Clans im Ruhrgebiet

Verbrechen, Luxusautos, „Ehre“: Die Welt der Clans im Revier

Razzia in Essen: Die Stadt und das Ruhrgebiet gelten als Hochburg der Clan-Kriminalität. Die Wurzeln mehrer Großfamilien liegen in Südost-Anatolien. Über den Libanon und Ost-Berlin kamen sie ab Mitte der 1970er-Jahre nach Westdeutschland.

Razzia in Essen: Die Stadt und das Ruhrgebiet gelten als Hochburg der Clan-Kriminalität. Die Wurzeln mehrer Großfamilien liegen in Südost-Anatolien. Über den Libanon und Ost-Berlin kamen sie ab Mitte der 1970er-Jahre nach Westdeutschland.

Foto: Stefan Arend / FUNKE Foto Services

Essen.  Essen ist Hochburg der Clan-Kriminalität. Um ihre Welt zu verstehen, muss man wissen, woher sie kommen und nach welchen Regeln sie leben.

Sie brettern mit 500-PS-Protzkarren durch Essen, beleidigen Streifenpolizisten, handeln mit Drogen, erpressen Schutzgelder, verdienen Millionen an unversteuertem Wasserpfeifentabak und waschen schmutziges Geld in Shisha-Bars und Pizzabuden. Essen und das Ruhrgebiet zählen zu den Hochburgen der Clan-Kriminalität in Deutschland.

Das erste LKA-Lagebild zur Clankriminalität in NRW zeichnet ein düsteres Bild: Zwischen 2016 und 2018 gingen 14.225 Straftaten mit 6449 Tatverdächtigen auf das Konto krimineller Clan-Mitglieder. Wegen der tiefen Verstrickung in die Organisierte Kriminalität stehen arabischstämmige Familienclans bundesweit im Fadenkreuz der Ermittler.

NRW-Innenminister Herbert Reul hat kriminellen Clan-Mitgliedern den Kampf angesagt und eine Null-Toleranz-Strategie ausgerufen. Aber schnelle Erfolge dürfen bei der Bekämpfung krimineller Clan-Strukturen nicht erwartet werden. „Es wird ein Marathonlauf werden und kein 100-Meter-Sprint“, prophezeit der Clan-Experte und Islamwissenschaftler Mathias Rohe von der Universität Erlangen.

Migrationsforscher fällt vernichtendes Urteil über Clans

Wer die Hintergründe des Phänomens Clankriminalität erfassen will, muss die archaische und abgeschottete Lebenswelt dieser Großfamilien verstehen lernen: Woher stammen die Clans? Wie kamen sie in dieses Land? Nach welchen Regeln leben sie? Und: Warum besitzen sie so viel Geld und Macht?

Der Migrationsforscher Ralph Ghadban fällt ein vernichtendes Urteil über das Selbstverständnis der Clans. „Sie betrachten die deutsche Gesellschaft als Beutegesellschaft“, sagt der Berliner Publizist, der in seinem Buch „Arabische Clans – die unterschätzte Gefahr“ schonungslos abrechnet mit den Familien Al-Z., O., S., R., S., M. und K.

Wurzeln nicht im Libanon, sondern in Südost-Anatolien

Ihre tiefen Wurzeln haben diese Familienclans nicht wie vielfach angenommen im Libanon, sondern in gut 50 Dörfern der türkischen Region Mardin, einem Kurden-Gebiet in Südost-Anatolien nahe der syrischen Grenze. Die einen nennen sie – wegen des arabischen Dialektes – Mhallami, die anderen Mardelli in Anspielung auf die Stadt Mardin.

Die Migration in den Libanon geschieht in zwei Wellen, die erste setzt schon in den 1920er-Jahren ein, aber zur großen Auswanderung kommt es erst in den 1940er-, 50er- und 60er-Jahren. Für Letztere endet sie in einem Desaster. Beirut – auch das Paris des Nahen Ostens genannt – entpuppt sich für die meisten nicht als gelobtes Land, sondern als Alptraum. Denn in ihrer neuen Heimat sind sie nur geduldet, die meisten hausen in Ghettos jenseits der Reichenviertel. Da ihnen die libanesische Staatsangehörigkeit wie auch die Arbeitserlaubnis verwehrt werden, müssen sie sich als Tagelöhner auf Plantagen verdingen oder als Lastenträger auf Märkten. Kurzum: Die Mardelli sind die Underdogs des Libanon.

Zweitgrößte libanesische Community bundesweit lebt in Essen

Als 1975 der Bürgerkrieg ausbricht, setzen sich die ersten Familien in Maschinen der DDR-Fluggesellschaft Interflug. Am Ost-Berliner Flughafen Schönefeld kaufen sie für fünf Mark ein Transitvisum, und Honecker lässt sie in den freien Westteil der geteilten Stadt ausreisen. Passkontrollen gibt es dort bekanntlich nicht, und so nutzen Zigtausende das „Loch“ in der Berliner Mauer.

Viele fassen Fuß in Neukölln, in den Arbeiter-Quartieren zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße. Oder sie ziehen weiter nach Bremen und ins Ruhrgebiet. Die zweitgrößte libanesische Community bundesweit lebt in Essen – bevorzugt in Altendorf und in der nördlichen Innenstadt. Nach Berechnungen des Bundeskriminalamtes umfassen die Familienclans rund 200.000 Menschen, allein im Ruhrgebiet leben mehrere Zehntausend.

Unsicherer Aufenthaltsstatus für Staatenlose

Clan-Experte Ahmad A. Omeirate, Wirtschaftswissenschaftler und angehender Islamwissenschaftler, ist 1984 in Berlin geboren und in Neukölln aufgewachsen. Zurzeit lebt er in Essen. Neben dem archaisch-patriarchalem Wertesystem der Clans macht er die gesellschaftliche Ausgrenzung mit dafür verantwortlich, dass so viele Libanon-Flüchtlinge in die Kriminalität abgedriftet sind. „Es gab damals Null Integration“, sagt der 36-Jährige.

Die meisten Libanon-Flüchtlinge – neben den Mhallami auch Palästinenser und Libanesen – leben in den 1980er Jahren in prekären Verhältnissen, etwa in Notunterkünften. Deutsch steht in Berliner Schulen nicht auf dem Stundenplan, stattdessen Arabisch. Es gibt Kürzungen bei der Sozialhilfe, und die anfängliche Schulpflicht wird für Flüchtlingskinder wieder aufgehoben.

Als Staatenlose unterliegen sie außerdem einem unsicheren Aufenthaltsstatus, Kettenduldungen werden als besonders diskriminierend und ausgrenzend empfunden. Und das 1978 verhängte, aber inzwischen gelockerte Arbeitsverbot hält sie vom Jobmarkt fern. Lauter Maßnahmen, die die Community so auffasst: Ihr wollt uns hier nicht haben.

In dieser Zeit wird die kriminelle Disziplin Ladendiebstahl als erstes kriminelles Geschäftsfeld etabliert. Kenner des Milieus sehen die libanesische Familie C. in der Vorreiter- und Vorbildrolle, danach entdecken auch die Familienclans diese lukrative Form der Beschaffungskriminalität. Sie empfinden die deutsche Justiz als lasch und die Strafen als wenig abschreckend, vielfach bleiben sie mit ihrer Kleinkriminalität sogar unter dem Radar der Ermittlungsbehörden.

Kurz vor dem DRK stopften die Libanesen ihre VW-Busse voll mit Altkleidersäcken

Ralph Ghadban steuert eine amüsant anmutende, beinahe harmlose Anekdote aus jener Zeit bei. Sie handelt davon, wie pfiffige Libanesen die Altkleidersammlung des Berliner DRK kapern. Zur Erinnerung: Damals stellen die Menschen die gefüllten DRK-Kleidersäcke noch zum Abholen auf den Bürgersteig, Altkleidercontainer gibt es noch nicht. Ghadban berichtet: „Die Libanesen fuhren gegen fünf Uhr morgens – eine Stunde vor den Wagen des DRK – mit VW-Bussen durch die Straßen, sammelten die Säcke ein und stopften sie bis zum Dach mit den Altkleidersäcken voll.“ Via Hamburg wird die leichte „Beute“ ins Bürgerkriegs-Land Libanon verschifft, wo sie auf Secondhand-Märkten gewinnbringend verscherbelt wird. Auch dieses Beispiel sollte Schule machen.

Verglichen mit der alarmierend langen Straftaten-Liste von heute erscheinen die Vergehen von damals wie Kavaliersdelikte. Laut Lagebild NRW 2018 ist Essen Spitzenreiter in Sachen Clankriminalität mit 2439 Taten gefolgt von Gelsenkirchen (1096), Duisburg (790), Bochum (780) und Dortmund (703). Die Delikte reichen von Körperverletzungen, Raub, Diebstahl und Betrug über Schutzgeld-Erpressung und Betäubungsmittelkriminalität bis hin zu Fälschungen und Verstößen gegen das Waffengesetz.

Mehr als ein Viertel der Straftaten von Mitgliedern dreier Familien begangen

Allein 1738 Delikte entfallen auf kriminelle Mitglieder eines einzigen Clans, 1017 auf einen weiteren, weitere 680 auf noch einen Clan. Das heißt: Kriminelle Mitglieder von nur drei Familienclans haben mehr als ein Viertel der insgesamt 14.225 Straftaten begangen.

Was obendrein verstört und Ghadbans Beutegesellschaft-These stützt: Bei ihren Kontrollen trifft die Essener Polizei regelmäßig auf Fahrer von Luxusautos, die offiziell von Hartz-IV leben. Für Aufsehen sorgte die Duisburger Polizei im September letzten Jahres: Sie hatte sich auf zwei Parkplätzen vor Jobcentern auf die Lauer gelegt und sieben Luxus-Fahrzeuge sichergestellt, mit denen Kunden des Jobcenters dort vorfuhren.

„Kriminelle Minderheit sorgt für maximale Rufschädigung“

Ahmad A. Omeirate tritt vehement dem Eindruck entgegen, dass alle Angehörigen dieser Familienclans in kriminelle Machenschaften verstrickt sind. Zu demselben Ergebnis kommt Mathias Rohe, der Islamwissenschaftler von der Universität Erlangen. Er sagt: „Nach allen bisherigen Erkenntnissen ist ein großer Teil der Angehörigen von Familienclans ein rechtstreuer Bestandteil der Bevölkerung.“ Trotz der engen Bindungen sind die mitunter mehr als 1000 Mitglieder zählenden Familienclans keineswegs homogene Verbände. „Eine kriminelle Minderheit sorgt für maximale Aufmerksamkeit und maximale Rufschädigung“, sagt Ahmad A. Omeirate.

Egal ob gesetzestreu oder straffällig: Die Welt der Familienclans bleibt – trotz des immens gestiegenen Medieninteresses – ein nahezu hermetisch abgeschottetes Milieu mit eigenen Gesetzen und strengen Regeln. Es ist eine archaische Parallelgesellschaft mit einer eigenen Paralleljustiz, in der so genannte Friedensrichter oder Schlichter einen weitaus höheren Stellenwert genießen als der Vorsitzende einer deutschen Schwurgerichtskammer. „Richter ohne Gesetz“ betitelt der Publizist Joachim Wagner sein Buch. Der Untertitel: „Islamische Paralleljustiz gefährdet unseren Rechtsstaat.“

Friedensrichter tragen keine schwarzen Roben und haben nicht ein einziges Semester Rechtswissenschaften studiert. Aber innerhalb der Clans sind sie angesehene Männer, die in der Hierarchie ganz oben stehen. Nach Gewalttaten zwischen verfeindeten Familienclans sind sie es, die die Zahlung von „Blutgeld“ („diya“) aushandeln.

Patriarchalische Strukturen, die Ehre, die Rolle der Mütter

Ohne den engen Zusammenhalt der Großfamilien – darin sind sich Staatsanwälte und Polizisten, Islamwissenschaftler und Politiker einig – würde die Organisierte Kriminalität nicht funktionieren. Innerhalb dieser Verbände sind es die Männer, die das Geld verdienen, die Geschäfte regeln und eines der höchsten Güter – die Familienehre – schützen.

Und die Frau? „Sie strebt nicht nach (beruflicher) Selbstverwirklichung, sondern nach Ansehen im Clan“, heißt es in einer aktuellen Analyse des Essener Polizeipräsidiums. Zur klassischen Rollenverteilung gehöre auch, möglichst viele Kinder für den Clan zu gebären.

Eheschließungen unter Cousins und Cousinen nicht unüblich

Die höchste Position in diesem patriarchischen Gefüge sei erreicht, wenn die Mütter ihre Kinder, vor allem ihre Söhne, verheiratet haben. „Frauen tragen in ihrer Rolle als Mutter dazu bei, dass die patriarchalen und archaischen Strukturen erhalten bleiben“, findet Ahmad A. Omeirate.

Zu den Besonderheiten der Clan-Lebenswelt zählen Eheschließungen unter Verwandten. Die Essener Polizei spricht von Bündnissen auf Vertragsbasis, die zuvor ausgehandelt werden. Es seien die Väter des Paares, die den Vertrag aushandelten und zur Hochzeitsfeier einladen. „Eine Ehe ist somit ein familiärer Geschäftsakt, der die Macht des Clans weiter ausbauen soll.“ Ein aktuelles Beispiel: Clan-Größe Mahmoud Al-Z., besser bekannt als „El Presidente“ oder „Der Pate von Berlin“, verheiratete unlängst seine Tochter mit Hamsa, einem seiner vielen Neffen.

Kampf gegen Clan-Kriminalität in NRW
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