Tätowierungen

Justiz-Krankenhaus Fröndenberg entfernt Knast-Tattoos kostenlos

Mario Fester lässt sich seine Tätowierungen im Gesicht und an den Händen entfernen, damit er nach seiner Entlassung bessere Berufschancen hat.

Mario Fester lässt sich seine Tätowierungen im Gesicht und an den Händen entfernen, damit er nach seiner Entlassung bessere Berufschancen hat.

Foto: Pia Mester

Fröndenberg.  Mario Fester sitzt in der JVA Gelsenkirchen, doch bald wird er frei sein. Dann möchte er als Koch arbeiten. Doch seine Hände sind übersät mit Tätowierungen, die ihn als Knastbruder kennzeichnen. Darum lässt er sie sich im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg weglasern. Auf Kosten des Steuerzahlers.

Weihnachten wird Mario Fester in Freiheit sein. Seit zwei Jahren sitzt er in der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen ein. Er ist gelernter Koch, möchte nach seiner Entlassung wieder arbeiten. Seine Hände könnten ihm da im Weg sein. Sie sind übersät von Tätowierungen, Namen, Kreuzen und den drei Punkten auf dem Daumenhügel, die ihn als Knastbruder auszeichnen. Darum lässt er sich jetzt im Justizvollzugskrankenhaus (JVK) seinen Körperschmuck weglasern. Auf Kosten des Steuerzahlers.

Es knistert leicht, als das gebündelte Licht auf Mario Festers Handrücken trifft. Im Raum hängt der Geruch von verbrannten Haaren. Der 54-Jährige zieht die Luft durch die Zähne. Schwester Petra ist beeindruckt: Sie hat fast die höchste Stufe am Laser eingestellt und ihr Patient lässt sich nichts anmerken. Aber an einigen Stellen ist Festers dann doch überrascht von dem Schmerz. „Viele Patienten sagen, es fühle sich an wie heiße Nadelstiche“, weiß Schwester Petra. Sie behandelt bei dem Häftling aus Gelsenkirchen nur die Tätowierungen an den Händen, am Hals und an der Wange. Die schwarzen Bilder an seinen Unterarmen wird er behalten, ebenso wie die anderen Tattoos, die man nicht sieht. „Am liebsten wäre ich sie alle los“, sagt er. Aber da sind die Richtlinien klar: Auf Staatskosten wird nur entfernt, was bei normaler Bekleidung sichtbar ist. Mehr nicht.

Tattoo-Entfernungen gehören zur täglichen Behandlung

Seit Joachim Turowski, Leiter des Justizvollzugskrankenhauses, sich erinnern kann, gehört die Tattoo-Entfernung bei Gefängnisinsassen zu den täglichen Behandlungen im JVK. Anfangs wurden die gefärbten Hautschichten noch einzeln abgetragen. Ein schmerzhafter Prozess, der große, dicke Wunden hinterließ. Heute benutzen die zuständigen acht Krankenschwestern ein Lasergerät. Nicht der neueste Stand, aber es tut seinen Dienst. Jeden Donnerstag ist Sprechstunde, 15 Patienten aus allen Haftanstalten in NRW lassen sich dann behandeln. Meistens sind es Männer. Ungefähr 500, schätzt Schwester Petra, die heute Dienst hat, werden es 2013 gewesen sein. Bis eine Tätowierung komplett entfernt ist, braucht es ungefähr acht Behandlungen, immer mit einem Abstand von sechs Wochen. Wie erfolgversprechend das Lasern ist, hängt von vielen Faktoren ab, erklärt Schwester Petra: „Grün bekommen wir fast gar nicht weg. Und bei selbstgestochenen Tattoos ist es auch schwieriger, die Farbe sitzt da tiefer in der Haut.“

Eine Tattoo-Entfernung bei einem Hautarzt oder in einem Kosmetikstudio kostet zwischen 50 und 400 Euro pro Sitzung. Die Behandlung wird nicht von der Krankenkasse übernommen. Es ist schließlich eine Schönheitsbehandlung. Noch dazu eine, die man selbst verschuldet hat. Daher ist die Tattoo-Entfernung auch immer wieder Thema im NRW-Justizausschuss, jüngst angestoßen von der CDU. Ist es gerechtfertigt, Kriminellen eine Schönheitsbehandlung zu bezahlen?

Tattoos könnte Eingeliederung erschweren

Ist es, findet Turowski. Allerdings sieht er die ganze Sache leidenschaftslos. Wenn sich die Landesregierung entschließen sollte, die Behandlung nicht mehr zu finanzieren, dann wäre das eben so. „Aber was macht es für einen Sinn, Tausende von Euro in die Ausbildung und Sozialisation der Insassen zu investieren, und dann bekommen sie wegen eines Tattoos nach ihrer Haft keinen Job?“ Denn meistens handelt es sich dabei um Bilder mit Bedeutung. Etwa die Knastträne, die viele Häftlinge auf der Wange tragen, oder die berühmten drei Punkte in der Daumenfalte. Oft tragen die Patienten auch Symbole ihrer Vergangenheit mit sich herum, denen sie längst abgeschworen haben. Schwester Petra erinnert sich noch an den Gefangenen, der Hitlers Konterfei in Originalgröße auf der Brust getragen hat. Da sei die Hände-Hals-Gesicht-Regel auch mal zugunsten des ehemaligen Neonazis außer Kraft gesetzt worden. Weitere Fälle sind große Bilder im Gesicht. Schwester Petra: „Ich habe mal einen behandelt, der ein Spinnennetz im Gesicht hatte.“ Wer würde so jemanden einstellen?

Ob ein Häftling die Lasersprechstunde in Fröndenberg besuchen darf, wird genau abgewogen, erklärt Joachim Turowski. Wenn seine Betreuer ihm keine großen Chancen ausrechnen, nach der verbüßten Strafe lange in Freiheit zu bleiben, wird auf die Behandlung verzichtet. Ebenso, wenn ein Insasse nicht aufrichtig mit seiner beispielsweise rechtsradikalen Vergangenheit abgeschlossen habe.

Mario Festers Handrücken hat sich mittlerweile weiß verfärbt. Die Verbrennungen behandelt Schwester Petra mit Salbe und Verbänden. In eineinhalb Monaten wird der ehemalige Zuhälter wiederkommen. Genug Zeit, um alles entfernen zu lassen, hat er aber nicht mehr. Nach ihrer Entlassung müssen die Häftlinge selbst für die weitere Behandlung aufkommen. Und das, so Schwester Petra, können sie sich meistens nicht leisten.

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