Justiz

77-jähriger Mann muss für sechs Monate ins Gefängnis

Der 77-Jährige erhielt eine Gefängnisstrafe ohne Bewährung.

Der 77-Jährige erhielt eine Gefängnisstrafe ohne Bewährung.

Breckerfeld.   21 seiner 77 Lebensjahre hat ein alter Mann im Gefängnis verbracht. Nun muss er erneut hinter Gitter – er war ohne Führerschein unterwegs.

In der Hansestadt lebt ein richtig „schwerer Junge“: Er wohnt nahe des Ortskerns und wird 77 Jahre alt. Davon hat er stolze 21 Jahre im Gefängnis verbracht, viele Jahre in Zuchthäusern. Gestern hätte er mal wieder einen Gerichtstermin im Landgericht gehabt, doch er erschien nicht – unentschuldigt. Verhängnisvolle Konsequenz: Der bald 77-jährige Breckerfelder wandert hinter Gitter, diesmal für ein halbes Jahr.

Alter schützt vor Strafe nicht

Landgericht Hagen, gestern Morgen, kurz nach 9 Uhr: Den Aufruf über Lautsprecher, in Sitzungssaal 352 einzutreten, befolgt lediglich ein Polizeibeamter, der als Zeuge geladen ist. Richter Dieter Krause, Vorsitzender der 8. kleinen Strafkammer, schaut vorsichtshalber noch einmal genau in die Runde: Auch nach 16 Minuten Wartezeit bleibt der Platz des Angeklagten frei. Das kann der Richter selbst bezeugen, denn der Breckerfelder ist ihm persönlich bekannt und säße eigentlich das dritte Mal vor ihm, wenn er denn erschienen wäre.

Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Pauli vertritt die Anklagebehörde im Gerichtssaal, er kennt sich im Thema gut aus: In Detmold, beispielsweise, gäbe es eine Spezial-Abteilung im Bereich der Strafvollstreckung, die sich eigens um betagtere Straftäter kümmere. Denn selbst ein hohes Alter – auch wenn das die Bevölkerung oft anders glaube – schütze nicht vor Strafe.

Siebenmal ohne Führerschein

Der Angeklagte sei bestimmt siebenmal ohne Führerschein Auto gefahren, ohne dabei jemals von der Polizei erwischt worden zu sein. Oberstaatsanwalt Dr. Pauli befürchtet deshalb nicht ohne Grund: „Wenn der heute Bewährung kriegen würde, sitzt der morgen wieder hinterm Steuer.“

Doch Bewährung ist schon aus gesetzlichen Gründen nicht mehr drin. Denn nach 15 Minuten vergeblicher Wartezeit bleibt Richter Krause nur noch das Recht, die Berufung des Angeklagten auf dessen Kosten „zu verwerfen“. Das bedeutet: Das Urteil erster Instanz, vom Amtsgericht Lüdenscheid im Februar diesen Jahres verkündet, bleibt bestehen – sechs Monate Gefängnis ohne Bewährung. Der nunmehr auch in zweiter Instanz „im Namen des Volkes“ zu einer Haftstrafe verurteilte Breckerfelder dürfte diese trotz seines hohen Alters wohl „locker wegstecken“: Er verfügt seit 1958 im wahrsten Sinn des Wortes über Knasterfahrung.

Eigentlich banale Tat

Die Ladung zum Berufungstermin war bereits am 28. April 2018 mit Zustellungsurkunde ordnungsgemäß erfolgt.

Der Polizeibeamte aus Halver erinnert sich gut an die eigentlich banale Tat: Der Breckerfelder Senior war am 30. März vergangenen Jahres auf der Landstraße 528 in Höhe Neuenvahlefeld, einer Hofschaft im sauerländischen Sundern, morgens um 8.45 Uhr in einem schwarzen VW-Golf angehalten worden.

Nummernschilder manipuliert

Die Ordnungshüter kannten ihn. Offensichtlich befand er sich mal wieder auf dem Weg zu der kleinen Schrauberwerkstatt, die er seinerzeit in Halver betrieb. Die Nummernschilder am Auto waren manipuliert und mit aufklebten falschen TÜV-Plaketten versehen.

Urkundenfälschung nennt sich das. Zudem lag mal wieder kein gültiger Führerschein vor. Der Breckerfelder hat sich mittlerweile eine Fahrerlaubnissperre bis zum Jahr 2041 eingehandelt, dann wäre er (theoretisch) 100 Jahre alt.

„Das ist“, sinniert der Polizeibeamte noch, „die längste Fahrerlaubnissperre, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe.“

>>Hintergrund: Stichwort Zuchthaus

Das erste deutsche Zuchthaus wurde 1609 eröffnet. Es war ein Gefängnis mit strafverschärfenden Haftbedingungen und Zwang zu harter körperlicher Arbeit, oft bis zur Erschöpfung (z.B. Steinbrüche). Verbunden mit der Zuchthausstrafe war der Verlust bürgerlicher Ehrenrechte (Titel, öffentliche Ämter). Juni 1969 wurde es abgeschafft.

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