Vorlese-Roboter

Statt Mama und Papa liest bald eine Roboter-Eule Kindern vor

„Papa kann alles“, hat aber vielleicht gerade keine Zeit zum Vorlesen - das übernimmt dann die Roboter-Eule Luka. Hier posieren (v.l.): Stefan Tholen (ITR), Kinderbuchautorin Cally Stronk, Thomas Feibel (Medienexperte), Sahar Tholen (Luka Marketing) und Jörg Maas (Stiftung Lesen) mit einer XL-Version des Vorlese-Roboters.

„Papa kann alles“, hat aber vielleicht gerade keine Zeit zum Vorlesen - das übernimmt dann die Roboter-Eule Luka. Hier posieren (v.l.): Stefan Tholen (ITR), Kinderbuchautorin Cally Stronk, Thomas Feibel (Medienexperte), Sahar Tholen (Luka Marketing) und Jörg Maas (Stiftung Lesen) mit einer XL-Version des Vorlese-Roboters.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Gut möglich, dass in Kinderzimmern bald nicht Mama und Papa vorlesen, sondern die elektronische Eule Luka. Vermarktet wird sie von Essen aus.

Luka ist eine elektronische Eule mit großen Augen und erstaunlichen Fähigkeiten: Der Roboter für das Kinderzimmer kennt bereits 450 Bücher und lernt täglich neue Titel, außerdem kann er in verschiedenen Sprachen vorlesen. Da kommen Mama und Papa kaum mit. Die kleine Eule stammt aus China und hat ihr Hauptquartier nun im Löwental in Essen-Werden aufgeschlagen. Von hier aus soll Luka den europäischen Markt erobern.

Aber was heißt soll, sie hat bereits begonnen: Ab 4. Oktober ist Luka nicht nur im stationären Handel in Deutschland erhältlich, sondern auch in den Niederlanden, Österreich, Belgien und der Schweiz. In drei Jahren soll es die kluge Eule in 38 Ländern Europas geben. So stellt es sich Stefan Tholen vor, der sich mit seiner Firma ITR (Industry to Retail) darauf spezialisiert hat, globale Innovation in die Geschäfte Europas zu bringen.

Luka könne Kindern jedes Buch vorlesen, Seite für Seite

Luka, so erzählt er, sei er im Januar 2018 auf einer Messe in den USA begegnet und es sei „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen. Möglichst schnell habe er die Eule, die bis dahin chinesischen Kindern vorlas, in sein Heimatland bringen wollen. Allerdings mussten er und sein Team zunächst mit Verlagen sprechen, Autoren- und Bildrechte klären. Eine App kreieren, die Lukas Fähigkeiten steuert, und eine Cloud schaffen, in der die zahllosen Buchtitel aufbewahrt werden.

Nun aber ist es soweit: Lege man Luka ein illustriertes Kinderbuch vor, lese sie jede beliebig aufgeschlagene Seite vor. Damit unterscheide sie sich von anderen Angeboten, etwa von Hörbüchern, Hörspielen oder Hörfiguren und -boxen. Luka mache das Buch nicht überflüssig, sondern arbeite mit ihm zusammen.

Die Vorlese-Eule kann die Eltern natürlich nicht ersetzen

Das mag der Grund sein, warum sich der Geschäftsführer der „Stiftung Lesen“, Jörg Maas, zur Eröffnung des Luka-Hauptquartiers am Donnerstag in Werden zu einem Testimonial bereit erklärt hat. Maas führt zunächst aus, dass Lesen die Voraussetzung für Bildung sei, in Deutschland aber rund sechs Millionen funktionale Analphabeten lebten, denen dieser Zugang verwehrt sei. Das liege auch daran, dass sich die Affinität zum Lesen am besten im Alter bis zu sechs Jahren ausbilde – also vor der Einschulung. Da seien die Eltern gefragt, bloß: „In einem Drittel der Familien in Deutschland wird nicht vorgelesen“, sagt Maas.

Die Stiftung Lesen wirbt darum seit Jahren dafür, dass Mütter und Väter ihren Kindern täglich mindestens 15 Minuten vorlesen. Am bundesweiten Vorlesetag ziehen wohlmeinende Ehrenamtliche und Prominente in Kitas und lesen vor. Mit Erfolg: „Bei einer Befragung haben danach 98 Prozent der Kinder gesagt: Wir wollen, dass uns vorgelesen wird.“ In einer idealen Welt, so Maas, würde das längst geschehen, in der Realität eben nicht, und daher könne er sich Luka als ergänzendes Angebot vorstellen. Sozusagen ein Hilfsvorleser.

Der Roboter kostet 199 Euro – lachen oder kuscheln kann man mit ihm nicht

Mag die Firma ITR Luka auch als „Vorlese-Freund“ vermarkten, die vielsprachige Eule mit der enormen Bibliothek kann naturgemäß keine Mutter, keinen Vater ersetzen; obwohl diese sogar selbst Bücher einsprechen können. Aber an die Eltern kann sich ein Kind beim Vorlesen kuscheln, Fragen stellen, mit ihnen lachen und nebenbei eine Sorge aus der Kita loswerden. Maas betont daher: „Luka ist kein Ersatz für die Eltern“.

Andererseits halte er nichts von Dogmatik: Luka könne einer von vielen Wegen zum Buch sein, so Maas. Und die vielsprachige Eule unterstütze womöglich Zuwandererfamilien, die sich wegen mangelnder Deutschkenntnisse oft scheuten, den Kindern vorzulesen. „Am liebsten hat man natürlich die Vorlese-Omi, Mama oder Papa, aber wenn die nicht da sind, kann Luka einspringen“, fasst Oberbürgermeister Thomas Kufen zusammen, der selbst reichlich Vorlese-Erfahrung in den Kitas der Stadt gesammelt hat.

Allerdings kostet der Lese-Roboter stolze 199 Euro, und die Bücher müssen dazu gekauft werden (oder schon vorhanden sein). Es bleibt also abzuwarten, ob Luka tatsächlich von Eltern mit mangelnden Sprachkenntnissen und geringer Bildung gekauft wird. Oder nicht doch von den Doppelverdienern, denen sehr bewusst ist, wie wichtig Vorlesen ist, die dafür bloß viel zu selten ein Zeitfenster finden.

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