100(0) Jahre Gladbeck (16)

Nur zögerlich kamen die Nazis in Gladbeck an die Macht

Am 24. Juli 1932 besuchte Adolf Hitler auf seiner „Westfalenfahrt“ ein einziges Mal Gladbeck und sprach im Stadion unter dem Motto „Deutschland erwache“.

Am 24. Juli 1932 besuchte Adolf Hitler auf seiner „Westfalenfahrt“ ein einziges Mal Gladbeck und sprach im Stadion unter dem Motto „Deutschland erwache“.

Foto: Stadtarchiv

Gladbeck.  Erst 1929 bildete sich die erste Ortsgruppe in der Stadt. Die NSDAP erreichte bei Wahlen nie die Mehrheit im Rat. 1932 kam Hitler nach Gladbeck.

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Trotz der guten kommunalen Entwicklung zeigten sich Ende der 20er Jahre längst die Vorboten einer neuen, unheilvollen Zeit – wenn auch noch ganz verhalten. Von 1927 datiert das erste NSDAP-Parteimitglied in Gladbeck, ein Mann namens Konrad Wilde, der zur Ortsgruppe Buer gehörte. Erst 1928 formierte sich in Gladbeck ein NSDAP-Außenstützpunkt mit drei Mitgliedern, außergewöhnlich spät, wie es unter Historikern heißt. Und es dauerte noch einmal ein Jahr, bis es 1929 zur Gründung einer eigenen Ortsgruppe Gladbeck mit neun Mitgliedern kam.

Maßgeblich am Zustandekommen war ein Zugezogener: Edwin Müller, ein damals 25-jähriger Konditor, aus Göttingen stammend, der im Café Siebeck (Hochstraße) arbeitete. Müller wurde erster Ortsgruppenleiter. Die Gründung fand ausgerechnet im Vestischen Hof der evangelischen Kirche statt. Später wurde der Vestische Hof sogar offizielles Veranstaltungslokal der Gladbecker Nazis. Auch Ende 1930 zählte die NSDAP lediglich 31 Mitglieder in der Stadt, allerdings war die Zahl der Sympathisanten vor allem in bürgerlichen Kreisen gestiegen.

Der politische Widerstand gegen die Nazis war an der Basis anfangs groß

Die Startschwierigkeiten der Nazis in Gladbeck lagen begründet im breiten politischen Widerstand an der Basis, in den Stadtteilen. Vor allem Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten und Gewerkschafter verstanden es über lange Zeit, die politischen Versammlungen der Gladbecker Nazis zu stören. Nicht selten endeten sie in tumultartigen Szenen und/oder sogar in Schlägereien. Trauriger Höhepunkt war eine Saalschlacht am 4. März 1932 in der Gaststätte Kiekenberg in Zweckel, bei der es zwei Tote gab. Fast überall in der Stadt hatte die Partei vor 1933 Lokalverbot. Einer der wenigen Orte, der ihr verblieb, war der Vestische Hof.

Unglücklicherweise starb in dieser unübersichtlichen politischen Lage am 30. Dezember 1931 OB Michael Jovy nach schwerer Krankheit, aber dennoch überraschend im Alter von gerade 40 Jahren. Gladbeck fehlte fortan eine verlässliche Kraft, eine ordnende Hand. In dieser schwierigen Lage konnten sich die Parteien monatelang nicht auf einen neuen Mann an der Spitze der Stadt einigen. Erst knapp ein Jahr später einigten sich Zentrum, SPD und Wirtschaftspartei auf den zentrumsnahen Dr. Bernhard Hackenberg, der am 15. Oktober 1932 seinen Dienst antrat und sich nicht einmal ein halbes Jahr später den Nazis andienen sollte.

Der NSDAP gelang in der Stadt nur langsam der Aufbau parteilicher Strukturen

Nur langsam gelang der NSDAP der Aufbau parteilicher Strukturen. Schließlich gründete sich am 1. Oktober 1932 ein Kreisverband der Partei in Gladbeck. Und auch bei den Wahlen fuhren die Nazis in Gladbeck anfangs nur klägliche Ergebnisse ein. Sie waren bis zum Frühjahr 1933 nicht im Rat vertreten – und erreichten auch nie auf demokratische Weise die Mehrheit in der Stadt. Zu sehr dominierten in der Arbeiterstadt vor 1933 linke Kräfte die politische Öffentlichkeit.

Ansporn sollte den Gladbecker Nazis der Wahlkampfbesuch Adolf Hitlers am 24. Juli 1932 geben, der einzige Besuch Hitlers in Gladbeck. Doch Hitler schlugen in der Stadt kaum Sympathien entgegen, er wurde bei seiner Fahrt durch die Stadt nicht bejubelt. Die Autokolonne fuhr, aus Horst kommend, durch menschenleere und fahnenlose Straßen. Die Geschäfte waren geschlossen, die Kaufleute befürchteten sogar Unruhen. Am abgeriegelten Rathaus wartete lediglich die Kreisleitung auf den Gast, keine Honoratioren der Stadt, die ja zu der Zeit auch keinen OB hatte.

Die Nazis erzielten bei der Wahl im November 1932 in Gladbeck nur 17,9 Prozent

Erst im Stadion stieß Hitler auf frenetischen Jubel, wo er vor tausenden Anhängern sprach. Die begeisterten Massen (rund 20.000 Zuschauer waren im Stadion) hatte man aus weitem Umkreis, vor allem aus dem Münsterland, herangeschafft. Gladbecker waren „dem Rummel“, so heißt es in einigen Quellen, größtenteils ferngeblieben. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in der Stadt lief denn auch nicht so makellos ab wie an vielen anderen Orten im Deutschen Reich Anfang 1933. Im Gegenteil: Es gab ein letztes Aufbäumen demokratischer Kräfte gegen die Nazis. Erst Mitte April 1933 galt auch das „rote Gladbeck“ als gleichgeschaltet, der offene Widerstand als gebrochen.

Am Tag der „Machtergreifung“, am 30. Januar 1933, tagte im Rathaus der 1929 gewählte Stadtrat. Er war zum letzten Mal vor der anstehenden Kommunalwahl im März zusammengekommen. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler spielte in der Sitzung keine Rolle – vielleicht auch deshalb, weil die NSDAP nicht im Rat war. Sie war 1929 von nur 164 Gladbeckern gewählt worden (0,64 %). Gladbeck hatte damals gut 61.000 Einwohner, im Rat mit seinen sieben Parteien gab es keine klare Mehrheit. Bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 wurde die NSDAP zwar deutlich stärker gewählt, wurde aber nur viertstärkste Partei mit 17,92 Prozent hinter dem Wahlsieger KPD (27,53 Prozent), dem Zentrum (25,92 Prozent) und der SPD (18,54 Prozent).

Bei der „Machtergreifung“ gab es in Gladbeck ein letztes Aufbäumen der Demokratie

Auf Gladbecks Straßen blieb es am Abend des 30. Januars 1933 ruhig. Nichts war von Nazis zu sehen und zu hören – es gab keinen Siegeszug wie andernorts, keine Fackeln, keine Fahnen. Vielmehr formierte sich noch einmal Protest – es sollte der letzte freie Widerstand für die nächsten zwölf Jahre sein. Die Gladbecker SPD und der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund organisierten spontan zunächst eine öffentliche Protestkundgebung im Lokal Mey (heute Meygarten), mit dem Reichsbanner als Zeichen des Selbstbehauptungswillens, wie es in einer Quelle heißt. Es schloss sich ein Demonstrationszug „durch die dunklen Straßen der Innenstadt“ an. Auch am nächsten Tag soll es noch Proteste der Gladbecker Linken gegeben haben.

Bald nach dem 30. Januar begann aber die Repression der Nazis gegen politisch Andersdenkende. Doch erst am 6. März 1933, am Tag nach der Landtags- und Reichstagswahl mit Zugewinnen für die NSDAP auch in Gladbeck, wurde die erste Hakenkreuzfahne auf dem Rathausturm gehisst. Die letzten Sozialdemokraten unter den Verwaltungsmitarbeitern, zu denen Anfang 1933 nur einige wenige NSDAP-Mitglieder zählten, wurden im März aus dem Dienst gedrängt.

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