Kabarett

Rainald Grebe pflegt den reinen Endreim auch geschüttelt

Rainald Grebe brennt ein Feuerwerk an Stichen gegen die digitalen Windmühlen ab.

Rainald Grebe brennt ein Feuerwerk an Stichen gegen die digitalen Windmühlen ab.

Foto: Michael Korte / FFS

Gelsenkirchen.  Beim „Elfenbeinkonzert“ im Gelsenkirchener Musiktheater spielt der Liedermacher mit der Digitaltechnik. Es wird ein langer Theaterabend.

Sein Feind ist überall, jederzeit, allgegenwärtig. Die Technik ist eigentlich sein „Tool“, sein Werkzeug, gibt er preis, aber Rainald Grebe steht doch viel lieber zu den alten Werten. Die verteidigt er immer und immer wieder beim „Elfenbeinkonzert“ im Musiktheater und verlangt dafür dem Zuschauer viel ab. Sich selbst aber auch alles, das tiefe Atmen kommt nicht von ungefähr, wenn man so über die Bühne irrwischt, mit Inbrunst artikuliert und in die Tasten greift.

Seine Botschaft versteckt er etwas hinter dem atemberaubenden Tempo, mit dem er Anspielungen an die Wand projiziert, bekannte Motive auf dem Flügel anspielt oder seinem alten Koffer entlockt. Der klingt wie das Navigationsgerät oder kritisiert, was er seinen Kunden noch genauer erklären muss. Als ob die über zwei Stunden ihm immer noch nicht genug wären, hämmert der Liedermacher immer wieder und mit immer neuen Seitenhieben sein Credo in die Reihen: „Der Endreim muss sauber sein.“

Den findet er noch bei den Fantastischen Vier in „Die da“ und erklärt es eindringlich an den Zeilenenden des Textes. Den reinen Endreim findet er dann aber so gar nicht mehr in 20 Jahre jüngeren Texten der Rapper und Hip-Hopper. Von der reinen Lehre der Sprachwissenschaft hin und zurück zu springen ist ihm ein Leichtes.

Selbst Goethe lässt hier Federn

In einem Atemzug prangert er an, dass Jakob und Wilhelm Grimm nicht etwa dem Volk aufs Maul schauten, sondern sich nur in Kreisen der „vons“ diktieren ließen, was denn Volkslied sei. Selbst den Größen der Literatur geht er an die Federn, vor allem dem Weimarer Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe.

Der nächste Atemzug demontiert das „Volkslied“ weiter, denn nicht dem Berufsstand der Müller galt „Das Wandern ist des Müllers Lust“, dahinter verbirgt sich vielmehr der Autor Wilhelm Müller, verrät er. Nur dessen Freizeit könne dem Wandern gegolten haben, demaskiert Grebe. Die anderen Müller oder auch die fröhlichen Landmänner dürften nach ihrem Tagewerk viel zu geschafft gewesen sein.

Dabei wird erst im allmählichen Zusammenführen der Fragmente deutlich, was diesen Rainald Grebe

umtreibt. Hier ist es das Goethe-Institut, genauer das in Abidjan in der afrikanischen Elfenbeinküste, die dem Abend den Titel aufdrückte. Nur kurz flackert über die Leinwand das Bild der brennenden Elfenbein-Stoßzähne, konfisziert von Wilderern. Weil damit der Standort Abidjan für die Goethe-Institut-Prüfer als gefährlich gegolten haben muss, kam er auf die Maximal-Punkte 21 im Ranking.

„Palmöl aus Malmö“ singen alle mit

Das erste Lachen bleibt so oft im Halse stecken, doch Rainald Grebe amüsiert sich auch an Wortspielen und schüttelreimt ganz gegen den reinen Endreim. Auf „Adebar im Sabbatjahr“ kommt man ebenso wenig wie auf „die Liebe ist ein Omnibus, auf den man lange warten muss“. Oder lernt begeistert das hymnische „Palmöl aus Malmö“ mit zu intonieren.

Der Schelm spielt, jongliert mit Worten und Wörtern, zeigt die Zähne nicht nur beim Lächeln, und holt nicht etwa Luft bei seinen Balladen, sondern deckt für Momente die dunkle Trauer über Verlorenes über den glitzernden Schein des Neuen, der Mode.

Wohl dem, der ihm auf seinen anspruchsvollen Sprüngen und Umwegen folgen kann. Das sind an diesem Abend viele, wie der lange Applaus beweist. Und das lange Warten auf den Nachholtermin an einem grauen Oktoberabend belohnt bekommen.

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