Erzählabend

Die Geschichten der Gelsenkirchener Bergleute sind geblieben

Geschichten-Erzähler Reinhold Adam (Bildmitte) und Wolfgang Höfener (r.) begeisterten das Publikum im Besucherstollen des Nordsternparks.

Geschichten-Erzähler Reinhold Adam (Bildmitte) und Wolfgang Höfener (r.) begeisterten das Publikum im Besucherstollen des Nordsternparks.

Foto: Heinrich Jung / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen-Horst.  Der Bergbau im Revier ist Geschichte – aber die Erzählungen der Bergleute sind geblieben. Ausgewählte Anekdoten waren nun Thema im Nordsternpark.

Der Besucherstollen im Nordsternpark bot eine erholsame Kühle von der sommerlichen Hitze „über Tage“, dementsprechend waren die Campingtische gut gefüllt. Zum 16. Mal hatten der Freundeskreis Nordstern und die Stadtteilbibliothek Horst zur „Lesung im Schein von Grubenlampen“ eingeladen.

Die Geschichten sind geblieben

„Letztes Jahr endete der Bergbau, aber die Bergleute und ihre Geschichten sind geblieben“, erklärte Reinhold Adam seinem Publikum. „Selbst der Beginn des Bergbaus in Horst lief nicht ganz problemlos. Das erste Malheur hatte man schon 1857: Ein Schacht wurde schief geteuft. Das Bergamt hat dem angeblich dauernd betrunkenen Steiger die Schuld daran gegeben. Das Klischee der nicht enden wollenden Sauferei auf Nordstern hält sich bis heute.“

Reinhold Adam, Dieter Rogosch, Ernst-Peter Bechtloff und Bettina von der Höh hatten zu dieser Lesung wieder viele Geschichten aus dem Leben der Bergleute von Nordstern und anderen Orten mitgebracht. Dazu gehörte auch ein Erlebnis von Ernst-Peter Bechtloff persönlich: „Nachrichtenübermittlung ging unter Tage oft nur von Mund zu Mund. Da waren Missverständnisse vorprogrammiert, wie bei ‚Stille Post‘. Blinklichtsignale waren schon ein großer Fortschritt. Aber einmal fiel die Elektrik aus und gleichzeitig bemerkte jemand Rauch im Streb. Also hat der Fahrsteiger beim Elektrohauer angerufen, damit der die Anlage repariert. Der Elektrohauer fragte dann: Ist der Mann mit der Decke schon da, damit ihr solange Rauchzeichen geben könnt?“

Auf der Spur der Emscherbrücke

Bettina von der Höh vom Geschichtskreis Karnap war derweil als Ersatz für den erkrankten Willi Weiß eingesprungen. Sie erzählte von der Emscherbrücke, die um 1900 für Horst und Karnap einen großen Fortschritt brachte: „Not macht halt erfinderisch. Die Bergknappen sagten sich: Warum hat Gott an der Emscher denn Bäume für eine neue Brücke wachsen lassen? Eines Tages stand da wie durch ein Wunder die neue Brücke – sehr zur Freude der Karnaper Geschäftsleute, die jetzt eine viel bessere Verkehrsverbindung nach Horst hatten. Die sagten sich: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“

Als unterhaltsames Extra trug Reinhold Adam eine Geschichte vor, die aus den Namen der Zechen im mittleren Ruhrgebiet zusammengesetzt ist.

Der Sänger und Gitarrist Wolfgang Höfener ergänzte die Lesung mit Liedern rund um Arbeit und Fußball. Für die Lesung hatte er nicht nur das unverzichtbare Steigerlied und die Schalke-Evergreens „Blau und Weiß, wie lieb ich dich“ und „Ob ich verroste und verkalke“ im Programm, sondern auch gesungene Anekdoten wie „Mein Mann hat Nachtschicht, kannst heute kommen“ und ein Lied über die Skulptur „Herkules“ auf dem ehemaligen Förderturm.

Keine Angst vor Veränderungen

Am Ende blieb für Reinhold Adam eine Schlussfolgerung aus allen Geschichten und Liedern: „Veränderungen gab es immer. Früher nannte man Nordstern auch ‚Pütt Elend‘. Aber Nordstern ist der Beweis dafür, dass man vor Veränderungen keine Angst haben muss. Über Nordstern wurde schon mal eine Totenmesse gesungen. Aber Nordstern lebt weiter!“

Nach Ende der Lesung schossen alle Akteure und Besucher zusammen ein Foto und schickten es mit Genesungswünschen an Willi Weiß.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben