Gespräch der Woche

Aktivistin aus Hagen: „Wir müssen den Ökozid verhindern“

Franziska Heinisch hat nach dem Abitur am Albrecht-Dürer-Gymnasium ein Jurastudium aufgenommen und ein Buch geschrieben.

Franziska Heinisch hat nach dem Abitur am Albrecht-Dürer-Gymnasium ein Jurastudium aufgenommen und ein Buch geschrieben.

Foto: Marco Pultke

Hagen.  Franziska Heinisch aus Hagen hat an einem Bestseller mitgeschrieben, der die Forderungen der Fridays-for-Future-Generation zusammenfasst.

Franziska Heinisch (20) hat ihr Jurastudium unterbrochen, um für ein Ziel zu kämpfen: die Abwendung der Klimakatastrophe. Doch das könne nur gelingen, sagt die Hagenerin, wenn sich unser Wirtschafts- und Bildungssystem fundamental wandelt.

Die Abiturientin des Albrecht-Dürer-Gymnasiums ist zum Gesicht des Autorenkollektives, das mit dem Busch „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen“ in die Bestsellerlisten vorgedrungen ist.

Sie eilen derzeit von Interview zu Interview, von Lesung zu Lesung. Wie sind Sie nach dem Abitur 2017 zur Buchautorin geworden?

Franziska Heinisch: Es war nie mein Plan, Buchautorin zu werden. Ich begreife mich auch eher als Aktivistin. Gemeinsam mit anderen jungen Menschen kämpfe ich im Jugendrat der Generationen Stiftung für Generationengerechtigkeit. Wir versuchen, politische Mittel zu finden, die Debatten anstoßen und Veränderungen bewirken können. Ein Ergebnis davon ist „Ihr habt keinen Plan, darum machen wir einen“. Dass es auf derart große Resonanz stoßen würde und die beschriebenen Auswirkungen auch für mich persönlich haben würde, hätte ich nicht gedacht. Aber es zeigt, dass wir mit unserer Suche nach Antworten auf aktuelle Probleme nicht allein sind.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Unsere Zukunft steht auf dem Spiel. Wir müssen die Klimakrise bewältigen und den Ökozid verhindern. Das ist unverhandelbar. Aber je präsenter die Klimadebatte in der Öffentlichkeit wurde, desto mehr hat mir und meinen Mit-Autoren ein Plan gefehlt, der die Rettung unserer Zukunft ganzheitlich angeht und die Ursachen der Klimakrise in den Fokus nimmt. Die Politik scheint keinen wirklichen Plan für die Zukunft zu haben. Also haben wir es in die Hand genommen, einen zu machen.

Was bewegt Sie, sich so für unsere Erde einzusetzen?

Mich bewegt vor allem die Angst um meine Zukunft und die der kommenden Generationen. Wir alle können ein Bild davon gewinnen, in welcher Welt unsere Kinder und Enkelkinder leben werden, wenn wir nicht jetzt unser Denken und Handeln fundamental verändern. Ich will ihnen nicht in ein paar Jahren in die Augen sehen und sagen müssen, dass ich alles gewusst, aber trotzdem nichts getan habe. Mich bewegt auch Wut auf die, die sich immer noch zurücklehnen, als könnten wir Bedrohungen wie die Klimakrise einfach wegignorieren. Aber vor allem habe ich die Hoffnung, dass wir das Ruder noch herumreißen können. Und solange ich die noch nicht aufgegeben habe, werde ich weitermachen.

weg führt nach berlin

Wie sehr eilt es denn mit der Rettung der Welt?

Sehr. Die nächsten Jahre sind entscheidend dafür, auf welche Erderhitzung wir zusteuern. Die Erderhitzung muss unbedingt auf 1,5 Grad begrenzt werden. Dabei geht es aber nicht um die Rettung der Welt. Die Erde wird weiterexistieren. Es geht um die Frage, ob wir Menschen weiter unsere eigene Lebensgrundlage zerstören – und welche irreparablen Schäden wir verursacht haben werden, wenn wir begreifen, dass es um nichts weniger als unser eigenes Überleben geht.

Sie behaupten, die Klimakrise sei nicht bloß eine Klimakrise. Wie meinen Sie das?

Es ist eine Illusion, wenn wir denken, die Klimakrise käme allein. Sie ist zugleich eine Wirtschafts-, Demokratie- und Gerechtigkeitskrise. Und wenn wir sie nicht als solche begreifen, bekämpfen wir immer nur Symptome, nie aber ihre Ursachen. Die Klimakrise lässt sich nicht bekämpfen, ohne dass wir beispielsweise dem Ressourcenraubbau und Wachstumszwängen ein Ende machen, dem Faktor Zukunft in politischen Entscheidungen endlich Bedeutung einräumen und aufhören, die Kosten unseres Lebensstils zu externalisieren. Es geht bei der Bewältigung der Klimakrise nicht um leichte Kurskorrekturen, sondern die großen systemischen Stellschrauben.

Was werfen Sie der Politik vor allem vor?

Ich werfe Politikern vor, dass sie keinen Plan für die Bewältigung der existenziellen Probleme unserer Zeit vorlegen. Würden sie Verantwortung übernehmen, läge es nicht an uns jungen Menschen, zu protestieren, Forderungen zu stellen – ja, sogar die Pläne für die Rettung unserer Zukunft selbst vorzulegen. Ich fordere von ihnen, sich ehrlich zu machen, Verantwortung zu übernehmen und Probleme anzugehen, statt sie kleinzureden.

hier gibt es mehr artikel, bilder und videos aus hagen

Sie sind für die Generationen-Stiftung tätig. Wer trägt sie und was macht sie?

Die Generationen-Stiftung begreift sich als Interessensvertretung der jungen und kommenden Generationen und streitet für unbedingte Generationengerechtigkeit in Politik und Wirtschaft. Sie lässt dabei uns junge Menschen selbst sprechen, indem sie uns mit aller Kraft unterstützt, Streiter für unsere Zukunft zu werden. Die Generationen Stiftung wurde von Claudia Langer gegründet und finanziert sich rein über private Spenden.

Ist der Umgang mit der Klimaproblematik ein Generationenkonflikt?

Ja, klar. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass es die Klimakrise gibt – gehandelt wurde nicht. Die Folgen davon tragen vor allem junge Menschen – und berechtigterweise klagen wir die älteren Generationen dafür an. Klar ist aber auch: Die Bewältigung der Klimakrise braucht mehr denn je einen Schulterschluss zwischen Jung und Alt. Deshalb rufen wir im Buch dazu auf, eine neue Generation zu bilden, die sich nicht mehr anhand von Altersgrenzen, sondern anhand ihrer Haltung bemisst.

Fühlen Sie sich von den Älteren im Stich gelassen?

So pauschal kann ich das nicht sagen. Ich fühle mich von all denen im Stich gelassen, die sich zurücklehnen und nichts tun. Aber gerade von den Älteren kriege ich massenhaft Zuschriften, in denen sie sich mit uns Jungen solidarisieren. Insofern bekommen wir aus den älteren Generationen auch starken Rückenwind.

Sie plädieren für die Abschaffung der Gymnasien. Was hat das mit der Klimarettung zu tun?

In dieser stark verkürzten Form lässt sich der Zusammenhang nicht so einfach herstellen. Aber wenn wir unsere Wirtschaftsweise ändern, soziale Gerechtigkeit herstellen und eine Arbeitswelt der Zukunft etablieren wollen – alles Bedingungen, die wir im Buch aufstellen –, müssen wir dazu auch Bildung neu denken. Für den detaillierteren Zusammenhang empfehle ich einen Blick ins Buch. Das würde hier den Rahmen sprengen.

Verwässern solche Forderungen nicht den Umweltgedanken und sind eher schädlich denn nützlich?

Die Bewältigung der Klima- und Umweltkrise hat oberste Priorität – allein aufgrund ihrer Dringlichkeit. Aber sie wird nicht gelingen ohne eine ganzheitliche sozial-ökologische Transformation von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Diese Herausforderung in ihrer Komplexität anzuerkennen, halte ich nicht für schädlich, sondern für unbedingt notwendig.

Warum kriegt die Menschheit diese dringenden Probleme nicht in den Griff?

Das liegt daran, dass wir gerade überhaupt erst beginnen, die Ausmaße der Probleme anzuerkennen. Außerdem ist der politische Druck bislang einfach noch nicht groß genug, um die notwendigen Veränderungen zu bewirken. Der Einzelne fühlt sich ohnmächtig. Wir sind nicht bereit, aus unserer Bequemlichkeit aufzuschrecken. Die Gründe sind vielfältig. Aber: Das lässt sich ändern.

Was kann der Einzelne denn tun?

Jeder Einzelne kann seine politische Macht nutzen. Wir können unsere Zukunftszerstörer für ihre Entscheidungen in Haftung nehmen. Wir können gegen ignorante Wirtschaftsweisen protestieren. Wir können eine andere Politik wählen – und machen. Es geht nicht nur um zum Beispiel das persönliche Konsumverhalten, sondern vor allem darum, systemische Veränderung anzustoßen.

Wie geht es mit Ihnen persönlich weiter?

Ich arbeite weiter bei der Generationen-Stiftung und im Jugendrat daran, generationengerechte Politik und Wirtschaft zu schaffen. Die bisherigen Mittel haben dazu noch nicht gereicht – also müssen wir uns noch bessere einfallen lassen. 2020 muss das Gamechanger-Jahr werden. Zugunsten dessen verlagere ich mein Jurastudium von Heidelberg nach Berlin und stelle es etwas zurück. Genaueres kann ich nicht sagen: Ich hätte schließlich vor einem Jahr auch nicht gedacht, heute Buchautorin zu sein. Insofern bin ich gespannt auf 2020.

Franziska Heimisch wird am Donnerstag, 30. Januar, um 19.30 Uhr in der Aula des Albrecht-Dürer-Gymnasiums aus dem Buch vorlesen. Alle Interessierten sind willkommen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben