Tipps zum Abtauchen

Einfach abtauchen: Das geht nicht nur am Strand. Mit welchen Büchern ihrer Meinung nach das quasi an jedem Ort funktioniert, verraten hier WAZ-Redakteure und Mitarbeiter.

Einfach abtauchen: Das geht nicht nur am Strand. Mit welchen Büchern ihrer Meinung nach das quasi an jedem Ort funktioniert, verraten hier WAZ-Redakteure und Mitarbeiter.

Foto: Clara Margais / dpa

Gelsenkirchen.  Die Ferien gehen zur Neige. WAZ-Redakteure und Mitarbeiter verraten, wie man mit Büchern trotzdem noch gut abtauchen kann, und zwar an jedem Ort.

Urlaubszeit ist Schmökerzeit, ganz gleich, ob es ein Urlaub auf Balkonien, in den Bergen oder am Meer ist. Zugegeben, beim Höhenwandern kann ein dicker Wälzer zur Belastung im wörtlichsten Sinne werden. Aber das meiste gibt es heute ja auch als E-Book, so dass auch hier nicht nur die Beinmuskulatur, sondern auch Gehirnzellen verwöhnt werden können. WAZ-Redakteure und Mitarbeiter haben eine kleine Auswahl ihrer Lieblingsbücher zusammengestellt. Viel Spaß beim Lesen!

Alex Capus: Das Leben ist gut

Eine kleine Kneipe namens Sevilla-Bar mit bewegter Geschichte in einem beschaulichen Schweizer Örtchen in einem Stadtteil, der die besten Jahre hinter sich hat, aber wild entschlossen ist, der Gentrifizierung zu widerstehen: Hierhin kommt die Welt zum Ich-Erzähler, der hinterm Tresen der Sevilla-Bar steht. Gesprochen wird die Geschichte „Das Leben ist gut“ im Hörbuch vom Autor selbst: Alex Capus. Der Meister anrührender Liebesgeschichten bar jeder Rührseligkeit, schildert hier in unaufgeregtem Erzählton und mit in jeder Hinsicht schweizerisch geprägtem Akzent die Geschichte seiner Kneipe, ihrer Gäste, seiner Ehe, seiner Kinder und der Welt, die zu ihm kommt.

Eigentlich ist der Barbetreiber Schriftsteller, die Kneipe hat er eröffnet, weil es im Ort keine mehr gab, in die er selbst gehen mochte. Und weil das einstige Wohnheim für spanische Gastarbeiter in der Schweiz, einst als Bauruine eines insolventen Einheimischen ein Dauerprovisorium, sonst abgerissen worden wäre. Der Erzähler, der nicht wenige Gemeinsamkeiten mit Capus selbst hat, ist jemand, der zufrieden ist mit dem, was ist und was er hat. Er verlässt sein Örtchen nur selten, arrangiert sich aber damit, dass seine Frau als Dozentin vorübergehend nach Paris ging. Es sind immer wieder kauzig-charmante Details, die die innige Beziehung der beiden charakterisieren, obwohl diese eigentlich eher am Rande der Erzählung bleibt. Viel Raum nimmt die Geschichte des Stierkopfes – des Torro – seines spanischen Freundes und Stammgastes Miguel ein, der lange über dem Tresen prangte. Es ist eine übersichtliche Welt, die Capus hier schildert. Wohltuend unaufgeregt und alles andere als langweilig. Erschienen bei Hanser und im Deutschen Taschenbuchverlag sowie als Hörbuch.

Ketil Björnstad: Vindings Spiel

Ich bin kein Skandinavien-Kenner. So war es eher ein Zufall, der mich zu „Vindings Spiel“ des norwegischen Pianisten und Schriftstellers Ketil Björnstad führte. „Du magst doch klassische Musik“, sagte ein Freund und machte mir dieses Geburtstagsgeschenk. Gefangen genommen hat mich das Buch sofort.

Der Protagonist Aksel Vinding ist ein Heranwachsender im Oslo der 1960er Jahre, die Zeit zwischen bürgerlichen Strukturen und Ausbrechen aus eben diesen ist stimmungsvoll erzählt. Wer über 55 Jahre alt ist, kann Parallelen zur eigenen Jugend erkennen, für später Geborene ist es ein malerisches, nachvollziehbares Abbild der Epoche. Liebe, Hass, Neugier, Verzweiflung, Weltschmerz – alles ist mit fünfzehn intensiv, direkt, absolut. Björnstad schafft es, die Gefühlslagen einer Clique Gleichaltriger während ihres Heranwachsens ohne Pathos, mit Zärtlichkeit und Zuneigung aufzuzeichnen.

Gibt es auch in anderen Büchern? Ja, aber nicht gepaart mit solch wunderbaren Beschreibungen der Musik, wie Björnstad es kann. Die Freunde und Freundinnen von Aksel spielen nämlich, wie er selber, Klavier, studieren und träumen von einer Karriere als Konzertpianisten. So rankt sich die Geschichte zwischen Sinfonien von Anton Bruckner und Etüden von Frédéric Chopin, Tondichtungen von Sergei Rachmaninow und Klavierkonzerten von Ludwig van Beethoven. Wer klassische Musik kennt, kann die Klänge zwischen den Zeilen hören, erfährt eine Bereicherung der Erzählstruktur, so dicht sind die Schilderungen, so nah am Empfinden der Personen.

Auch wer keine Vorstellung der einzelnen Werke im Ohr hat, kann begreifen, wie stark die Leidenschaft für die Musik ein Leben beeinflussen kann. Sie ist sowohl rettender Anker im Sturm von emotionalen Verwirrungen wie Auslöser von tragischem Geschehen – das alles zeigt „Vindings Spiel“. Der Roman wurde Auftakt zu einer Trilogie: Es folgten „Der Fluss“ und „Die Frau im Tal“.

Paul Auster: 4321

Wenn wir uns in dieser oder jener Situation anders verhalten oder entschieden hätten: Wie sähe unser Leben dann aus? Und was, wenn unsere Eltern, damals, als wir klein waren, einen anderen Weg eingeschlagen hätten, beruflich wie privat?

Dieser Frage geht Paul Austers fesselnder Roman „4321“ nach: Er erzählt die Geschichte seines Protagonisten Archie Ferguson im Amerika der 1950er und 1960er Jahre in gleich vier Varianten. Alle vier beginnen am selben Startpunkt mit denselben Eltern am selben Ort, mit einem intelligenten, ehrgeizigen und schreibbegabten Jungen, nehmen aber unterschiedliche Richtungen – je nachdem, ob die Eltern sich scheiden lassen, der Vater bei einem Brand stirbt und die Mutter in finanzielle Schwierigkeiten gerät oder mit dessen Lebensversicherung komfortabel leben kann, das Mädchen Amy Archies Liebe erwidert oder er, verloren nach dem Tod des Vaters, homosexuelle Erfahrungen macht, ob er sein sportliches Talent als Baseball-Spieler ausleben kann oder sich versagt als Beweis seiner Zuneigung an seinen besten Freund, der im Ferienlager ums Leben kommt, ob er als Stipendiat an einer Eliteuni studiert oder sich als armer Autor in Paris durchschlägt.

Dabei belässt es der Autor nicht bei einem Entwicklungsroman, sondern taucht ein in das politisch aufgeheizte Klima zwischen Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King, Mordanschlag auf John F. Kennedy, Vietnamkrieg und Studentenunruhen 1968. Auster erzählt packend, mitreißend, aufwühlend auf den mehr als 1000 Seiten – und dass nicht alle Archies überleben, macht „4321“ unglaublich realistisch. Auch als Taschenbuch, Hörbuch und E-Book erhältlich.

Laetitia Colombani: Der Zopf

Drei einander fremde Frauen, drei ferne Welten und ein gemeinsamer Kampf: der um Selbstbestimmung. Das Leben von Smita in Indien, Giulia in Italien und Sarah in Kanada könnte unterschiedlicher kaum sein. Die französische Autorin Laetitia Colombani porträtiert in ihrem Roman „Der Zopf“ (288 Seiten, 11 Euro) kapitelweise Figuren, deren Lebenswege sich nicht kreuzen und deren Schicksale doch auf wundersame Weise miteinander verwoben sind. Das Buch verknüpft die drei Erzählstränge kunstvoll und überraschend wie zu einem Zopf zusammen.

Da ist zum einen die hart arbeitende Fäkaliensammlerin Smita, die einer niederen Kaste angehört und deren einziger Wunsch es ist, dass ihre Tochter lesen und schreiben lernen darf. Da ist zum anderen die ehrgeizige Anwältin Sarah, deren glänzende Karriere plötzlich durch eine schwere Krankheit ausgebremst wird. Und da ist Giulia, die am Bett des sterbenden Vaters erfährt, dass das Familienunternehmen, eine Perückenfabrik in Palermo, kurz vor der Pleite steht.

Jede Frau kämpft mutig, stark und hoffnungsvoll gegen ihr Schicksal. Wie sich die fernen Lebenslinien am Ende treffen und miteinander verknüpfen,sei hier nicht verraten. Wohl aber, dass die Autorin ihre Leser in einfühlsamem, leichten Tonfall mitnimmt auf eine spannende, facettenreiche, anrührende Reise rund um den Globus. Der Kampf der Frauen hat sich am Ende gelohnt, das Lesen auch.

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so wie es nie war

„Mein erster Toter war ein Rentner“ – wer mit so einem Satz einsteigt, fackelt nicht lange. Wie Joachim Meyerhoff, Autor, vor allem aber auch begnadeter Schauspieler, in seinem zweiten Roman „Wann wird es endlich wieder so wie es nie war“ (KiWi, gebunden 19,99 Euro). Ist das ein Vater-Sohn-Buch? Eine etwas bizarre Familien-Geschichte? Ein Buch vom Erwachsenwerden in nicht alltäglicher Umgebung einer Kinder- und Jugendpsychiatrie?

Auf jeden Fall ist es ein Werk, das gefühlssatt balanciert zwischen Alltags-Wahnsinn, praller Lebensfreude, krassem Humor, kleinem Glück und größeren Alltags-Katastrophen, Sehnsüchten, urkomischen Pointen, traurigen Momenten und letztlich dem Tod. Jawoll, das alles verbindet Meyerhoff als Ich-Erzähler. Und das macht er höchst unterhaltsam und gut in einem Buch, das liebevoll das Leben aufblättert, einen mitnimmt auf eine wilde Reise durch die Jugendjahre seines Haupt-Protagonisten, eines Jungen, der sich mit den Buchstaben schwer tut und immer wieder von unheiligem Zorn gepackt wird. Dessen Vater in der Theorie glänzt, aber in der Praxis meist gnadenlos scheitert, mit einer Mutter, die mit ihrer Rolle hadert und zwei Brüdern, die sich hingebungsvoll-verkopft ihren Hobbys widmen.

Höchst erheitert überstehen wir mit den Romanfiguren Schneekatastrophen und fatale Segeltörns, Sportambitionen und Gärtnerglück, ja selbst den höchst leidvollen Versuch, mit einem arglosen Hund Blutsbrüderschaft zu schließen. Kurz und knackig sind die Kapitel, auch bestens zum Vorlesen geeignet machen sie Lust auf mehr. Meyerhoff hat längst nachgelegt und schildert Meyerhoff in mittlerweile vier Bänden

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