Religiöse Bildung

Kita-Kinder in Gelsenkirchen feiern alle Feste gemeinsam

Idil, Erzieherin Melanie Matz, Sevinc, Till, Berra, Bosse, Nisa, Lyia und Nil  (von rechts) beim Gespräch über den Hintergrund des Osterfestes.

Idil, Erzieherin Melanie Matz, Sevinc, Till, Berra, Bosse, Nisa, Lyia und Nil (von rechts) beim Gespräch über den Hintergrund des Osterfestes.

Foto: Olaf Ziegler

Gelsenkirchen.   Interreligiöse Bildung und gemeinsames Feiern aller Feste gehört im Schweizer Dorf in Gelsenkirchen zum Konzept. Wie funktioniert das?

Nil, Idil und Liya feiern mit ihren Familien kein Osterfest. Und gefastet wird daheim – wenn überhaupt – dann zur Ramadan-Zeit. Fast 70 Prozent der Kinder im Familienzentrum im Schweizer Dorf haben einen Migrationshintergrund. Was es mit Ostern auf sich hat, wissen diese drei Vorschulkinder trotzdem, ebenso wie die anderen in dieser Kita, in der die Feste aller Religionen miteinander gefeiert werden.

Aber es werden nicht nur gemeinsam Eier bemalt und Körbchen gebastelt: Auch die Geschichte und die Hintergründe der religiösen Feste werden erzählt und besprochen. Wie heute in der Stunde, in der die Ostergeschichte an der Reihe ist.

„Weil der Jesus auferstanden ist!“

„Warum feiern wir denn Ostern?“ stellt Erzieherin Melanie Matz gleich zum Einstieg die Gretchenfrage in die Runde, die sich an diesem Tag zur Oster-Geschichtsstunde im Raupenzimmer zusammengefunden hat. „Weil der Jesus auferstanden ist“, rufen gleich mehrere in die Runde. „Wir wollen nicht alle gleichzeitig sprechen. Meldet euch doch lieber“, bittet Matz. Erfolgreich, vorübergehend zumindest. Gleich recken sich fünf Finger drängend in die Höhe.

Vor den im Halbkreis sitzenden Kindern ist eine Art Altar aufgebaut, mit Wechselbildern, die den Leidensweg Christi samt Auferstehung nachzeichnen. Erzieherin Yagmur Gündogdu hockt neben diesem „Altar“, blättert die Bilder um. Eines erzählt von Jesu Einzug in Jerusalem. Es zeigt Menschen, die ihm zujubeln, als er auf einem Esel in die Stadt reitet, die Mäntel vor ihm auf den Weg werfen.

Ein fröhliches, buntes Bild

„Ist das ein fröhliches Bild?“ fragt Melanie Matz. „Jaaaa“ strahlt Berra. Und Liya weiß auch, warum alle so fröhlich sind auf dem Bild. „Der Jesus hilft doch immer allen!“ „Jesus hat alle lieb und teilt mit allen“, ergänzt Bosse.

Die nächste Tafel hat eine dunklere Stimmung, zeigt trauernde, offensichtlich unglückliche Menschen. Warum? Auch das weiß Bosse: „Weil ein Freund Lügen über Jesus verbreitet hat. Der hat ihn verraten.“ Melanie Matz nickt und fragt: „Habt ihr denn auch schon mal jemanden verraten? Oder seid ihr verraten worden?“ Rosalie druckst ein wenig: „Ja, einmal hat meine Freundin etwas verraten über mich, das sie nicht sagen sollte. Da hab ich schon ein bisschen Angst gehabt, dass ich eine Strafe bekomme!“ Die Erzieherin gibt zu:„Ich hab auch schon mal jemanden verpetzt. Danach habe ich mich gar nicht gut gefühlt.“ „Das war ja eigentlich einer von den guten Freunden von Jesus. Wieviele gute Freunde hatte der Jesus denn? Wisst ihr das noch?“ will Melanie Matz jetzt wissen. „12“ rufen Sevinc und Till fast gleichzeitig.

Warum sind die Ostereier bunt?

Die letzte Bildtafel strahlt förmlich, soviel Licht ist auf ihr zu sehen. Das Licht kommt aus dem Grab Jesu, das leer ist, davor stehen staunende Frauen.

Ein junger Mann verkündet Maria die Auferstehung des Gottessohnes. „Und die elf echten Freunde sind dann alle durchs ganze Land gezogen und haben von ihm erzählt“, erinnert sich Bosse an die Geschichte, die im Kindergarten schon einmal besprochen wurde.

Langsam wird es ein wenig unruhig in der Gruppe. Rosalie möchte trotzdem noch etwas zum Thema Ostern ergänzen: „Und die Eier, die haben die Menschen früher gekocht und gefärbt, damit sie nach der Fastenzeit wussten, welche die frischen sind.“ Womit die Journalistin noch etwas dazugelernt hat.

Religiöse Bildung wird hier groß geschrieben

Interreligiöse Bildung – nicht religiöse Erziehung – gehört im Familienzentrum Schweizer Dorf zum Programm. Alle Feste, vom Zucker- bis zum Weihnachtsfest, werden gemeinsam begangen. Auch Gotteshäuser aller Konfessionen, christliche Kirchen ebenso wie die Synagoge und Moscheen, werden gemeinsam besucht.

Zu Ostern hat das Schweizer Dorf einen ganz besonderen Bezug: Kurz vor Ostern 1946 landete dessen Gründer, der Schweizer Dr. Alfred Ledermann, mit einem Zug voller Barackenteile in Gelsenkirchen, um hier die Not für Kinder zu lindern. Er errichtete das Dorf auf dem Sportplatz am Stadtgarten, am heutigen Standort. Hier fanden Kinder Zuflucht und Nahrung: physische und seelische Kalorien, wie Ledermann betonte, der auch Backwaren im Gepäck hatte.

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