Politik

Fröndenberger Juso-Chef: „Politik soll kontrovers sein“

Nach hitzigen Diskussionen hat sich die Politik darauf geeinigt, den Hindenburghain umzubenennen. Auslöser war ein Antrag der Jusos.

Nach hitzigen Diskussionen hat sich die Politik darauf geeinigt, den Hindenburghain umzubenennen. Auslöser war ein Antrag der Jusos.

Foto: Archiv/ M. Dinslage

Fröndenberg.  Sebastian Kratzel wird jüngstes Mitglied im Stadtrat. Parallelen zwischen Hindenburghain-Debatte und Kühnerts BMW-Enteignungsvorschlag zu sehen

Sebastian Kratzel, Vorsitzender der Fröndenberger Jusos, steht vor dem Einzug in den Stadtrat. Er wird Mitte Mai mit 26 als jüngstes Mitglied der SPD-Fraktion angehören.

Herr Kratzel, Mitte Mai ziehen Sie als jüngstes Mitglied in den Rat ein. Sind Sie schon aufgeregt?

Sebastian Kratzel : Ja, das kann man so sagen. Aber gleichzeitig auch geehrt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass das so kommt.

Die Ratsmitglieder sind im Schnitt mehr als doppelt so alt wie Sie. Ist das ein Nachteil oder ein Vorteil?

Nachteil würde ich nicht sagen. Das Problem ist eher, dass es nicht den Querschnitt der Gesellschaft repräsentiert. Es wäre schon sinnvoll, wenn mehr jüngere Menschen in den Rat einziehen würden, um jugendliche Politik zu machen.

Als Vorsitzender der Jusos haben Sie zuletzt eine kleine Debatte um die Umbenennung des Hindenburghains losgetreten. Wollen Sie polarisieren?

Wir wollten schon eine Debatte anstoßen, das auf jeden Fall. Das haben wir im Vorfeld auch gemerkt, als wir uns inhaltlich beraten haben und mit der Begründung des Antrags, dass wir da ein sehr sensibles Thema ansprechen. Das war auch Zweck des Antrags: Jetzt auch endlich nach so langer Zeit – es war ja schon einmal im Rat – eine Entscheidung herbeizuführen in Richtung Umbenennung. Es kommt immer das Argument, es so zu lassen und nur eine Erklärungstafel aufzustellen. Aber genauso gut kann man das Argument auch umdrehen: Wir können ihn [den Hindenburghain] auch umbenennen in Ruhrpark und dann ein Erklärungsschild hinmachen, dass er früher Ruhrpark, dann Hindenburghain und jetzt wieder Ruhrpark heißt.

Beim Blick auf Ihren Lebenslauf – auch auf das, was Sie momentan machen mitsamt der Debatten im Lokalen – gibt es eine kleine Parallele zum Bundesvorsitzenden der Jusos, Kevin Kühnert, der zuletzt gefordert hatte, BMW zu verstaatlichen. Überrumpelt der politische Nachwuchs mit solch gewagten Thesen die etablierten Kräfte?

Das ist ein interessanter Gedanke. Er hat es auf jeden Fall geschafft eine gesellschaftliche Diskussion anzuregen. Diskussion ist, was wir brauchen.

Das heißt, Querdenken ist etwas, was Sie später im Rat verkörpern wollen

Auf jeden Fall. Denn nichts ist schlimmer als eine Sitzung, die ruhig daherplätschert und dann gehen alle mit einem sehr guten Gefühl nach Hause. Politik soll nicht einfach nur daherplätschern, sondern kontrovers sein und alle Meinungen mit einbringen.

Wie ist es um den politischen Nachwuchs in Fröndenberg bestellt? Was wünschen Sie sich vom oder für den Nachwuchs?

Ich wünsche mir, dass wir mehr werden. Nicht nur als Mitglieder in den einzelnen Parteien und Jugendorganisationen. Ich wünsche mir grundsätzlich mehr Mitbewerber, aber vor allen Dingen, dass wir mehr Leute an Mandate bekommen. Dass wir uns als junge Leute besser kurzschließen können und auch Mehrheiten für neue Ideen bekommen.

Wo drückt denn in Fröndenberg aus Sicht der jungen Menschen besonders der Schuh?

Ich bin seit 2016 Vorsitzender der Jusos, davor war ich in der SV der Gesamtschule. Natürlich verändert sich das ein bisschen, aber was mir auffällt, ist, dass damals wie heute ein Ort fehlt, an dem man sich austauschen kann. Man hat seine Infrastruktur, WLAN, Räume. Also nicht nur die politische Jugend, sondern die Allgemeinheit. Ich glaube, es fehlt so ein bisschen die Vision, wo wir hin wollen in und mit der Stadt.

Apropos zentraler Treffpunkt: Würde da eine Idee von Rathaus-Neubau inklusive Bürgerhaus nicht greifen?

Ich vertraue darauf, dass die Verantwortlichen die beste Lösung für Fröndenberg finden.

Ein Ort, der einem sofort einfällt, ist das Spirit in Frömern, das sehr aktiv ist – gerade für junge Leute im Fröndenberger Norden.

Genau, von diesen Orten oder Einrichtungen wünsche ich mir mehr.

Fühlen sich die Jugendlichen womöglich gerade bei solchen Themen von der etablierten Politik abgehängt?

Ich glaube vielmehr, nicht ernst genommen. Das ist das, was ich oft mitbekomme. Es wird gesagt, Jugendliche interessieren sich nicht mehr für Politik. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Die Jugendlichen sind sehr politisch, sie bekommen schon mit, was in der Welt und Fröndenberg passiert. Sie äußern sich aber nicht zu vielen Themen.

In den vergangenen beiden Jahren gab es zweimal den Jugend-Stadtrat. Dort sind Dinge auf den Weg gebracht worden. Sind solche Aktionen für die Zukunft wünschenswert?

Ich finde es gut, dass so etwas gemacht wird, damit Jugendliche sehen, wie eine Ratssitzung abläuft.

Sie treten die Nachfolge von Lars Kern an. Schulausschuss, Verkehrsausschuss und Social Media haben Sie sich auf die Fahne geschrieben. Sollen oder wollen Sie Bindeglied zwischen Fröndenberger Jugend und Politik sein?

Ja, so verstehen wir das. Ich habe mit Taner Cegit und Julian Koch zwei Kollegen in der SPD-Fraktion, die ich sehr gut kenne, und wir versuchen, jüngere Themen in die Diskussion einzubringen. Wir haben es manchmal nicht so leicht, weil wir nicht so viele sind. Da liegen – je nach Alter – auch die Schwerpunkte anders. Aber wenn wir mit unserer Arbeit und den Ideen junge Leute erreichen, ist das super. Das wünschen wir uns auf jeden Fall.

Ihr Maschinenbau-Studium befindet sich auf der Zielgeraden. Wie soll es danach weitergehen? Wollen Sie mit anpacken? Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe wird zur Kommunalwahl 2020 nicht mehr antreten wird, vielleicht ist das ja auch ein Thema?

Nein, in die Richtung eher weniger (lacht). Zur Bürgermeisterkandidatur wird zu gegebener Zeit etwas gesagt. Das ist keine Option für mich. Dafür bin ich momentan auch noch zu jung und müsste da noch mehr reinwachsen. Ich studiere Maschinenbau und mache das sehr gerne. Ich suche mir da auch andere Projekte. Ich habe mir neulich ein altes Motorrad gekauft und bin dabei, dieses zu restaurieren. In der Fröndenberger Umgebung gibt es viele Unternehmen, die ich mir als potenzielle Arbeitgeber vorstellen kann.

Sie wollen der Region also auch beruflich erhalten bleiben?

Ja. Ich kann zwar nicht sagen, wo ich 20 Jahren stehe – das kann niemand –, aber das Ziel ist es schon, Fröndenberg erhalten zu bleiben. Ich bin hier in Warmen aufgewachsen, in den Kindergarten und zur Grundschule und auch zur weiterführenden Schule gegangen. Die Entfernung nach Dortmund, die ich ja jetzt jeden Tag zurücklegen muss, ist ja auch nicht schwierig. Deshalb sehe ich da kein Problem.

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