Angriffe

Angst vor Vergewaltiger: Sind Pfefferspray und Co. sinnvoll?

Christoph Küttner von „Waffen Isenberg“ aus Essen zeigt zwei Selbstschutz-Mittel (auch) für Frauen: Pfefferspray und eine extra grelle Taschenlampe.

Christoph Küttner von „Waffen Isenberg“ aus Essen zeigt zwei Selbstschutz-Mittel (auch) für Frauen: Pfefferspray und eine extra grelle Taschenlampe.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Seit am Essener Stadtwald ein Vergewaltiger gesucht wird, leben Frauen in Angst. Experten erklären, wie man sich vor Übergriffen schützen kann.

Die Polizei sucht intensiv nach dem Serienvergewaltiger aus dem Stadtwald. Seit Dezember leben vor allem Frauen in dieser Gegend in Angst oder aber werden unterwegs zumindest von einem unguten Gefühl begleitet. Damals hatte der Unbekannte nach allem, was die Ermittler bisher wissen, zum ersten Mal eine Fußgängerin überfallen. Zwei weitere Fälle sind der Polizei bekannt – und natürlich auch der Öffentlichkeit. Doch was können Frauen tun, um sich vor Übergriffen zu schützen?

„Es gibt keine klare Marschrichtung und kein Richtig oder Falsch“, sagt Polizeisprecher Peter Elke. Guten Gewissens könne er weder Pfefferspray noch ein Boxtraining empfehlen, damit Frauen die passende Antwort auf einen Angriff hätten. „Dazu sind die Umstände im Ernstfall zu verschieden“, sagt Elke.

Besorgte Frauen am Stadtwald tun sich in WhatsApp-Gruppen zusammen

Die Verbrechen am Stadtwald bewegen die Öffentlichkeit. Einige Anwohnerinnen haben sich in WhatsApp-Gruppen zusammengetan, um sich schnell über Neuigkeiten zu informieren oder warnen zu können. An Bäumen hängen Hinweise auf den Gesuchten aus. Die Furcht vor Begegnungen mit dem Vergewaltiger ist so groß, dass sich immer mehr Frauen bewaffnen.

Geschäftsführer Christoph Küttner von Waffen Isenberg in der Innenstadt hat es in diesen Tagen nahezu täglich mit Kundinnen zu tun, die sich über Schutz-Möglichkeiten informieren. „Allein an einem einzigen Tag habe ich kürzlich zehn Mal Pfefferspray verkauft. Immer an Frauen und immer mit dem Hinweis auf die Vorfälle am Stadtwald“, sagt Küttner.

Kleine Schlagwaffen im Kugelschreiberformat: Tactical Pen oder Kubotan

Eine pauschale Empfehlung, welches Mittel nun das passende ist, mag auch er nicht aussprechen. Obwohl Waffen sein Geschäft sind. Er lege Wert darauf, die Kundschaft genau zu informieren, denn er weiß auch: „In Notsituationen passieren oft Fehler, die fatale Folgen haben können.“ Er warnt davor, sich blind über das Internet etwas zu bestellen und dann nicht zu wissen, wie es richtig eingesetzt wird.

Das Angebot an Hilfsmitteln für die Selbstverteidigung ist groß. Neben Spray gibt es kleine Schlagwaffen im Kugelschreiberformat wie den Tactical Pen oder Kubotan, mit denen empfindliche Körperstellen wie beispielsweise Nervenbahnen eines Angreifers getroffen werden sollen. „Das ist etwas für den Nahkampf, wenn es zu spät ist für Pfefferspray. Aber man muss schon genau wissen, an welcher Stelle es wirkt“, sagt Küttner. Sowohl der Waffenexperte als auch die Polizei warnen davor, dass der Einsatz bei einer Attacke auch nach hinten losgehen kann.

Experte: „Auf Alarm reagieren die Leute oft mehr als auf Hilferufe.“

Im Falle des Stadtwald-Vergewaltigers hatte eine Frau kürzlich in letzter Sekunde entkommen können, weil sie sich mit Pfefferspray gewehrt hatte. „Die Sprühdosen schneiden aus meiner Sicht am besten ab. Sie sind einfach in der Bedienung. Das Spray verursacht höllische Schmerzen, aber keine bleibenden Schäden“, sagt Christoph Küttner. Das würde Polizeisprecher Peter Elke so nicht unterschreiben. „Glückliche Umstände haben dazu geführt, dass die Frau am Stadtwald entkommen konnte. Aber auch der Einsatz von Pfefferspray kann in die falsche Richtung gehen.“

Bei allen Überlegungen sollten sich Frauen vor dem Kauf eines Verteidigungsmittels auch darüber informieren, was überhaupt erlaubt ist. „In Deutschland ist das ziemlich wenig“, findet Küttner. Zu den frei verkäuflichen Mitteln gehörten unter anderem Sirenen für die Hosentasche – „auf ein Alarmsignal reagieren Leute oft mehr als auf Hilferufe“. Oder auch Stroboskop-Taschenlampen, deren grelles Licht Angreifer blenden und aus dem Konzept bringen können.

Von Messern zur Selbstverteidigung rät der Experte ab

Von Messern zur Selbstverteidigung rät übrigens auch ein Waffenverkäufer ab. „Dabei handelt es sich um eine Nahkampfwaffe, die Körperkontakt voraussetzt. Im Zweifel wird sich der Angreifer besser mit solchen Mitteln auskennen – und sie am Ende gegen mich einsetzen“, sagt Christoph Küttner. Er erzählt, dass er es bedauere, in seinem Geschäft so häufig mit der Angst von Frauen und ernsten Hintergründen konfrontiert zu werden: „Viel lieber würde ich Sportschützen beraten und mich mit ihnen über Pokale freuen.“

Apropos Sport: „Sportlerinnen sind bei einem Übergriff im Vorteil: Sie können schnell wegrennen“, sagt Polizeisprecher Peter Elke. Einen klaren Rat gibt er dann doch noch: „Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Welche Situation finden Sie vor und ist es vielleicht besser, sich aus dieser Situation zu entfernen? Scheuen Sie nicht, andere Passanten anzusprechen, wenn Sie sich unwohl fühlen.“

>>WAS ABWEHRMITTEL KOSTEN

  • Was kosten frei verkäufliche Mittel für die Selbstverteidigung? Pfefferspray muss in Deutschland als „Tierabwehr-Spray“ gekennzeichnet sein. Es ist im Handel ab etwa 5 Euro zu haben.
  • Eine Taschenlampe mit extra grellem Licht, die Angreifer blenden soll, gibt es für rund 90 Euro. Ein kleines Alarm-Gerät für die Tasche kostet zwischen 10 und 20 Euro. Einen Tactical Pen gibt’s für rund 30 Euro.

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