er, dass es mit dem Stadtteil aufwärts geht. Der Bau des Niederfeldsees sei eine Initialzündung gewesen.

Johannes Hüttemann (72) engagiert sich ehrenamtlich für sein Altendorf. Trotz vieler sozialer Probleme glaubt er, dass es mit dem Stadtteil aufwärts geht. Der Bau des Niederfeldsees sei eine Initialzündung gewesen.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Leben Sie gerne dort? Altendorf landet beim Stadtteil-Ranking auf dem letzten Platz. Johannes Hüttemann glaubt dennoch an eine bessere Zukunft.

Johannes Hüttemann kann so schnell nichts umwerfen. Aber dass sein Altendorf beim WAZ-Stadtteilcheck auf dem letzten Platz gelandet ist, ist für den 72-Jährigen dann doch ein Schlag ins Kontor. Wie gerne leben sie dort? Unter allen 50 Essener Stadtteilen schnitt Altendorf bei dieser Frage am schlechtesten ab. Und nun? Einfach weitermachen. „Ich bin ein Kämpfer“, sagt Johannes Hüttemann.

Der 72-Jährige ist Altendorfer von Geburt und aus Überzeugung. Und er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, für seinen Stadtteil etwas zu tun. „Uns geht es gut.“ Da wollten er und seine Frau etwas zurückgeben.

Vor fast sieben Jahren hat sich Hüttemann auf den Weg gemacht. Damals sprach er Leute auf der Straße an, ob sie ihm nicht dabei helfen wollten, im Krupp-Park Müll aufzulesen. Die Angesprochenen zeigten ihm nicht etwa einen Vogel, sondern packten mit an.

Jeden Samstag um 10.15 Uhr ziehen sie los, acht Freiwillige mit Sammelzangen und Handkarren. „Altendorfs Bürger engagieren sich für ihren Stadtteil“, steht darauf zu lesen. Inzwischen koordiniert Hüttemann 38 Ehrenamtliche und packt immer noch selbst mit an. Im Krupp-Park, entlang des Berthold-Beitz-Boulevards, am Jahn-Platz, am Sportplatz der Ballfreunde Bergeborbeck und entlang der Radtrasse der Rheinischen Bahn. Es ist Hüttemanns Beitrag für ein sauberes Altendorf und dafür, dass sich Bürger und Besucher ein anderes Bild machen mögen von seinem Stadteil, dem ein schlechtes Image anhaftet wie Kaugummi unterm Schuh.

Verlagerung der Konzern-Zentrale von Thyssen-Krupp nach Essen war für Altendorf ein Signal

„Ich wusste, das ist ein weiter Weg, das in den Köpfen der Menschen zu ändern“, sagt Johannes Hüttemann. Abschrecken oder gar aufhalten kann ihn das nicht. Hüttemann hat früh gelernt, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Er war 21 Jahre jung, als der Vater starb. 46 Jahre führte er eine Friedhofsgärtnerei am Helenenfriedhof, bis er mit 69 in Rente ging. Sein Lebensmotto: „Begeisterung, Leidenschaft und Biss.“ Über sich selbst will er aber soviel gar nicht sprechen. Lieber über sein Altendorf, wo es vor Jahrzehnten bergab ging, als der Krupp-Wohnungsbau aufgehört habe, in seine Häuser zu investieren. Sozial Schwächere zogen in den Arbeiterstadtteil, die Abwärtsspirale drehte sich immer schneller.

Ausgerechnet Thyssen-Krupp sei es zu verdanken, dass Altendorf auf eine bessere Zukunft hoffen darf, sagt Hüttemann und meint die Verlagerung der Konzern-Zentrale von Düsseldorf nach Essen. Ohne diese unternehmerische Entscheidung würde es den Krupp-Park heute nicht geben und wohl auch nicht die Radtrasse und den Niederfeldsee mit seinen schicken Allbau-Häuser. Drei weitere kommen im nächsten Jahr hinzu. Johannes Hüttemann spricht von Mosaiksteinchen.

Er selbst wohnt kaum einen Steinwurf entfernt. „Ich will hier gar nichts schönreden“, sagt er, als er den Besucher durch die Straßen führt. Vorbei an Fassaden, die einen neuen Anstrich erhalten haben; das neue Viertel am Niederfeldsee strahlt aus aufs Quartier. Entlang der Altendorfer Straße prägt Multikulti das Bild: Dönerbuden, türkische und afghanische Küche, Süßwaren, Lebensmittel und Billigwaren. Die wenigen alteingesessenen Geschäfte gehen unter zwischen bunter Reklame. Es ist ein Bild, das hängen bleibt in den Köpfen.

„Aber ist das so schlimm hier?“, fragt Hüttemann. Er selbst kaufe konsequent bei den wenigen Einzelhändlern vor Ort. „Man darf sich sonst nicht wundern, dass die Geschäfte irgendwann verschwinden.“ Zum Glück sind es zum Cronenberg-Center nur ein paar Schritte.

Flüchtlinge und Zuwanderer aus Südosteuropa haben in Altendorf eine neuen Bleibe gefunden

Zurück in Richtung Niederfeldsee geht es über den Ehrenzeller Markt. Der Platz ist verwaist. Im Sommer ist er beliebter Treffpunkt für Sinti und Roma, Zuwanderer aus Rumänien und Bulgarien. Auch viele Flüchtlinge haben in Altendorf, wo die Wohnungen günstiger sind als anderswo, eine Bleibe gefunden.

Für einen Stadtteil, der sozial auf der Kippe steht, bedeutet Integration eine Herkulesaufgabe. „Die Leute ansprechen. Dran bleiben“, das würde Johannes Hüttemann empfehlen. Sie könnten mehr von seiner Sorte gebrauchen, nicht nur in Altendorf.

Im Laufe des Projekts finden Sie alle Reportagen und Analysen auf unserer Themenseite zum Stadtteil-Check.

Leserkommentare (5) Kommentar schreiben