Gesamtschule

Beginn einer neuen Ära an der Gesamtschule Fröndenberg

Wurde im Alter von 29 Jahren Vizerektor an der Gesamtschule Fröndenberg: Ulrich Schmidt. Er erinnert sich noch gut an die damalige Zeit

Wurde im Alter von 29 Jahren Vizerektor an der Gesamtschule Fröndenberg: Ulrich Schmidt. Er erinnert sich noch gut an die damalige Zeit

Fröndenberg.   Ex-Schulleiter Ulrich Schmidt erinnert sich an die Anfänge der Gesamtschule Fröndenberg. Kommendes Jahr wird ein halbes Jahrhundert gefeiert.

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1968 steht für den Beginn einer neuen Ära in der Bundesrepublik. In Großstädten demonstrierten Studenten gegen Autoritäten, verlangten Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit, forderten mehr Demokratie. Was friedlich begann, endete nicht selten mit Krawall. Wie war’s in Fröndenberg? Eine Spurensuche, 50 Jahre danach.

Eine Spur führt zu Ulrich Schmidt. Er baute die Gesamtschule Fröndenberg (GSF) auf. Der erste Schulleiter war er nicht. Aber prägte er die GSF wie sonst kein Zweiter.

Ein Hauch von Bauhaus

Schmidt, längst pensioniert, empfängt uns zuhause auf der Hohenheide. Wir sitzen im Wohnzimmer. Ein Hauch von Bauhaus weht durch die Räume: in den 20ern moderne Kunst, Architektur, Einrichtung, heute Klassiker der Moderne. Das passt zu Reformer Schmidt, Pädagoge mit Leib und Seele, beim Sprechen leuchten seine Augen.

Tatsächlich begann 1968 in Fröndenberg ein Zeitalter der Reformen. Es ging nicht anders. Eine NRW-weite Gemeindereform hatte das Städtchen schlagartig um etliche Ortsteile vergrößert. Rat und Verwaltung waren sich einig, dass das neue Gebilde eine weiterführende Schule benötigte. Nur welche? Hauptschule, Realschule, Gymnasium? „Und dann kam eine weitere Idee, die damals unter den fortschrittlichen Pädagogen diskutiert wurde: die Gesamtschule.“

In den 60ern drehte sich die Bildungsdebatte darum, dass Schulsystem für arme, aber kluge Kinder durchlässiger zu machen: Aufstieg durch Leistung – Geld sollte keine Rolle mehr spielen.

In dieser Zeit schlug die Stunde von Schmidt – als Jung-Lehrer im Gevelsberger Gymnasium. Dort probierte er Neues. Schmidt tauschte sich mit der örtlichen Hauptschule aus, schulte Referendare, führte, ganz neu, Teamarbeit im Unterricht ein. „Am besten lernen Schüler, wenn sie sich gegenseitig ‘was beibringen.“ Schmidt hatte einen aufgeschlossenen Chef. Er wurde sein Förderer.

Kurz darauf war Schmidt wieder der richtige Mann am richtigen Platz. Der damalige SPD-Landesregierung startete Ende der 60er die Gesamtschule als Schulversuch an sieben Orten, darunter in Fröndenberg. Schmidt wurde von der Schulbürokratie gefragt, ob er Lust habe, in einer Gesamtschule eine führende Rolle zu spielen. „Ich hatte drei Angebote.“

Mit einer Kollegin durchgebrannt

Sein Favorit war Fröndenberg: Die Gemeinde war neu, der Wille zur Gesamtschule parteiübergreifend. Schmidt wurde 1969 Schul-Vize – mit 29. Zum Rektor rückte er eine Woche später mit 30 auf. Sein Vorgänger war mit einer Kollegin durchgebrannt.

Wichtiger indes waren Inhalte. „Wir haben ein ganz neues Schulkonzept entwickelt“, erzählt Schmidt. „Ich wollte eine flexible Differenzierung. Wir bilden unterschiedliche Gruppen in einer Klasse. Oder wir fassen zwei Klassen zusammen.“ Den Unterricht machten Lehrer-Teams. Größere Gruppen benötigen größere Räume: Das Schulgebäude folgte Schmidts Konzept.

Und die 68er? Die rebellische Generation rückte 1971 in die GSF. „Das waren drei Lehrer aus Berlin“, erinnert sich Schmidt. Credo: „Der Arbeiter wird immer nur gezwungen, er kann gar nicht frei sein. Die Unternehmer sind die Ausbeuter.“ Das Trio wollte der Schülerschaft „kommunistische Grundsätze beibringen“. Folge: „Eine ganze Reihe von Eltern aus der Mittelschicht meldeten ihre Kinder ab.“ An benachbarten Gymnasien lernten die Eltern aber den Wert der GSF zu schätzen: „Die Kinder kamen da richtig gut zurecht.“ Und die Revoluzzer? „Ich habe sie gebeten, sich an andere Schulen versetzen zu lassen.“ Ihr Gastspiel dauerte ein halbes Jahr.

Nebengespräche sind tabu

Antiautoritäre Erziehung hieß für Schulleiter Ulrich Schmidt: „Wir wollten die Schüler dazu bringen, selbstständig zu arbeiten.“

Aber: „Ordnung und Regeln müssen da sein.“ Dazu gehören: Wer etwas sagen will, meldet sich. Und: Wer redet, darf ausreden. Drittens: Nebengespräche sind tabu. Wichtig war: Die Regeln sollten für die Klasse einsichtig sein.

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