Unperfekthaus

Warum das Barcamp Ruhr Spaß macht und Büro-Blues auslöst

Zum ausverkauften Barcamp Ruhr in Essen werden am 25. und 26. März 180 Teilnehmer im Unperfekthaus erwartet.

Zum ausverkauften Barcamp Ruhr in Essen werden am 25. und 26. März 180 Teilnehmer im Unperfekthaus erwartet.

Foto: Simon Bierwald

Essen.   Zum Barcamp Ruhr werden 180 Teilnehmer erwartet. Veranstalter Berthold Barth erklärt, warum sie so gern ins Unperfekthaus nach Essen kommen.

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Das Unperfekthaus am Limbecker Platz ist ab Samstag erneut Schauplatz einer zweitägigen Unkonferenz: Das Barcamp.Ruhr ist eine Tagung ohne vorgegebenes Programm. Im zehnten Jahr nach der Barcamp-Premiere in Essen erwarten Maik Wagner (43) und Berthold Barth (33) 180 Teilnehmer: ausverkauft. Die beiden Essener organisieren das Barcamp.Ruhr seit 2014. Mit Barth haben wir über die Barcamp-Idee, Lektionen für die moderne Arbeitswelt und seine eigene Motivation als Veranstalter gesprochen.

Was ist ein Barcamp?

Berthold Barth: Am einfachsten kann man ein Barcamp in Abgrenzung zu einer klassischen Konferenz beschreiben: Es gibt zwar eine Agenda an den zwei Tagen, aber was wann und wo stattfindet, ergibt sich am Morgen der Veranstaltung. Jeder, der mag, darf Themen mitbringen und vorschlagen. Und jeder Teilnehmer entscheidet selbst, was ihn interessiert und setzt sich dann in die Sessions. So entsteht an einem Wochenende spontan eine selbstorganisierte, lernende Veranstaltung.

Was ist ein Barcamp nicht?

Barth: Langweilig. Niemand ist gezwungen, sich ein Thema zu Ende anzuhören. Wenn er feststellt, dass er in einer Session nichts lernen oder beitragen kann, verlässt er den Raum und sucht sich am „Session Board“ ein anderes Thema aus – oder trifft dort jemanden, mit dem er sich eh schon mal austauschen wollte. Das nimmt einem auch niemand quer. Durch fehlende Formalismen und Vorgaben entsteht ein großer Grad an Freiheit und Selbstverantwortung. Das entspricht sehr stark dem menschlichen Naturell – und löst den „Barcamp-Blues“ aus.

Den „Barcamp-Blues“?

Barth: Im Alltag haben wir häufig sehr eingeschränkte Freiräume: Arbeit von 8 bis 17 Uhr, E-Mail-Austausch, Terminplaner, Vorgesetzte und immer wieder auch Druck. Selbst wir, die wir sehr große Gestaltungsräume haben, merken, dass auf Barcamps alles etwas anders ist. Alle sind gemeinsam verantwortlich dafür, dass die Veranstaltung läuft. Wer keine „Session“ anbietet, erklärt Neulingen, wie sie das Beste aus dem Event machen können, hilft auf- und abbauen oder setzt sich an den Empfang und begrüßt die ankommenden Teilnehmer. Es gibt eine klare Vision, und jeder kann nach eigenem Gusto dazu beitragen. Das ist sehr befreiend, und Maik Wagner und ich arbeiten auch daran, dass es in mehr Unternehmen ähnlich menschenwürdig und motivierend zugeht und nicht am Montag die große Ernüchterung – der „Barcamp-Blues“ – einsetzt.

Sie denken, in vielen Firmen könnten Mitarbeiter arbeiten wie beim Barcamp?

Barth: Das klingt abwegiger als es ist. Durch Digitalisierung findet immer mehr Arbeit im Kopf statt. Damit wird es zunehmend schwierig, komplexe Probleme alleine am Norm-Bildschirmarbeitsplatz zu lösen. Kollaboration, Wissensaustausch und moderne Arbeitsweisen sind unabdingbar, um mit der modernen Arbeitswelt erfolgreich umgehen zu können. Gleichzeitig fällt es häufig schwer, komplexe Organigramme kurzfristig zu verändern. Viele große Unternehmen wie RWE, Evonik oder Bosch erkennen das und schaffen immer häufiger selbstorganisierte Räume. Wer einmal Barcamp-Blut geleckt hat, der findet es schwer, sich wieder an Widerstände und Hierarchien zu gewöhnen. Barcamp-Besucher sind Wiederholungstäter.

Dann ist das Barcamp eine Form der Weiterbildung, bei der man auch Methoden für den Arbeitsalltag lernt?

Barth: Im Kern, sicher. Wir zeigen, dass Wissen nicht dröge auf Schulungen und in Powerpoints beschränkt verteilt werden muss, auch wenn Powerpoint nicht verboten ist. Aber viele Formen der Weiterbildung finden sehr gezielt statt, und wenn man einmal teures Geld für ein Seminar ausgegeben hat, ist man darauf festgelegt und muss es auch irgendwo nutzen. Beim Barcamp darf jeder auch in andere Themen reinschnuppern, die nicht in einem engen Zusammenhang zu seiner Arbeit stehen. Wir sind überzeugt, dass gerade ein breites Angebot, gepaart mit dem Lernen in einer wohlwollenden Gruppe auch Spaß macht. Wer behauptet, Arbeit darf keine Freude bereiten, hat weder Freude noch Arbeit verstanden.

Was verbindet die Besucher des Barcamps?

Barth: Vor allem der Wunsch, etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen. Wir haben ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen, alle erdenklichen Themen von Brettspielen über Marketing bis hin zu persönlicher Zeitplanung. Beim Barcamp Ruhr geht es traditionell viel um Kommunikation und soziale Medien. Aber beschränkt darauf ist niemand, und es ist manchmal besonders spannend, mal was ganz Neues kennen zu lernen. Die Barcamper wollen in einer angenehmen Atmosphäre voneinander lernen. Viele treffen hier auch Kollegen aus anderen Unternehmen, um sich auszutauschen.

Was sind das für Themen, die in den „Sessions“ besprochen/diskutiert werden?

Barth: Vieles dreht sich ums Netz: Wie vermarkte ich Produkte, wie behandle ich „Shitstorms“, welche Spuren hinterlasse ich im Web oder welche Sendungen lohnen sich besonders? Daneben gibt es aber auch viele Randthemen. Ich erinnere mich an eine Session, in der meinem Sohn die Fingernägel lackiert wurden, weil es dort um Nageldesign ging. Das hat ihm Spaß gemacht. Oder Einsteigerwissen in Japanisch. Und, ganz im Ernst: Begegnungen mit Suizidpatienten von einem Pfleger im Schockraum. Nicht selten geht es darum, spannendes Wissen weiterzugeben. Manch eine Session kommt aber eher über ein gemeinsames Interesse zustande und entwickelt sich von dort aus. Jeder Teilnehmer ist eingeladen, etwas beizutragen.

Auch Kinder besuchen Barcamps?

Barth: Es ist uns aus verschiedenen Gründen bisher nicht gelungen, eine Betreuung während des Camps sicherzustellen, aber wir haben eigentlich immer ein paar Kids dabei. Die erkunden dann auf eigene Faust das Unperfekthaus, manchmal bieten sie aber auch schon Sessions an. Das finden wir natürlich toll, wenn Eltern ihre Kinder früh zu so etwas mitnehmen.

War das Barcamp Ruhr immer im Unperfekthaus?

Barth: Ja, seit der ersten Inkarnation. Es gibt für uns keine bessere Location. Wir müssen uns um viele Dinge gar nicht kümmern, das Team dort nimmt uns vieles ab. Das macht uns frei, uns darum zu kümmern ein tolles Event auf die Beine zu stellen. Und: Das Unperfekthaus versteht sich als Ort der Begegnung. Und wo ist Begegnung besser als bei einer selbstorganisierten Veranstaltung wie einem Barcamp?

Wer entscheidet, über welche Themen gesprochen wird?

Barth: Letzten Endes jeder für sich. Die Sessions werden nicht weiter abgestimmt, sondern sie finden zu ihrem vorgeschlagenen Zeitpunkt statt. Und wenn nur wenige Teilnehmer kommen, muss das nicht heißen, dass es eine schlechte Session ist. Es kann auch ein Thema mit einer sehr spitzen Zielgruppe sein.

Haben Sie schon mal langweilige Sessions miterlebt?

Barth: Nein. Aber ich gebe vielen Themen eine Chance, wenn ich weiß, dass ich meine Meinung wieder ändern darf. Meistens hat es nichts mit dem Vortragenden zu tun, sondern, dass ich das Thema schon kenne oder für mich nicht als nützlich einstufe. Die Gespräche, die ich kurz nach Verlassen eines Raumes geführt habe, gehören mit zu den Besten.

Warum veranstalten Sie das Barcamp?

Barth: Jedes Jahr aufs Neue ringen wir darum, es nicht bezuschussen zu müssen, aber das Ruhrgebiet braucht aus unserer Sicht ein Barcamp, und deswegen wollen wir die Tradition am Leben halten. Viele Teilnehmer sind geschätzte Kollegen und sogar Freunde geworden. Wir sind beide große Fans, und uns würde etwas fehlen. Frei nach Gandhi: Sei Du selbst die Veränderung, die Du in der Welt sehen willst.

Finanziell haben Sie also nichts davon?

Barth: Nein, wir machen das Ganze pro bono. Ich will gar nicht darüber nachdenken, was es kosten würde, wenn wir unsere Arbeitszeit dem Camp in Rechnung stellten. Dadurch, dass die Tickets durch Sponsoren subventioniert sind, haben wir sehr viel mit deren Management zu tun. Dann Website, Drucksachen, Social Media-Kanäle und die vielen kleinen Dinge, die auch gestandene Eventmanager bisweilen an den Rand der Verzweiflung bringen. Manchmal fragt man sich dann schon, ob es den ganzen Aufwand wert ist. Aber dann ist es wieder da, dieses unvergleichliche Wochenende, alle Teilnehmer sind glücklich und geschäftig. Mit 200 Menschen das Unperfekthaus gerockt zu haben, das ist es alles wert.

Warum sollten Sponsoren das Barcamp unterstützen?

Barth: Das Barcamp Ruhr hat eine treue und sehr aktive Fangemeinde. Viele Arbeiten bei großen Unternehmen in der Werbe- und Medienbranche, in Technologieunternehmen oder sind sehr umtriebige Freelancer, die es lohnt zu erreichen.

Auch in puncto Reichweite, zum Beispiel auf Twitter (#bcruhrX, d. Red.), stellt das Barcamp.Ruhr-Wochenende so ziemlich jede andere Veranstaltung im Ruhrgebiet in den Schatten. Das sind eine Menge Augen, die das Produkt und das Unternehmen eines Sponsors aufnehmen. Und auch wichtig: Auf diese Weise signalisiere ich, dass ich für moderne Unternehmensorganisation und -kommunikation stehe – ein wichtiger Faktor für viele potenzielle Arbeitnehmer, die ich auch auf dem Camp ungezwungen und gleichzeitig inhaltlich kennen lernen kann.

Natürlich hat ein Sponsorship auch eine Innenwirkung ins Unternehmen. Aber Reichweite und Image sind sicherlich die wichtigsten Gründe, die unsere Sponsoren anführen. Branchengrößen wie Nokia, RWE und nun auch die WAZ tragen alle zu einem Gelingen des Events bei: durch finanzielle Unterstützung, aber auch, indem sie durch ihre Präsenz vor Ort der Veranstaltung Impulse mitgeben. Eine Win-win-Situation.

Wer sollte ein Barcamp unbedingt mal miterlebt haben?

Barth: Mit meiner Erfahrung im Produktmanagement traue ich mich kaum, es zu sagen, aber: Zielgruppe sind alle. Einige finden sich unter Gleichgesinnten und genießen es, verstanden zu werden; andere erleben das erste Mal Selbstorganisation in Action und sind begeistert. Wir haben Themen für Marketer, für Bastler und Tüftler, für Jung und für Alt. Und: Wer sein Thema beim Barcamp nicht findet, bringt es selbst mit.

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