Literaturfestival

Start der Literatürk mit Bauchtanz und Bullshit-Bingo

Der Bauchtanz-Auftritt des Drag-Künstlers Prince Emrah auf der Literatürk.

Der Bauchtanz-Auftritt des Drag-Künstlers Prince Emrah auf der Literatürk.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Auf der Zeche Carl eröffnete die 15. Ausgabe des Literaturfestivals Literatürk als Gazino-Gala. Am Ende hielt es nicht alle auf ihren Stühlen.

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Eine neue Bezeichnung sollte dafür her, dachte sich der WDR in den 70er Jahren. Und startete einen Sprachwettbewerb, um einen passenderen Namen für die Menschen zu finden, die man noch immer Gastarbeiter nannte. Die Resonanz bei den Zuschauern: 32.000 Einreichungen. Die Vorschläge: kreativ, aber auch diskriminierend. Der Autor Imran Ayata und Theatermacher Bülent Kullukcu sezieren die Begriffe an diesem Abend in einem Bullshit-Bingo, einer humoristischen Variante des beliebten Gesellschaftsspiels.

Das Moderatoren-Duo der diesjährigen Eröffnungsgala des Festivals Literatürk findet dafür an diesem Montagabend eine simple Aufgabenteilung: Kullukcu liest die Begriffe und Ayata kommentiert. Zugvögel? – „Poetisch“. „Mischlingsmensch“? – „problematisch!“. „Praktizierender Europäer“? – „kemalistisch“. „Proletarier“? – „bestimmt von DKP-Mitgliedern.“ Was die beiden auf der Bühne als süffisantes Spiel auslegen, gehört noch immer zur Realität: Ein großer Teil der Gesellschaft wird als fremd wahrgenommen.

„#irgendwasmitheimat“ lautet daher das ironische Motto der mittlerweile 15. Literatürk-Ausgabe. Denn dass der Heimatbegriff in den letzten Jahren wieder umkämpfter geworden ist, macht auch keinen Halt vor der Literatur. Zeitgemäß erscheint dieser Diskurs vielen nicht, wie Essens Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain in seinem Grußwort klarstellt: „Irgendwann würden wir das gerne hinter uns lassen!“ Für ihn fungiere da auch Literatürk als Forum „gegen die Strömungen, die wir nicht wollen“.

Gute Stimmung bei Bauchtanz und Raki

Wie sich das literarisch überwinden lässt, bewies an diesem Abend der Schriftsteller Selim Ozdoğan. Sein Debütroman mit dem Titel „Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist“ gilt längst als Kultbuch. Ozdoğans Passagen, die er an diesem Abend liest, kreisen um den Kosmos von Jugendlichen. Und die unterscheiden sich in ihren Tätigkeiten nie, egal ob migrantisch geprägt oder nicht. Sie kiffen, zocken, hören Rap und fiebern der ersten Liebe entgegen. Ozdoğan lässt die Romanze seines Ich-Erzählers dort beginnen, wo er sich zunächst wirklich fremd fühlt: ausgerechnet auf einer drogenlastigen Techno-Party auf der Zeche Carl.

Dort geht es auch bei dieser Literatürk-Gala feierlich zu. Raki wird herumgereicht, während die Gäste wie in einem traditionellen Istanbuler Gazino an langen Tischreihen sitzen. Von dort sehen sie den Auftritt des Tanz-Performers Prince Emrah. Der Drag-Künstler lässt Bauch und Hüften zunächst zu flotten, orientalischen Klängen kreisen. Schließlich zu den knarzenden Gitarren der psychedelischen Rocker von Elektro Hafiz. Das hält nicht alle an den Tischen. Denn es lockt die Tanzfläche.

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